Berlin

Gefährlich viel Sonne bei der Arbeit

UV-Strahlung lässt Zellen entarten. Heller Hautkrebs ist als Berufskrankheit anerkannt. Experten raten zum Schutz nach dem Top-Prinzip

Berlin. Die Politesse, der Postbote, der Landwirt, die Gärtnerin und der Maurer haben alle etwas gemeinsam: Sie arbeiten oft draußen – was vor allem bedeutet, dass sie der Sonne viel öfter ausgesetzt sind als Büroangestellte. Und das ist gefährlicher, als die meisten denken. Denn der Körper kann nur eine bestimmte Dosis UV-Strahlen vertragen. Wird sie überschritten, lässt sich eine chronische Erkrankung an hellem Hautkrebs kaum vermeiden.

So kommt es, dass der helle Hautkrebs seit 2015 zu den rund 80 Berufskrankheiten zählt. Die Menschen, die im Job daran erkranken, bilden nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) inzwischen neben anderen Hauterkrankungen und der Lärmschwerhörigkeit einen großen Anteil der anerkannten Fälle.

Laut den aktuellsten Zahlen wurden 2016 insgesamt 20.539 Berufskrankheiten anerkannt, 5063 davon gingen auf das Konto der Sonne. Mehrere tausend Verdachtsfälle kamen hinzu. Nicht zuletzt deshalb erforschen Experten das Risiko für Arbeitnehmer mit Außentätigkeit derzeit intensiv.

Ein Dosimeter am Oberarm misst die Belastung

Physiker Marc Wittlich leitet seit vier Jahren das Projekt Genesis-UV am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA). Rund 800 Probanden – Winzer bei der Weinlese ebenso wie Maurer auf dem Bau – haben mehr als ein halbes Jahr lang bei der Arbeit ein sogenanntes Dosimeter am Oberarm getragen – ein Gerät, das so schwer ist wie eine Tafel Schokolade und die UV-Belastung misst. Die Auswertung der Ergebnisse sei erschreckend gewesen: Kanalbauer etwa bekommen pro Jahr fast 600 sogenannte Standard-Erythem-Dosen (SED) von oben „auf den Pelz“, Gemüsebauer immerhin noch 395. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine SED am Tag als Höchstmaß, und selbst die kann bei Menschen mit heller Haut und rötlichen Haaren schon einen Sonnenbrand auslösen. „Im Mai bekommen viele Menschen die meiste Sonne ab. Dann sitzt man nach einem langen Winter zum Beispiel ungeschützt mittags draußen“, sagt Wittlich.

Wenn sich die Haut dann wehrt und Farbe bekommt, möchte Professor Swen Malte John am liebsten von „ungesunder Bräune“ sprechen: „UV-Strahlung schädigt das Erbmaterial unmittelbar, das heißt, Zellen entarten. Gleichzeitig wird das Immunsystem heruntergefahren. Das ist so ähnlich als würde man in einem Haus Feuer legen, zugleich die Leitung zur Feuerwehr kappen und Straßensperren errichten“, sagt der Leiter des Fachgebiets Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Osnabrück. John ist Fachmann für berufliche Hauterkrankungen, leitet ein dermatologisches Zentrum am BG-Klinikum in Hamburg und berät die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sowie die WHO zu diesem Thema.

Die Folgen der Sonnenstrahlen zeigen sich zunächst an Frühformen, sogenannten aktinischen Keratosen, die dann später in ein Plattenepithelkarzinom übergehen können. John: „Im Gegensatz zu dem schwarzen Hautkrebs, malignes Melanom genannt, sind diese Stellen hautfarben und schuppig. Sie entstehen meist an den sogenannten Sonnenterrassen des Körpers, also im Gesicht oder im Nacken.“

Wer diese Anzeichen bemerkt, sollte direkt seinen Hautarzt zu Rate ziehen. Denn wenn man einmal an weißem Hautkrebs erkrankt ist, tauchen immer wieder solche Stellen auf sonnenbeschienen Körperregionen auf – das heißt laut John, dass diese Frühformen in vielen Fällen alle zwei Monate entfernt werden müssen. Neue Diagnose-Codes der WHO machen es laut dem Experten seit dem 18. Juni möglich, dass die unterschiedlichen, durch Sonne ausgelösten Formen von hellem Hautkrebs leichter als Folgen des Berufs und damit als Berufskrankheit anerkannt und behandelt werden. Derzeit wird auch darüber diskutiert, die gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen und –beratungen für Menschen, die draußen arbeiten, gezielt auszuweiten.

Um den Krebs zu verhindern, raten Experten, das sogenannte TOP-Prinzip zu beherzigen. Was das bedeutet, erläutert Dr. Anette Wahl-Wachendorf, die als Arbeitsmedizinerin für die Berufsgenossenschaft für die Bauwirtschaft mit dem Thema Sonnenschutz befasst ist.

„T steht für technische Maßnahmen. Das heißt zum Beispiel, dass über dem Arbeitsplatz – etwa einer Baustelle – ein Sonnensegel gespannt wird. Oder dass die Arbeiter regelmäßig den Schatten aufsuchen, sich stündlich mit Wasser abkühlen“, so Wahl-Wachendorf. Mit O ist die Organisation gemeint, die sich im Tagesablauf niederschlagen kann. So sollte etwa eine Mauer in der Zeit zwischen April und September draußen nicht in der prallen Mittagssonne hochgezogen werden, sondern besser am frühen Morgen oder in den späten Nachmittagsstunden.

Mit dem P ist schließlich die persönliche Schutzausrüstung gemeint. Wahl-Wachendorf: „Wir empfehlen Shirts mit einer dichten Webstruktur, die nicht lichtdurchlässig sind. Außerdem gibt es Kühlwesten gegen die Hitze.“ Helme für alle, die viel draußen arbeiten, gibt es mit einem Blendring als Nackenschutz – gefördert von der Berufsgenossenschaft. Hinzu kommen eine schützende Brille für die Augen und die Sonnencreme, die laut Swen Malte John ruhig den Faktor 50+ haben kann: „Damit dieser völlig erreicht wird, müsste man die Creme messerrückendick auftragen, was keiner tut. Um sich halbwegs akzeptabel zu schützen, sollte man sich wenigstens so reichlich wie möglich eincremen, bevor man in die Sonne geht – und ein Produkt wählen, dass gegen UV-Strahlung der unterschiedlichen Wellenlängen schützt, also sowohl gegen UVA als auch UVB.“

John betreut gerade eine Studie, in der es um spezielle Sonnencremes für die Arbeit geht – im kommenden Jahr soll sie abgeschlossen sein. Dann soll es auch Empfehlungen für geeignete schützende Cremes geben, die nicht von Schweiß davongespült oder leicht abgerieben werden können.

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