Krebskongress

Onkologie: Wie gut sind wir im Kampf gegen den Krebs?

Auf dem 33. Deutschen Krebskongress diskutieren Experten die Zukunft der onkologischen Medizin. Wir haben mit dem Gastgeber gesprochen.

Die Zukunft der Krebstherapie liegt in einer individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Behandlung.

Die Zukunft der Krebstherapie liegt in einer individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Behandlung.

Foto: nicolas_ / Getty Images/Vetta

Berlin.  Noch immer ist Krebs nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Die Medizin macht Fortschritte, doch die Schritte sind klein. Über neue Ansätze diskutieren noch bis Sonnabend 10.000 Experten auf dem 33. Deutschen Krebskongress in Berlin.

Dort geht es nicht nur um Heilung, auch die Versorgung der Erkrankten in ihrer letzten Lebensphase ist zum ersten Mal ein Schwerpunkt. Kongresspräsident ist in diesem Jahr der Radioonkologe Professor Thomas Wiegel, der seine Arbeit vor 25 Jahren im Keller einer Krankenhauses begann. Ein Gespräch über die Entwicklung der Krebsmedizin.

Professor Wiegel, es vergeht kaum eine Woche, in der nicht von Fortschritten in der Diagnose oder Therapie von Krebs berichtet wird. Trotzdem sterben in Deutschland jedes Jahr unverändert mehr als 200.000 Menschen an Krebs. Warum?

Thomas Wiegel: Zunächst haben Sie recht, seit etwa 15 Jahren liegen die Zahlen in Deutschland konstant bei 220.000 Toten im Jahr. Das ist die absolute Zahl, die auch mit der gestiegenen Lebenserwartung zu tun hat. Die Menschen werden älter und dadurch sterben mehr ältere Menschen an Krebs. Aber gucken Sie sich nur bestimmte Altersgruppen an, sehen Sie, dass die Todesrate in Deutschland leicht sinkt – in den letzten 15 Jahren um acht bis zehn Prozent. Nicht viel, aber immerhin. Trotzdem sind es zu viele Tote und Sie fragen zu Recht nach dem Warum.

Was antworten Sie als Onkologe?

Wiegel: Dass es vielfältige Entwicklungen sind und dass Krebs nicht gleich Krebs ist. Es gibt bestimmte Krebsarten, an denen sterben unverändert viele Menschen oder die Zahlen steigen sogar. Nehmen Sie etwa das Bronchialkarzinom bei den Frauen. Die Fallzahlen bei diesem aggressiven Tumor steigen weil die Frauen mit dem Nikotinkonsum aufgeholt haben. Und parallel dazu steigen auch die Todesfallraten. Bei anderen Krebsarten wurden Hoffnungen in neue Therapien enttäuscht, wie etwa beim Prostatakarzinom. Dort hat man, anders als gedacht, keine durchschlagende Senkung der Sterberate erreicht.

Vor keiner Erkrankung fürchten sich die Deutschen so sehr wie vor Krebs. Die Zahlen sind ja auch erschreckend: 40 Prozent der Deutschen erkranken einmal in ihrem Leben an Krebs. Also viele Millionen potenziell Todgeweihte?

Wiegel: Das klingt natürlich viel. Aber erstens muss man hier wieder die steigende Lebenserwartung erwähnen. Es ist eben die Kehrseite der Medaille eines langen Lebens. Außerdem werden heute – ganz anders als noch vor 20 Jahren – die Tumoren in vielen Fällen früher erkannt. Krebs ist also heute nicht mehr zwangsläufig mit dem Stigma Tod verbunden. Krebs ist zu einer chronischen Erkrankung geworden …

… die große Ängste hervorruft.

Wiegel: Die Menschen haben Angst vor dem Unheimlichen. Dass nach Jahren plötzlich Metastasen auftauchen. Bei Brustkrebs, 15 Jahre später, kommen aus dem Nichts die Metastasen, obwohl sich die Frau seit zehn Jahren geheilt glaubt. Aber diesem Unheimlichen muss man begegnen, indem man es auf ein normales Level hebt: Es ist eine chronische Erkrankung. Keine besonders tolle, richtig. Aber sie ist in enorm vielen Fällen heilbar.

Sie arbeiten seit 25 Jahren als Radioonkologe. Was hat sich seitdem getan?

Wiegel: Es fängt damit an, dass wir damals aus Strahlenschutzgründen im Keller gearbeitet haben. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Die Patienten gingen zur Behandlung in den Keller eines Krankenhauses – der Ort an dem sonst nur die Toten liegen. Heute kommen 50 Prozent unserer Patienten mit dem Ziel, geheilt zu werden. Früher dachte man, 100 Prozent der Strahlentherapierten sterben. Vor 25 Jahren habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, was heute technisch möglich ist. Wir können Tumoren in der Tiefe eines Körpers auf drei Millimeter genau treffen. Das bedeutet viel weniger Nebenwirkungen, weil wir nicht mehr so viel gesundes Gewebe mitbestrahlen.

Wiegel: Die Lebensqualität der Patienten hat sich also verbessert?

Absolut. Aber dieses hohe Gut, das so wertvoll ist für viele Erkrankte, wird gar nicht so wahrgenommen. Alle stieren mit großen Augen nur auf die Überlebensraten, auf die Heilung. Aber wenn wir bei einer chronischen Erkrankung die Lebensqualität ganz erheblich verbessern, ist das doch sehr wertvoll. Das ist genau wie in der Palliativmedizin.

Auf die haben Sie auf dem Kongress einen der Schwerpunkte gelegt. Warum?

Wiegel: Weil das Thema Sterben auf Krebskongressen bislang eher unterrepräsentiert war. Man wendet sich eher der Heilung zu als der Optimierung der Sterbephase.

Weil das ein Ausdruck des Scheiterns wäre? Kapitulation vor der Krankheit?

Wiegel: Das würde ich nicht sagen. Nur weil man sich auf die hoffnungsfrohen Dinge stürzt, heißt das nicht, dass man sich vor dem Scheitern versteckt. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der Altern und Sterben in den Hintergrund gedrängt werden. Das sehen Sie doch auch beim Blick auf die öffentliche Berichterstattung. Aber die Realität sind nun einmal 220.000 Menschen im Jahr, die in ihrer letzten Lebensphase eine besondere Betreuung durch Spezialisten brauchen, die den Blick auf die Lebensqualität richten. Nur leider ist diese palliative Begleitung bei vielen in der Bevölkerung noch nicht angekommen, besonders auf dem Land.

Auch die Immuntherapie ist ein großes Thema auf dem Kongress. Dabei wird das körpereigene Immunsystem genutzt, um den Krebs zu bekämpfen. Ist der Hype um die individualisierte Therapie berechtigt?

Wiegel: Die Immuntherapie ist natürlich in aller Munde. Man wird von ihr in naher Zukunft noch einige echte Fortschritte erwarten können. Die werden dann aber nur für kleinere spezielle Patientengruppen von Bedeutung sein. Es führt also nicht dazu, dass deswegen 50.000 Menschen weniger im Jahr sterben. Sondern dass in einer bestimmten Untergruppe viele Patienten nicht sterben. Das Gleiche gilt für die Molekularpathologie, auch ein Schwerpunktthema. Der Pathologe kann durch die Charakterisierung des jeweiligen Tumors herausfinden, welches Mittel bei welchem Patienten besonders gut wirkt.

Ist das die Zukunft? Sich der Vielfalt der Krankheit stellen und viele kleine Therapieansätze entwickeln?

Wiegel: Ja, das ist ein künftiger Weg. Dass man versucht, spezielle Gruppen zu finden, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gut behandeln kann. So kann man diese unglaublich teuren Therapien denen zukommen lassen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit profitieren.