Berlin

Alternative Therapien bei Neurodermitis

Millionen Deutsche leiden an chronischen Hautentzündungen. Eine neue Studie untersucht die Wirksamkeit von Akupunktur und Osteopathie

Berlin. Paul Scheuschner hatte nicht das Glück, das andere Kinder haben, die kurz nach der Geburt an Neurodermitis erkranken. Während bei etwa 30 Prozent der Betroffenen die Hautentzündungen bis zum fünften Lebensjahr zur Ruhe kommen oder verschwinden, hatte Scheuschner lange damit zu kämpfen – mal mehr, mal weniger. Die Krankheit verläuft meist in Schüben. Um kratzfrei schlafen zu können, war Scheuschners Körper zwischendurch sogar teilweise in Mullbinden eingewickelt worden.

"Mit Beginn der Schulzeit habe ich bewusst wahrgenommen, wie Neurodermitis auf Dritte wirkt", sagt der Unternehmer. Zwar sei zu diesem Zeitpunkt sein Gesicht nicht mehr betroffen gewesen, dafür aber Hände und andere Stellen des Körpers. "Ich war schrecklich unglücklich und habe mich geschämt", so Scheuschner.

Im Jahr 2008 begann für den gebürtigen Berliner eine Phase extremer Schübe. "Ich begann, sehr viele Dinge auszuprobieren. Man kann sich kaum vorstellen, wie zermürbend das sein kann", sagt der 31-Jährige. Seit drei Jahren ist er praktisch frei von Symptomen. "Eine Eigenbluttherapie brachte den Durchbruch. Aber Neurodermitis ist eine sehr komplexe Krankheit. Und was bei dem einen hilft, wirkt noch lange nicht bei anderen."

Schutzfunktion gegen Keime und Allergene geht verloren

Die Erinnerung an die ständigen Arztbesuche und die Gefühle von Scham und Enttäuschung ließen Paul Scheuschner nicht ruhen. Im Mai gründete er die Deutsche Neurodermitis Stiftung und nahm Kontakt zu Kliniken und Ärzten auf. Zuvor hatte er bereits einzelne Patienten gefördert, dann schwenkte er auf den Schwerpunkt Wissenschaft um. Seit wenigen Monaten ist die erste mit Stiftungsgeldern finanzierte Studie auf den Weg gebracht. "Mir geht es nicht darum, eine bestimmte Heilmethode zu bewerben. Mich interessieren Ursachenforschung und die Frage, was die Symptome nachweisbar lindert", sagt Scheuschner.

Experten schätzen die Zahl der Neurodermitis-Patienten in Deutschland auf drei bis vier Millionen. Drei Prozent der Erwachsenen und etwa 13 Prozent der Kinder zeigen Merkmale. Auffällig viele Betroffene gibt es in den westlichen Industrieländern.

Neurodermitis ist eine Erkrankung aus dem sogenannten atopischen Formenkreis. Dazu gehören auch Asthma oder Heuschnupfen. Ursache ist vermutlich ein Mix aus genetischer Veranlagung, immunologischen Faktoren und Umwelteinflüssen – Schadstoffe in der Luft zum Beispiel, Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Kosmetika. In der Folge kommt es zu einer Überempfindlichkeit der Haut. Sie verliert ihre Schutzfunktion gegen Keime, Allergene, Schadstoffe. Sie trocknet aus, entzündet sich, juckt. Es kann zu Ekzemen, Knoten oder Pusteln kommen.

Die Therapie besteht aus mehreren Bausteinen, die oft nach und nach ausprobiert werden müssen: Vermeidung, Gewöhnung, Hautpflege. In schweren Phasen wird die Entzündung medikamentös bekämpft. "Etwa 50 Prozent der Patienten wollen aber nicht langfristig Medikamente wie beispielsweise Kortison-Präparate oder Immunmodulatoren nehmen. Medikamente also, die häufig schnell wirksam sind, aber bei längerfristigem Einsatz Nebenwirkungen haben können", sagt Professor Benno Brinkhaus, Internist und Leiter des Projektbereichs Naturheilkunde und Komplementärmedizin an der Charité in Berlin. Deshalb hielten Patienten auch nach naturheilkundlichen und komplementären Therapieverfahren Ausschau.

Was aber hilft gegen Neurodermitis? Eigenbluttherapie, Darmsanierung, Bachblüten, Lichttherapie, Schüssler Salze, Harnstoff – die Liste der angeblichen Heilsbringer ist lang. Wissenschaftlich bewiesen ist ihr Nutzen meist nicht. "Es gibt zur Erforschung von komplementären und naturheilkundlichen Alternativtherapien bei chronischen Krankheiten wie Neurodermitis wenige Fördermöglichkeiten", erklärt Brinkhaus. Und für eine staatliche Unterstützung reiche meist die Zahl der geforderten Vorstudien nicht aus. Zwei entsprechende Anträge der Charité seien aus diesem Grund abgelehnt worden.

Die Deutsche Neurodermitis Stiftung macht es nun möglich, dass Benno Brinkhaus und die Ärztin Gabriele Rotter untersuchen können, wie Akupunktur und Osteopathie die Krankheit beeinflussen. "Studien geben erste Hinweise darauf, dass der Juckreiz, der bei Neurodermitis manchmal extrem ausgeprägt ist, und weitere Symptome durch beide Methoden reduziert werden können", sagt Rotter. Ursache dafür seien womöglich die Einflüsse von Osteopathie und Akupunktur auf das vegetative Nerven- sowie das Immunsystem.

"Für die Akupunktur gibt es mehr positive Hinweise zur Wirksamkeit als für die Osteopathie, aber beide Ansätze sind extrem spannend", sagt Brinkhaus. Osteopathie ist eine Diagnostik- und Therapiemethode unter Einsatz von manuellen Behandlungen, bei der Strukturstörungen und Fehlfunktionen von Körper und Organen behandelt werden. Bei der in Deutschland weitverbreiteten chinesischen Therapiemethode Akupunktur wird eine Wirkung durch Nadelstiche an definierten Körperpunkten ausgelöst.

Für die neue Studie läuft derzeit die Rekrutierung von 120 Probanden an der Charité, die im September 2018 abgeschlossen sein soll und für die noch Teilnehmer gesucht werden. Die Patienten werden drei Gruppen zugeordnet, die innerhalb von zwölf Wochen fünf osteopathische oder acht Akupunktur-Behandlungen bekommen. Im Frühjahr 2019 sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Sind diese vielversprechend, hofft Brinkhaus auf einen Impuls: "Mit 120 Teilnehmern ist dies eine mittelgroße Studie mit wichtigen Ergebnissen, aus der eine solide Fallzahlabschätzung für weitere, von staatlicher Seite geförderte Studien entstehen können", sagt er. Langfristig verfolge man das Ziel, Naturheilverfahren und Komplementärmedizin auf höchstem methodischen Niveau zu untersuchen, international zu publizieren und bei positiven Erkenntnissen als Therapieoption in die Medizin einzufügen. Brinkhaus: "In mehreren Studien zum Beispiel zur Akupunktur bei Rücken- und Kniegelenksarthrose ist uns das bereits gelungen."

Paul Scheuschner geht es bei seiner Stiftungsarbeit vor allem um eines: Klarheit schaffen für Betroffene. "Sie brauchen eine bessere Entscheidungsgrundlage für die eigene Behandlung." Patienten, Heilpraktiker oder Ärzte könnten Vorschläge für weitere Forschungsvorhaben einreichen. "Ich kann mir vieles vorstellen, persönlich interessieren mich die Themen Eigenbluttherapie oder Darmsanierung", sagt er. Wichtig sei dabei, das Interesse der Verantwortlichen zu wecken. Und Wissenschaftler zu finden, deren Arbeit man vertrauen könne.

Die Studie, durchgeführt im Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité, heißt "Comatop". Informationen und Kontakt: 030/450 529 262

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