Deutsches Herzzentrum

Herztransplantation: Warten auf das erlösende Organ

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Florentine Anders
Der sechsjährige Recep musste zweieinhalb Jahre auf ein Spenderherz warten

Der sechsjährige Recep musste zweieinhalb Jahre auf ein Spenderherz warten

Foto: Elke A. Jung-Wolff

Vor 50 Jahren wurde das erste Herz transplantiert. Mittlerweile ist die Technik weiter, doch es fehlt an Spendern.

Berlin.  Der sechsjährige Recep schaut stolz auf seine neonfarbenen Fußballschuhe. Dass er vor zweieinhalb Jahren eine Herztransplantation bekommen hat, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Er ist etwas kleiner als gleichaltrige Kinder, und auch die sprachliche Entwicklung hinkt etwas hinterher. Kein Wunder: „Die Hälfte seines jungen Lebens hat Recep im Krankenhaus verbracht“, sagt sein Arzt, Oliver Miera, Kinderkardiologe am Deutschen Herzzentrum in Berlin. Zweieinhalb Jahre habe er auf ein Spenderherz warten müssen. Das sei viel zu lange.

Anlässlich des 50. Jahrestags der ersten Herztransplantation haben Ärzte, Wissenschaftler und Patienten in Berlin dazu aufgerufen, sich für die Organspende zu entscheiden. Am 3. Dezember 1967 gelang im südafrikanischen Kapstadt die erste Herztransplantation. Der Empfänger überlebte 18 Tage. Seither hat sich die Medizin rasant weiter entwickelt. Inzwischen kann die Berliner Firma Berlin Heart, eine Ausgründung des Deutschen Herzzentrums, sogar Kunstherzen herstellen. Doch die besten Überlebenschancen haben Patienten mit einer Herzschwäche heute mit der Transplantation eines echten menschlichen Herzens.

Immer weniger Menschen sind zur Organspende bereit

Größtes Problem ist heute nicht mehr der medizinische Eingriff, sondern der Mangel an Spenderherzen. In den vergangenen Jahren ist die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland immer weiter zurückgegangen.

„Derzeit leiden etwa drei Millionen Menschen weltweit an Herzinsuffizienz im Endstadium, demgegenüber stehen etwa 4000 Spenderherzen in diesem Jahr“, sagte Ares K. Menon, Arzt und Geschäftsführer der Berlin Heart GmbH. Die Folge sind lange Wartezeiten. Um diese Zeiten zu überbrücken, baut die Firma Berlin Heart technische Unterstützungssysteme mit implantierten oder externen Pumpen, sogenannte Kunstherzen.

Recep kam 2011 mit einem Herzfehler zur Welt. Als er zwei Jahre alt war, hatte er bereits zwei Operationen hinter sich. Im Januar 2014 schlossen seine Ärzte ihn an eine Herz-Kreislauf-Unterstützungspumpe an. Immer mehr Kinder benötigen die technischen Hilfsmittel, um die Wartezeit auf eine Organspende zu überleben. „In den 90er-Jahren hatten nur 20 Prozent der Kinder eine solche Unterstützung nötig“, sagt Oliver Miera, der Arzt von Recep. Damals habe die durchschnittliche Wartezeit für Kinder auf ein Spenderherz zwei Wochen betragen, heute liege die Wartezeit im Schnitt bei einem Jahr oder mehr. 75 Prozent der Kinder mit einer Herzschwäche könnten inzwischen diese Wartezeit nur mit den Kunstherzen überleben. Doch die Technologie habe ihre Grenzen.

Recep musste mehr als zwei Jahre im Krankenhaus wohnen. Seine Bewegungsfreiheit war stark eingeschränkt. Dicke Schläuche führten vom kranken Herzen aus dem Körper hinaus zu der Pumpe auf Rädern. Dennoch war Recep so agil, wie er unter diesen Umständen sein konnte. Seine Welt war so groß wie das Krankenhaus, ein Leben draußen gab es nicht. „Jeder kannte ihn im Krankenhaus, denn er erforschte alle Stationen“, sagt Oliver Miera. Auch vor dem Zimmer des Chefarztes habe er nicht haltgemacht, erzählt der Kinderkardiologe. Jeden Tag habe er ein Programm gehabt, das seine Entwicklung unterstützte. Doch die vielfältigen Eindrücke, die Kinder in der Welt draußen haben, könne das nicht ersetzen. Das hole Recep jetzt im Eiltempo nach. Im August 2015 erhielt er schließlich ein passendes Spenderherz, das nun mit seinem Körper mitwächst und 20 Jahre arbeiten soll.

Der Bruder machte sein Soziales Jahr in der Klinik

Für seine Familie war die lange Zeit im Krankenhaus eine Ausnahmesituation, die zum Dauerzustand wurde. Mutter und Vater wohnten abwechselnd im Krankenhaus, während zu Hause noch der große Bruder Fatih war. Als Recep geboren wurde, war er zwölf Jahre alt. „Ich bin ja zur Schule gegangen und war vor allem am Wochenende bei meinem Bruder“, erzählt Fatih. Nach seinem Schulabschluss machte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Klinik, in der sein kleiner Bruder auf ein Spenderherz wartete. Es war schließlich der Ort, wo sich das Familienleben abspielte. „Die Arbeit der Menschen dort hat mich beeindruckt, und das hat schließlich auch für mich den Ausschlag gegeben, eine Ausbildung zum Krankenpfleger für Kinder zu machen“, sagt der heute 18-Jährige.

Auch Chantal Bausch wurde als Kind im Deutschen Herzzentrum in Berlin behandelt. Sie war zwölf Jahre alt, als sie wahrscheinlich durch eine verschleppte Erkältung an einer Herzmuskelentzündung erkrankte. Auch sie benötigte zur Unterstützung ein Kunstherz. Wenn sie heute durch die Produktionsräume von Berlin Heart geht und sieht, wie hier in Präzisionsarbeit die Schläuche gefertigt werden, überkommt sie ein etwas mulmiges Gefühl, sagt sie. Auch wenn die Forschung immer mehr Fortschritte macht, ist die Technik nicht perfekt. Kein Staubkorn darf sich in den Kanülen absetzen, sonst kann es zu Blutgerinnseln kommen.

Chantal hatte Glück. Schon nach einer ungewöhnlich kurzen Wartezeit von dreieinhalb Monaten erhielt sie ein Spenderherz. Heute ist sie 24 Jahre alt und studiert in Bremen Kommunikation. Außerdem ist sie erfolgreiche Hockeysportlerin. „Ich weiß, was ich für ein Glück hatte“, sagt sie. Deshalb setze sie sich bei Veranstaltungen dafür ein, dass die Bereitschaft zur Organspende wächst. „Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagt sie. Sie erzähle einfach ihre persönliche Geschichte, als ein positives Beispiel dafür, was eine Organspende bewirken kann.