Abzocke

Online-Spiele: So werden Kunden in die Netz-Falle gelockt

Anbieter von Online-Spielen versprechen Zubehör, Rabatte und Gutscheine. Doch dahinter verstecken sich oft teure Clubmitgliedschaften.

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Berlin.  Die Menschheit nach einem Erdbeben zu retten, kostet 11,99 Euro. Zumindest virtuell und in einem fiktiven Katastrophenszenario. Puzzle, Rätsel, Wimmelspiele sind für einen ähnlichen Preis zu haben. Die Kundschaft freut sich über den unbegrenzten digitalen Spielespaß. Doch was viele Zocker offenbar nicht gleich bemerken: Der Preis gilt nur dann, wenn auch eine Clubmitgliedschaft abgeschlossen wird. Für diese Mitgliedschaft werden nach einem ersten Gratis-Probemonat jeweils 5,99 Euro pro Monat fällig. Kunden, die aussteigen wollen, müssen mit einer Frist von einem Monat kündigen.

Angebote wie diese gibt es derzeit bei Big Fish Games, eigenen Angaben nach dem weltweit größten Anbieter von Casual Games, sogenannten Gelegenheitsspielen. Im Frühwarnnetzwerk der Marktwächter der Verbraucherzentralen waren die Angebote auffällig geworden. Die Spielkundschaft beschwerte sich über unklare Zahlungsangaben und Vertragsbedingungen.

Unternehmen mit Sitz in Seattle abgemahnt

Gerade weil Millionen Menschen auf die Angebote des US-Unternehmens zugreifen, mussten die Verbraucherschützer davon ausgehen, dass die Dunkelziffer der Betroffenen deutlich höher liegt. Hinzu kommt: Es handelt sich um geringe Geldbeträge. Aus Erfahrung wissen die Experten, dass viele Kunden auf Beschwerden verzichten, obwohl sie sich getäuscht fühlen. Das Marktwächter-Team der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz mahnte das Unternehmen mit Hauptsitz in Seattle ab.

Die digitalen Spiele sind ein Milliardengeschäft. Gezockt wird nicht nur am PC, sondern zunehmend über Smartphone und Tablet. Das Marktforschungsunternehmen GfK hat herausgefunden, dass 17,3 Millionen Menschen in Deutschland auf dem Handy spielen, knapp die Hälfte davon jeden Tag. Laut Bundesverband für Interaktive Unterhaltungssoftware wurden 2016 mit Angeboten für den PC, für Konsolen, für Smartphone oder Tablet rund 2,13 Milliarden Euro umgesetzt.

Wer andere Spieler übertrumpfen will, muss zukaufen

Besonders stark wächst der Markt für Abonnements. Rund 173 Millionen Euro erwirtschafteten die Anbieter – ein Plus von 19 Prozent. Viel Geld wird zudem mit Gebühren für Online-Netzwerke wie PlayStation Network oder Xbox Live gemacht und sogenannten virtuellen Gütern und Zusatzinhalten. Das bedeutet: Die dazugehörigen Spiele sind gratis. Wer andere Spieler übertrumpfen will, muss spezielle Gegenstände oder Eigenschaften kaufen.

Der amerikanische Spieleanbieter Big Fish hat auf die Kritik der Marktwächter reagiert. Der Internetauftritt wurde angepasst. Hinweise zu den Preisen und Konditionen finden die Spielekäufer, wenn sie die Angebote herunterladen wollen, markiert beispielsweise mit einem Sternchen oder farblich hervorgehoben.

Gratistestwochen sind „trojanisches Pferd“

Der Fall ist laut Experten keine Ausnahme. „Im Internetbereich kommt es sehr häufig vor, dass Kunden über vergünstigte Preise, die mit einer Clubmitgliedschaft verbunden sind, geködert werden“, sagt Ute Klement von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Das ist eine sehr gängige Masche.“ Die Juristin aus dem Marktwächter-Team hat den Fall des Onlinespieleanbieters begleitet. Es geht nicht nur um Spiele, sondern auch um viele andere Angebote im Netz. Handy- und Stromtarife, Kleiderabos oder Musikstreamings – der Kampf um die Kundschaft entscheidet sich über das beste Preisangebot. Die Idee, den Verbraucher nicht nur einmal zahlen zu lassen, sondern über Mitgliedschaften länger an sich zu binden, ist nicht neu. Das Internet vereinfacht aber den Abschluss von Probe-Abos und Testangeboten. Mit ein paar Klicks kann die Ware bestellt und sofort genutzt werden.

Das Verbraucherportal Aboalarm bezeichnet Gratistestwochen gar als „trojanisches Pferd unter den Abofallen“. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Kündigungen und Widerrufe unterschiedlichster Verträge. Bernd Storm van’s Gravesande, Geschäftsführer von Aboalarm, fordert, dass Probeabos, die eine andere Preisstruktur haben oder kostenlos sind, automatisch enden müssen. Den Kunden sei oft nicht bewusst, dass sie ein Abo abschließen.

Klare gesetzliche Regeln – aber Lücken in der Umsetzung

Die Referentin Rechtsdurchsetzung im Marktwächter-Team, Klement, rät den Verbrauchern dazu, sich die Schnäppchen genau anzuschauen. Warum wird der Preis gesenkt? Wie lange gilt das Angebot? „Oft fehlen Hinweise, dass nach Ablauf einer bestimmten Frist die Probemitgliedschaft automatisch in ein reguläres Abo übergeht“, sagt Klement.

Und das obwohl der Gesetzgeber dafür klare Regeln aufgestellt hat. Demnach müssen die Geschäftsbedingungen und damit die Konditionen bei einem Abschluss eines Abos oder eines Angebots eindeutig gekennzeichnet sein. Lücken gibt es jedoch in der Umsetzung, das kritisieren Verbraucherschützer immer wieder. Hinweise im Kleingedruckten, irreführende grafische Darstellungen oder farbliche Markierungen, die dem Verbraucher ein vermeintliches Schnäppchen zeigen, sind bei etlichen Angeboten zu finden. Offenbar setzen viele Anbieter auf die Nachlässigkeit der Kunden.

Schwarmwissen der Verbraucher kann helfen

Klement sieht ganz eindeutig die Unternehmen in der Pflicht, für mehr Transparenz zu sorgen. Letztlich liegt es aber auch am Verbraucher. „Wenn etwas besonders preiswert ist, sollte man sich das genau anschauen“, sagt Klement. Und sich die Fristen aufschreiben, wann eine Kündigung fällig wird. Storm van’s Gravesande von Aboalarm mahnt zu Aufmerksamkeit besonders bei Gaming- und Dating-Seiten. Er setzt auf das Schwarmwissen der Verbraucher. „Bei Anbietern, die einem nicht bekannt sind, erst mal nach Erfahrungen anderer Nutzer im Internet googeln.“

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