Berlin

Die therapeutische Kraft der Klänge

Musik hat eine positive Wirkung auf die menschliche Gesundheit. Doch erst langsam öffnet sich die Wissenschaft dieser Erkenntnis

Berlin.  Der Schreinermeister Otto Quangel schreitet die Todeszelle auf und ab. Er summt. Hans Falladas Romanhelden aus „Jeder stirbt für sich allein“ geistern die Melodien seiner Kindheit durch den Kopf: Freude, schöner Götterfunken. Der Erlkönig. Quangel, der Musik zeit seines Erwachsenenlebens für sentimentalen Quatsch gehalten hatte, stellt verblüfft fest, wie sie ihm auf eine Weise Kraft gibt, wie er es nie zuvor erlebt hat. Mutig und stark macht sie ihn, „jedes Schicksal zu ertragen“. Manchmal „auf eine unbegreifliche Weise leicht und fröhlich“.

Ob es Quangels historischem Vorbild, dem Widerstandskämpfer Otto Hampel, ebenso erging, ist nicht überliefert. Aber was Fallada 1946 aufschreibt, ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens: „Wir wissen, dass Musizieren und das Hören von Musik starke Emotionen auslösen können“, sagt Professor Eckart Altenmüller. „Wenn jemand nach der Katastrophe seines Lebens seine Lieblingsmusik hört und sich dabei auch noch an schöne Erlebnisse erinnert, kann das sehr viel Kraft verleihen“, sagt Altenmüller. Es könne Schlaganfallpatienten bei einer schnelleren Genesung helfen, Parkinsonkranke beweglicher machen und an Demenz Erkrankten ein Stück Erinnerung zurückgeben.

Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTM). Er arbeitet unermüdlich daran, die heilsame Wirkung der Musik von der reinen Beobachtung auf ein wissenschaftlich stabiles Fundament zu stellen. „Wir bemühen uns, die Musiktherapie mit wissenschaftlichen Fakten aus dieser Grauzone ‚nett zu haben, aber nicht notwendig‘ zu holen.“

Musizieren verändert die Gehirnstruktur

Obwohl die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt – sie hat Fakten geschaffen. So hat Altenmüller gerade eine Studie von der Harvard-Universität beurteilt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Gehirne von Amateurmusikern im Vergleich zu denen von Nichtmusikern um vier bis fünf Jahre jünger waren und seltener oder später Alzheimer entwickelten. Das Hören und vor allem aber das Machen von Musik haben also direkten Einfluss auf das Gehirn.

Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) lässt er sich sichtbar machen: Wer Musik macht, greift in die Struktur seines Hirns ein und verändert sie. Wissenschaftler sprechen von musikinduzierter Neuroplastizität. Auch bei 60-Jährigen lassen sich diese Effekte noch beobachten.

Eben diesen enormen Einfluss auf das Gehirn macht sich die Kinderorthopädin Renée Lampe von der Technischen Universität München (TUM) zunutze. Als ehemalige Leiterin einer Einrichtung für Körperbehinderte Menschen, die sie neben ihrer Arbeit als Oberärztin innehatte, erlebte sie, welchen positiven Einfluss die Musik auf das Wohlbefinden der Schüler hatte. Es waren einfache Beobachtungen aus ihrer alltäglichen Arbeit. „Damals habe ich ein Gefühl dafür bekommen, welche Forschung diese Kinder weiterbringen kann“, sagt sie. Heute arbeitet sie als Leiterin der Forschungseinheit der Buhl Strohmaier Stiftung und Inhaberin der Markus Würth Stiftungsprofessur zu der Wirkung von Musik auf Kinder und Jugendliche mit einer sogenannten Zerebralparese. Die frühkindliche Hirnschädigung geht mit Bewegungsstörungen wie spastischen Lähmungen einher und kann von Lernbehinderung, Epilepsie, Wahrnehmungs- und Sprachstörungen begleitet sein.

Renée Lampe ist im letzten Sommer etwas gelungen, was die Zeitungen als „Wunder“ bezeichneten. Sie übte mit einer Gruppe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Zerebralparese Mozarts Klavierkonzert 466 ein. Die Gruppe begleitete für das von der Friede Springer Stiftung finanzierte Projekt als Klavierorchester einen Pianisten. Einige Schüler hatten über mehrere Wochen mit einem speziell dafür entwickelten sensomotorischen Klaviersystem ihren Part erlernt. Am Tag des Konzerts war der Saal so voll, dass die Türen geöffnet werden mussten, damit alle Zuhörer Platz fanden. „Für mich war das einer der emotionalsten Momente, die ich je in meiner Arbeit erleben durfte“, erzählt Renée Lampe.

In Untersuchungen zeigte sich, dass diese Kinder trotz einer relativ kurzen Übungszeit ihre Finger in der Folge besser koordinieren konnten. „Schon in einem vorherigen Projekt haben wir in fMRT-Untersuchungen gesehen, dass sich die Konnektivität zwischen motorischem Kortex und dem Kleinhirn neu organisiert hat“, erklärt Lampe.

Auch bei Parkinsonkranken ließ sich ein direkter Einfluss der Musik auf die Beweglichkeit nachweisen. Durch Tanz und das Hören rhythmischer Musik wurden die Schritte der Betroffenen länger und schneller. „Und diese Wirkung hielt auch an, nachdem die Töne verklungen waren. Der Effekt war also nachhaltig“, erzählt Altenmüller, der an dem Projekt beteiligt war.

Doch genau wie eine Studie aus dem Jahr 2009, die eine bis zu 20 Prozent erfolgreichere Rehabilitation von Schlaganfallpatienten zeigen konnte, die regelmäßig ihre Lieblingsmusik hörten, sind Projekte wie die von Renée Lampe und Eckart Altenmüller Leuchtturmprojekte. Musiktherapie ist keine Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen. „Das Problem ist: Musik wirkt nicht wie ein Medikament“, sagt Professor Lutz Neugebauer. Er ist Vorsitzender der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft und Leiter eines musiktherapeutischen Zentrums in Witten. „Dadurch, dass jeder Mensch anders ist, ist die Wirkung von Musik und die Wirksamkeit von Musiktherapie eine methodische Herausforderung.“ Doch der Bedarf besonders ambulanter Angebote sei riesig, ist sich Neugebauer sicher. Auch Eckart Altenmüller sagt: „Die Musiktherapie ist in Deutschland absolut unterrepräsentiert.“ Nicht zuletzt wegen der Zahl Demenzkranker, die laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bis zum Jahr 2050 auf drei Millionen steigen wird. Für sie kann die Musik ein Schlüssel zur Erinnerung sein. Das Projekt „Klang und Leben“ etwa macht sogenannte geografisch motivierte Musik. Musiker reisen durch Deutschland und spielen Lieder, die die Demenzpatienten in jungen Jahren zwischen 15 und 25 Jahren begleitet haben – und plötzlich erinnern sich die Betroffenen wieder. „Die Menschen bekommen einen Teil ihrer Identität zurück“, sagt Altenmüller.

Musik wirkt. Darin sind sich alle Wissenschaftler einig. So weiß man, dass neben Strukturveränderungen des Hirns Hormone wie Dopamin, Endorphin oder Oxytocin ausgeschüttet werden. Auch ganz unabhängig von Erlebtem. Es entsteht ein Gefühl des Glücks und der Verbundenheit. Nur, welcher Wirkmechanismus dahintersteht, ist bislang nicht zu erklären. Einige Anthropologen gehen davon aus, dass der Mensch gesungen und getanzt hat, noch bevor er sprach. „Die Empfänglichkeit für Musik ist ganz tief in uns verwurzelt“, sagt Neugebauer, der für seine Arbeit mit dem Musikpreis Echo ausgezeichnet wurde. „Gemeinsam erzeugte Klänge waren immer ein Mittel der Kommunikation, der Synchronisation.“

Ein Prinzip, dem auch die aktive Musiktherapie folgt. Ein autistisches Kind mit Problemen, seine Umwelt zu spiegeln und darauf zu reagieren, erlebt etwa plötzlich im gemeinsamen Musizieren mit dem Therapeuten: Was ich mache, hat eine Wirkung. Eine musikalische, eine soziale und auch eine Wirkung auf mein Inneres. „Es geht nicht nur darum, die besten Medikamente zu verabreichen. Es gibt auch einen unaussprechlichen emotionalen Rahmen“, sagt Altenmüller. Diese informelle Kraft der Musik werde langsam auch in wissenschaftlichen Kreisen anerkannt.

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