Johannesburg

Der Homo sapiens war nicht allein

Forscher haben die Knochen einer frühen Menschenart datiert. Das Ergebnis ist eine Sensation

Johannesburg. Die Grabungen in der südafrikanischen Rising-Star-Höhle sind nichts für Menschen mit schwachen Nerven oder größerem Bauchumfang. Durch engste Schächte tief in der Erde mussten sich die Forscher zwängen – in der vagen Hoffnung auf spektakuläre Funde irgendwo in den dahinterliegenden Löchern, Spalten und Kammern. An einer mit 25 Zentimetern besonders engen Passage blieb Lee Berger von der Universität Witwatersrand, einer der Grabungsleiter, sogar stecken – die Stelle heißt nun "Berger's Box". Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Nach etwa 60 Metern stießen die Wissenschaftler auf die sogenannte Lesedi-Kammer mit Relikten von zwei Erwachsenen und einem kleinen Kind.

Vor knapp zwei Jahren hatte das internationale Team schon über ähnliche, in einer anderen Kammer des Höhlenlabyrinths entdeckte Funde berichtet. Sie stammten von einer bis dahin unbekannten Frühmenschen-Art, die die Forscher Homo naledi nannten. Doch erst jetzt konnten sie die damaligen und jetzigen Funde datieren – mit überraschendem Resultat.

Der älteste Beleg für Bestattungen?

Wie das Team in drei Artikeln im Fachblatt "eLife" berichtet, sind die Funde etwa 226.000 bis 335.000 Jahre alt. Demnach hätte der Homo sapiens, der damals gerade entstand, in Afrika zusammen mit einer primitiven Menschenart gelebt. Wegen des kleinen Gehirns von Homo naledi waren Experten bislang davon ausgegangen, dass er vor ein bis zwei Millionen Jahren lebte – ähnlich wie die bekannten Homo erectus und Homo habilis. Darüber hinaus stützen auch die neuen Funde in der Lesedi-Kammer nach Ansicht der Forscher die Vermutung, Homo naledi habe dort Individuen beigesetzt. Das wäre der mit Abstand älteste Beleg für Bestattungen.

Das Team um Berger, zu dem auch Mitarbeiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zählen, hatte mit dem Homo naledi schon vor knapp zwei Jahren Aufsehen erregt. Damals berichtete das Team von den ersten Funden im Höhlenlabyrinth Rising Star am Rande des Unesco-Weltkulturerbes "Wiege der Menschheit", der reichhaltigsten Fundstelle von Frühmenschen weltweit. Damals hatten die Forscher in der sogenannten Dinaledi-Kammer über 1500 Fundstücke von mindestens 15 Individuen geborgen. Demnach war der Frühmensch 1,50 Meter groß und 50 Kilogramm schwer. Allerdings konnten die Forscher die Funde damals nicht datieren.

Nun stellt das Team um Erstautor John Hawks von der University of Wisconsin in Madison in dem Höhlensystem die Funde aus der Lesedi-Kammer vor, die etwa 100 Meter von der Dinaledi-Kammer entfernt liegt. Zu den 131 Fundstücken, die von mindestens zwei Erwachsenen und einem kleinen Kind stammen, zählt der hervorragend erhaltene Schädel eines Mannes. Die Forscher tauften den Mann "Neo", was auf Sesotho "Geschenk" bedeutet.

"Wir bekommen endlich einen Blick auf das Gesicht von Homo naledi", sagt Co-Autor Peter Schmid von der Universität Zürich, der den Schädel rekonstruiert hat. Demnach hatte das Gehirn ein Volumen von 610 Kubikzentimetern – mehr als ein Schimpanse, aber deutlich weniger als ein moderner Mensch, dessen Gehirn knapp 1500 Kubikzentimeter fasst. Die anatomischen Details bestätigten, dass Homo naledi ein guter Läufer und Kletterer war, sagt Erstautor Hawks. "Die Wirbel sind wunderbar erhalten und einzigartig – sie haben eine Form, die wir nur von Neandertalern kennen."

Damit sei dieser Frühmensch – abgesehen von Neandertaler und modernem Mensch – die am besten dokumentierte Menschenart überhaupt. "Wir haben jetzt fast 2000 Fundstücke von Homo naledi, die von mindestens 18 Individuen stammen", bilanziert Hawks. Solange die Funde undatiert waren, gingen Experten – nicht zuletzt wegen der geringen Gehirngröße – davon aus, dass sie ein bis zwei Millionen Jahre alt sind. Umso größer die Überraschung, als das Alter nun auf etwa 250.000 bis 300.000 Jahre datiert wurde.

Demnach wäre Homo naledi ein Zeitgenosse des frühen Homo sapiens gewesen. Bislang waren Forscher davon ausgegangen, dass primitive Frühmenschen vor 300.000 Jahren in Afrika schon ausgestorben waren. "Die ältesten datierten Fossilien von Homo sapiens in Afrika sind etwa 200.000 Jahre alt", sagt Co-Autor Paul Dirks, der davon ausgeht, dass der moderne Mensch schon deutlich früher existierte. "Und nun haben wir einen sehr primitiv aussehenden Frühmenschen, der wahrscheinlich zur gleichen Zeit lebte." Möglicherweise, so die Forscher, stammen die vielen Steinwerkzeuge, die in Afrika aus jener Zeit gefunden wurden, nicht vom modernen Menschen, sondern von seinem primitiven Vetter.

Die geringe Größe des Gehirns überrascht die Forscher

Ähnlich überraschend wie die Datierung: Der neue Fund stützt für Hawks die umstrittene frühere Interpretation, dass Homo naledi Tote bestattete – schon vor mindestens 226.000 Jahren und mithin lange vor den ersten bekannten Gräbern von modernen Menschen. "Das (Anm.: der Fund) verleiht der Annahme Gewicht, dass Homo naledi dunkle, entlegene Orte nutzte, um seine Toten aufzubewahren", betont Hawks.

"Auffällig ist, dass das Gehirn von Homo naledi nur etwa ein Drittel der Größe von unserem hat", sagt Hawks. "Das ist eindeutig kein moderner Mensch, aber er teilt anscheinend einen sehr tiefen Aspekt eines uns vertrauten Verhaltens, der dauerhaften Sorge für andere Individuen bis nach dem Tod." Dies seien möglicherweise die ältesten Wurzeln kultureller Praktiken, glaubt er.

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