Gesundheit

Risikoforscher: Wovor wir uns wirklich fürchten sollten

Der Präsident des Bundesinstituts für Risikoforschung im Interview über irrationale Ängste der Deutschen – und echte Gefahren im Leben.

Andreas Hensel ist Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung.

Andreas Hensel ist Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung.

Foto: RETO KLAR

Berlin.  Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) berät die Bundesregierung in Fragen der Gesundheit. Das Institut forscht an Lebensmitteln, aber auch an Stoffen, mit denen die Menschen im täglichen Leben zu tun haben. Das Ziel: Das Leben der Bürger sicherer zu machen – und ihr Wohlergehen zu schützen. BfR-Präsident Andreas Hensel (56) sorgt sich vor allem um die Küchenhygiene der Deutschen.

Herr Professor Hensel, welche Risiken beschäftigen die Deutschen?

Andreas Hensel: Die Deutschen fürchten sich vor Dingen, die sie nicht kontrollieren können. Das gilt auch für Dinge, die aus wissenschaftlicher Sicht ein geringes Risiko darstellen. Ich nenne mal gentechnisch veränderte Lebensmitteln oder Pflanzenschutzmittelrückstände in der Nahrung.

Ist das typisch deutsch?

Hensel: Nein. Die Deutschen fürchten sich nur vor anderen Dingen als andere Nationen. In Israel lösen Bodenerosion und –versalzung gewisse Ängste aus. Dort sind unsere Sorgen kein Thema. Ängste sind auch ein kulturelles Phänomen, oft etwas Länderspezifisches.

Wenn die Deutschen Angst vor einem Terroranschlag haben, was entgegnen Sie ihnen als Risiko-Experte?

Hensel: Bei jeder Schreckensmeldung reflektieren wir: Was bedeutet das für mich und meine Familie? Auch durch die mediale Präsentation dieses Themas wird die Wahrnehmung der Gefahr verändert. So unwahrscheinlich es ist, Opfer eines Anschlags zu werden: Ängste folgen nun mal keinen Argumenten. 2016 wurden zwölf Menschen in Deutschland Opfer eines Terroranschlags. Im gleichen Zeitraum gab es über 3000 Verkehrstote. Trotzdem fürchtet sich kaum jemand davor, in ein Auto zu steigen oder am Straßenverkehr teilzunehmen.

Aber können solche Vergleiche die Menschen beruhigen?

Hensel: Die meisten Menschen können eine persönliche Risikoeinschätzung kaum vornehmen, weil sie das nicht systematisch gelernt haben. Trotzdem will der Mensch aber seine Risiken kontrollieren können. Daher fürchten sich viele Menschen vor den falschen Dingen.

Zum Beispiel?

Hensel: Wenn Menschen feststellen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse mit ihrem Weltbild kollidieren, sind sie häufig tief betroffen und verletzt. Sie reagieren dann manchmal ignorant oder auch aggressiv. Die Debatte um den Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat ist im vergangenen Jahr derart ausgeufert, dass unsere Wissenschaftler sogar Morddrohungen erhielten. Wenn zahlreiche Menschen in einem Altersheim an Salmonellen sterben, interessiert das kaum jemanden. Aber über mögliche gesundheitliche Risiken durch Pflanzenschutzmittelrückstände wird in der Öffentlichkeit sehr emotional diskutiert.

Es war beim Glyphosat auch die Frage: Krebserregend oder nicht?

Hensel: Diese Frage ist von der Weltgesundheitsorganisation und von uns mit Nein beantwortet worden. Nach derzeitigem Stand des Wissens ist bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein gesundheitliches Risiko zu erwarten. Darin sind sich alle Risikobewertungsbehörden weltweit einig. Natürlich sind in jedem Lebensmittel Substanzen vorhanden, die uns aus fachlicher Sicht beunruhigen können. Aber wir reden in der Regel von minimalen Mengen. Die Wissenschaft kann inzwischen jede einzelne chemische Substanz bis in den Pikogramm-Bereich nachweisen. Aber weil die Dosis das Gift macht, stellen diese Spuren meistens kein gesundheitliches Risiko dar.

Ist der Streit um Glyphosat also eine Luxusdebatte?

Hensel: Was die gesundheitlichen Aspekte angeht: ein klares Ja. Wie gesagt, die Menschen mögen das Gefühl nicht, über manche Aspekte des Lebens keine Kontrolle zu haben. Im Supermarkt haben sie dieses Gefühl ganz besonders oft. Bei der Nahrung ist jeder Experte, weil jeder essen muss. Zugleich entfernen wir uns immer weiter von den Produktionsmethoden. Es gibt kaum noch Menschen, die wissen, wie ein Bauernhof funktioniert. Lebensmittel werden auch immer häufiger weiterverarbeitet. Der Bezug zum Rohmaterial unseres Essens und wie wir es herstellen geht uns verloren. Das macht manchen Menschen Angst.

Verlieren wir auch den Bezug zu echten Risiken des Lebens?

Hensel: Viele Menschen wollen ein Nullrisiko im Leben. Als Wissenschaftler sage ich: Das gibt es nicht. Jeder Mensch hat ein 100-prozentiges Sterberisiko. Auch ein Urlaub kann das Sterberisiko steigern. Wer sich als Tourist in Ägypten in einen klapprigen Bus setzt, der mit 160 Sachen zu den Pyramiden donnert, muss wissen, was er da macht. Das gleiche gilt für Leute, die sich in Bangkok ein Moped mieten. Wenn sich diese Leute um Rückstände in Lebensmitteln sorgen, steht die persönliche Risikowahrnehmung in keinem Verhältnis dazu.

Mit welchen Risiken sollten wir uns dann beschäftigen?

Hensel: Schätzungsweise eine Million Deutsche erleiden pro Jahr mindestens eine Lebensmittelvergiftung. Entweder durch Viren, Bakterien, Parasiten oder bakterielle Gifte. Verantwortlich sind häufig ganz bekannte Produkte: Rohes Fleisch, vor allem Geflügel, Rohmilchprodukte, rohe Eier. Es gibt sogar echte "Risiko"-Gerichte, die derzeit hip sind, wie Enten-Carpaccio. Wer anfällig für Infektionskrankheiten ist, sollte die Finger davon lassen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, muss die Produkte erhitzen. Bekannt sind seit vielen Jahren die Infektionen durch Salmonellen. Daneben gibt es Krankheitserreger, über die leider noch wenig berichtet wird. Die Campylobacter-Bakterien sind stark im Kommen. Deutschland verzeichnet hier pro Jahr 70.000 bis 75.000 klinische Fälle.

Wie erklären Sie sich den Trend?

Hensel: In unserer Welt der Einzelhaushalte wird das Kochen gar nicht erst erlernt. Es hilft überhaupt nicht, dem Fernsehkoch zuzugucken. Wo sind die Fernsehköche, die am Anfang jeder Sendung sagen: "Zuerst wasche ich meine Hände." Das ist aber das erste, was der Profi macht und was man auch seinen Kindern in der Küche beibringen muss. Wir müssen uns mehr um die Küchenhygiene kümmern! Die meisten, die an Campylobacter-Keimen erkranken, sind junge Menschen zwischen 18 und 25.

Weil diese Altersgruppe am wenigsten Ahnung vom Kochen hat?

Hensel: Ja, das ist weltweit so. Ein simples Beispiel: Eine Gruppe junger Leute trifft sich zum Grillen. Da fasst einer den rohen Hühnerschenkel an und nimmt dann mit der gleichen Hand das fertige Würstchen vom Grill. Wer das isst, nimmt genügend Bakterien für fünf Tage Durchfall auf.

Wirtschaft und Politik sind der Meinung, dass es den Deutschen so gut geht wie noch nie. Ist das auch Ihr Befund als Risikoforscher?

Hensel: Die Menschen werden immer älter, und sie sterben gesünder. Um 1900 hatte ein neugeborenes Mädchen in Deutschland eine durchschnittliche Lebenserwartung von 48 Jahren, heute liegt sie bei 83 Jahren. Das hat nicht nur mit besseren Lebensmitteln zu tun, sondern auch mit der besseren medizinischen Versorgung und besserer Hygiene. Das vergessen viele, die lieber den guten alten Zeiten nachtrauern.

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