Umweltschutz

Wie die Agrarindustrie die Vielfalt der Arten bedroht

Überdüngung, Monotonie oder fehlende Brachen in der Landwirtschaft setzen Tieren zu. Doch es gibt auch Gewinner dieser Entwicklung.

Kaum noch Leben im Giftnebel: Ein Trecker versprüht Pestizide auf einem Rapsfeld.

Kaum noch Leben im Giftnebel: Ein Trecker versprüht Pestizide auf einem Rapsfeld.

Foto: iStock/esemelwe / iStock

Berlin.  Kaum eine Vogelart ist landläufig so bekannt wie der Kiebitz. Seit Urgroßmutters Zeiten saßen die Vögel mit der schwarzen Brust, dem weißen Bauch und der Zipfelhaube auf jedem Acker und balzten: „Kiwitt-kiwitt“. Mittlerweile ist der markante Ruf verhallt, ihr Anblick selten geworden.

„Im letzten Jahr musste ich quasi mit der Lupe nach ihnen suchen“, bedauert Johannes Kamp, Vogelkundler und Landschaftsökologe an der Wilhelms-Universität Münster. Ähnlich sei es um Feldlerchen, Haussperlinge oder Braunkehlchen bestellt. „Die Artenvielfalt unserer Ackervögel ist zum Teil drastisch gesunken“, resümiert der Ornithologe.

Viele Tierarten sind Opfer der Landwirtschaft

Der Verlust der Vielfalt betrifft nicht nur Vögel. Auch Haselmäuse, Feldhamster, Wildbienen, Regenwürmer und bestimmte Grünlandpflanzen sind immer seltener auf Wiesen und Feldern zu entdecken. Eine kürzlich im Fachmagazin „Nature“ vorgestellte Studie zeigt: Auf deutschem Grünland sind vor allem Tiere und Pflanzen auf dem Rückzug, die auf spezielle lokale Bedingungen und Lebensgemeinschaften angewiesen sind.

Denn diese haben einen mächtigen Gegner – die Intensivierung der Landwirtschaft. In ihr sehen Forscher und Umweltschützer die Hauptursache für den Artenschwund.

Anbaufläche für Mais hat sich verdoppelt

„Das beängstigende Artensterben in der Agrarlandschaft hat vor allem drei Gründe: flächendeckender Pestizideinsatz, die Überdüngung und eine Monotonie in der Fruchtfolge“, betont Markus Wolter, Agrarreferent der Umweltorganisation WWF Deutschland.

Der forcierte Anbau von Energiepflanzen und die damit verbundenen Flächenerweiterungen führten zum zunehmenden Verlust des natürlichen Lebensraums. Allein die Anbaufläche für Mais hat sich laut Statistik in den letzten 30 Jahren mit gut 2,6 Millionen Hektar fast verdoppelt.

Biologen erwarten einen „stummen Frühling“

Unterdessen schwirren immer weniger Insekten, die für das Ökosystem wichtig sind, durch die Luft. In einer Resolution an das Bundesumweltministerium haben Biologen bereits einen zweiten „stummen Frühling“ vorhergesagt. Davon betroffen seien vor allem bestimmte Wildbienen, die bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen. In einigen Gegenden ist ihr Bestand um bis zu 75 Prozent innerhalb von zehn Jahren zurückgegangen.

Gerade der vermehrte Einsatz von Neonicotinoiden schadet Honigbienen und wildlebenden Insekten, wie eine europaweite Metastudie festgestellt hat. Die Pflanzenschutzmittel wirkten wie eine Droge auf Hautflügler – diese steuern sie bevorzugt an und nähmen so deren Schadstoffe auf. Die Experten befürchten: Wenn sich der Trend fortsetzt, sind die bedrohten Wildbienen-Arten bereits in „weniger als zehn Jahren“ ausgestorben.

Zahl der Fluginsekten drastisch gesunken

In China müssen bereits Bäume und Pflanzen per Hand bestäubt werden, weil ganze Landstriche auf die tierischen Helfer verzichten müssen. Auch hierzulande seien die Forschungsergebnisse alarmierend. Allein in Nordrhein-Westfalen soll sich die Zahl der Fluginsekten – Hauptnahrungsmittel vieler Vogelarten – um 80 Prozent reduziert haben, wie es in einem Untersuchungsbericht des Entomologischen Vereins Krefeld von 2016 heißt.

„Unsere Beo­bachtungen in Nordrhein-Westfalen sind beängstigend. Wenn uns die Fluginsekten fehlen, gerät die gesamte Nahrungskette in Gefahr: Blumen und Bäume werden nicht mehr bestäubt und Mauerseglern und Schwalben fehlt die Nahrungsgrundlage“, warnt der Landesverband des Naturschutzbundes Nordrhein-Westfalen.

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Rebhuhnbestand extrem geschrumpft

Den Vögeln fehlt es zunehmend auch an Brachen zwischen den indus­triell bewirtschafteten Äckern, an Baum- und Heckenreihen, blütenreichen Säumen und Wiesen, Feldgehölzen und unbefestigten Feldwegen, auf denen sie ihre Nahrung finden und brüten können. Laut Naturschutzbund gelten in der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands drei Viertel der Feld- und Wiesenvögel als gefährdet – einschließlich Vorwarnliste sind es sogar 87 Prozent.

Demnach ist etwa der Bestand an Rebhühnern seit 1980 auf 800.000 Exemplare geschrumpft, ein Minus von 90 Prozent. Einbußen gibt es auch bei Turteltaube (-73 Prozent) und Braunkehlchen (-71 Prozent). Selbst vermeintlich häufige Arten wie Star und Feldsperling gingen um die Hälfte zurück.

Es gibt auch Profiteure

Schon einer im Wissenschaftsmagazin „Ecology Letters“ veröffentlichten Studie aus 2014 zufolge leben in Europa heute rund 421 Millionen Vögel weniger als noch vor drei Jahrzehnten. Für die Erhebung analysierten die Forscher mehr als 144 Vogelarten aus 25 europäischen Ländern. Der britische Tierschutzverband sprach danach von einer „Warnung für ganz Europa“. Ornithologe Kamp schätzt, dass sich der Rückgang in den vergangenen zwei Jahren weiter fortgesetzt hat.

Doch gibt es auch Tiere, die von den Mais- und Rapswüsten profitieren: Wildschweine, Rehe sowie der aus Südamerika „eingewanderte“ Laufvogel Nandu finden dort jede Menge Futter. Wildschweine und Rehe entwickeln sich deshalb vielerorts bereits zur Plage – die Zahl der Abschüsse steigt.

„Ohne Regenwürmer ist der Boden lahm“

Tatsächlich schädigen sich die Landwirte durch den intensiven Maschinen- und Pestizideinsatz auch selbst. Das zeigt das Beispiel Regenwurm: Zu wenig Pflanzenrückstände als Futter bedrohen den Bodengestalter. Mangels sogenannter Wurmröhren können die Böden nicht mehr genug Wasser aufnehmen – die Folgen sind Überschwemmungen.

Zu diesem Schluss kommt das „Regenwurm-Manifest“ des WWF. „Wenn die Regenwürmer leiden, leidet der Boden und damit die Grundlage für unsere Landwirtschaft“, resümiert Expertin Birgit Wilhelm. „Ohne Regenwürmer ist der Boden lahm. Um trotzdem noch gute Erträge vom Acker zu bekommen, wird mit viel Dünger und Pestiziden von außen nachgeholfen, was wiederum oft den Würmern schadet“, erklärt Wilhelm. Es sei ein Teufelskreis.

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