Berlin

Vom Luxushappen zur Massenware

Die hohe Nachfrage nach Garnelen belastet die Umwelt. Es gibt erste Verbesserungen, aber viele Probleme bleiben

Berlin.  Knackig, süßlich, 20 Prozent Eiweiß und nur ein Prozent Fett – kurz: Garnelen schmecken den meisten, machen satt, aber nicht dick. Perfekt für Weihnachten – eigentlich. Am Spieß, in der Suppe oder im Salat sind die rötlichen Meeresbewohner auch auf deutschen Tellern heute allgegenwärtig. Während sie noch vor 30 Jahren als seltene Delikatesse galten, passierten laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) allein 2015 mehr als 23.500 Tonnen Garnelen und Krebstiere Deutschlands Grenzen. Die steil ansteigende Nachfrage belastete Umwelt und ärmere Länder schwer, der öffentliche Druck wuchs. Jetzt sehen Experten erste Erfolge.

Unter den Begriff Garnelen fällt in Deutschland ein ganzes Sammelsurium an Tieren, die zwar alle zur gleichen Familie gehören, aber nicht gleich aussehen und schmecken. Prominentester deutscher Vertreter ist die im Vergleich zur Verwandtschaft kleine Nordseegarnele (Crangon crangon), umgangssprachlich auch Krabbe genannt. Ebenso klein ist die Eismeergarnele (Pandalus borealis). „Die beiden finden sich häufig in fertigen Salaten oder Brotaufstrichen“, erklärt Fischerei-Expertin Catherine Zucco von der Umweltorganisation WWF.

Weniger Antibiotika, mehr Chemikalien

Beide Arten werden vor allem wild gejagt und von Umweltschützern eingeschränkt bis gar nicht empfohlen. „Besonders in den engmaschigen Netzen der Fischerei auf Nordseekrabben landet viel Beifang, vor allem Jungtiere anderer Arten“, so Zucco. Greenpeace stuft einzig Eismeergarnelen aus dem Nordwestaltantik als umweltverträglich ein, Zucco empfiehlt zusätzlich Produkte mit dem vom WWF mitinitiierten MSC-Label (siehe links).

Der Begriff „Scampi“ wird häufig synonym für Garnelen verwendet, bezeichnet aber eigentlich nur den teuren Kaisergranaten, der in Supermarkt-Kühltruhen weniger vertreten ist. Am häufigsten zu finden sind hier zwei tropische Kandidaten, die meist aus asiatischen oder südamerikanischen Zuchtbetrieben stammen: die Weiße Pazifische Garnele (Litopenaeus vannamei, „White Shrimp“) und die Riesengarnele (Penaeus monodon, „Giant Tiger Prawn“). Beide fressen Fleisch und brauchen eine sehr saubere Umgebung, ihre Zucht ist aufwendig und teuer.

„Als die Nachfrage in den 90ern nach oben schoss, wurden vor den Küsten Asiens zahlreiche Mangrovenwälder abgeholzt, hier konnten Ebbe und Flut für frisches Wasser in den Zuchtbecken sorgen“, sagt Andreas Kunzmann, Meeresökologe am Leibniz-Zentrum für marine Tropenökologie. Doch Mangrovenwälder sind auch wichtige Küstenlebensräume, „sie dienen vielen Landtieren als Nahrungsquelle, sind Kinderstube von Fischen und Garnelen und schützen die Küste vor Überschwemmungen und Bodenerosion“, erklärt Kunzmann. Mittlerweile habe man den Wert der Mangroven erkannt, vereinzelt, etwa in Indonesien, gebe es Gesetze zu ihrem Schutz, kleinere Betriebe und neue Zuchtsysteme tragen zu ihrem Erhalt bei. „Ein Großteil wurde jedoch zerstört. Bis sich das natürliche Ökosystem wieder erholt hat, dauert es noch lange“, sagt Kunzmann.

Ein weiteres Problem ist das Futter für die Garnelen, meist Fischmehl, das „oft aus nicht nachhaltigem Fang stammt“, erklärt die Greenpeace-Meeresexpertin Sandra Schöttner. Im Auftrag der Züchter würden ganze Flotten unabhängig von Art und Größe alles abfischen, was ihnen ins Netz gehe, um die Tiere zu Futter weiterzuverarbeiten. Aquakulturen, die ihr Futter aus diesen Quellen bezögen, würden zum Problem der Überfischung beitragen, statt es zu lösen. In den bei konventioneller Zucht teils eng besetzten Becken breiten sich zudem Krankheiten unter den anfälligen Garnelen schnell aus. In der Folge wurden in den 90ern Antibiotika unkontrolliert eingesetzt.

„Diese Situation hat sich verbessert“, sagt Kunzmann – nicht zuletzt weil die stark mit Medikamenten belasteten Lebensmittel an den EU-Grenzen scheiterten. „Der selbstverständliche Einsatz von Medikamenten geht zurück“, bestätigt auch Sandra Schöttner. „Dafür wird das Wasser häufiger mit Chemikalien desinfiziert, die bei unzureichender Nachbehandlung in umliegende Gewässer gelangen können“, so WWF-Expertin Zucco. Verbraucher sollten deshalb darauf achten, dass die Garnelen in geschlossenen Systemen ohne Verbindung zur Umwelt gezüchtet wurden, rät Schöttner: „Auf der Verpackung steht dann beispielsweise RAS für Recirculating aquaculture systems. Konventionelle Produkte aus nicht geschlossenen Systemen können wir nicht empfehlen.“

Eine aktuelle Untersuchung von Tiefkühl-Garnelen der Stiftung Warentest bestätigt den Eindruck der Umweltschützer: Die Tester fanden in keinem Produkt gefährliche Krankheitserreger oder Antibiotikarückstände. Negativ fiel ein Produkt auf – Black Tiger Garnelen von Three Coconut Tree. In diesen wiesen die Prüfer Perchlorat in einer Konzentration nach, die über dem in der EU gültigen Referenzwert lag. Der Stoff kann aus keimhemmenden Chemikalien entstehen. Er könne die Schilddrüse bei der Jodaufnahme hemmen und in der Folge zu Müdigkeit und Infektanfälligkeit führen, begründen die Tester das Urteil „mangelhaft“.

Im Test waren mehrheitlich die beiden tropischen Garnelentypen vertreten sowie Eismeergarnelen von drei Anbietern. Herkunft und Fangmethode gingen nicht in das Urteil ein. Unter den Testsiegern finden sich dennoch gleich mehrere zertifizierte Produkte: die Origin Garnelen roh & geschält von Alnatura schneiden bei den rohen Warmwassergarnelen am besten ab. Bei den vor dem Einfrieren gekochten Tieren liegen die vom ASC zertifizierten Garnelen von Eismann vorn, gefolgt von den Bio Organic Shrimps von Ristic mit Naturland-Label. Bei den vorgekochten Eismeergarnelen siegen die wild gefangenen von Costa und Lidl – beide tragen kein Label.