Berlin

Barrierefrei durch die digitale Welt

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Jan Mölleken

Computer, Smartphones, Tablets – Wie IT-Konzerne Menschen mit Behinderung Teilhabe ermöglichen

Berlin. Ein Touchscreen ist ein wandelbares Wunderwerk: Mal wird der glatte Schirm zur Buchseite, zur Kinoleinwand, zum Kalenderblatt oder zur beliebigen Schaltfläche – kinderleicht bedienbar per Fingertipp. So wundert es nicht, dass die smarten Schirme immer mehr Verbreitung finden – sei es im Smartphone oder Tablet, in Geld- und Fahrkartenautomaten, ja selbst in Küchenmaschinen.

Für Blinde wird die Bedienung vieler Geräte dadurch oft unmöglich. „Es gibt kein haptisches Feedback. Bei einer echten Taste fühle ich Umrisse, auf einem Touchscreen fühle ich gar nichts“, erklärt Aleksander Pavkovic, von Geburt an blind und IT-Berater des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds. In letzter Zeit muss sich Pavkovic wieder häufiger darüber ärgern, dass Hersteller offenbar nicht darüber nachgedacht haben, wie Menschen ohne Sehvermögen ihre Geräte mit Touchscreen bedienen sollen.

Dass das auch anders geht, beweist ausgerechnet Apple, ein Konzern, der den Großteil seines Umsatzes mit einem Smartphone macht – einem Gerät also, das fast nur aus Display besteht. Sarah Herrlinger ist als führende Managerin für Apples weltweite Accessibility-Bemühungen verantwortlich. Accessibility heißen die Bedienungshilfen im Tech-Sprech. „Apple engagiert sich beim Thema schon seit vielen Jahren. Das ist etwas, was uns unglaublich wichtig ist. Wir betrachten dieses Thema als einen unserer Unternehmenswerte.“

Dass das kein leeres Versprechen ist, kann Aleksander Pavkovic bestätigen. „In vielen Bereichen ist Apple deutlich weiter als die anderen. Bei der Ersteinrichtung eines Macs zum Beispiel kommt zu Beginn eine Meldung ‚Wenn Sie den Bildschirm nicht sehen können, drücken Sie Befehl und F5 um Voice-Over zu aktivieren‘“, so Pavkovic. So könnten auch blinde Nutzer einen Mac direkt aus der Verpackung in Betrieb nehmen. „Bei Windows ist das schon schwieriger, da benötigt man bei der Einrichtung sehende Unterstützung.“ Immerhin sei mit Windows 10 aber viel passiert, so Pavkovic. Da gebe es jetzt ein Vorlese-Programm, den Narrator, der mit neuen Windows-10-Apps wie „Mail“ sehr gut zusammenarbeite. „Bei Apple ist diese Art von Accessibility schon seit Jahren in iOS und MacOS eingebaut.“

Dank fühlbarer Tasten sind Computer für blinde Menschen immerhin zugänglich. Anders sieht das bei Smartphones aus. Als sie aufkamen, sorgten sie für große Unruhe, wie sich Sarah Herrlinger erinnert: „In dieser Zeit zeichnete sich ab, dass Smartphones mit Touchscreens die Technologie der Zukunft werden würden. Und es gab die Angst in der blinden Community, dass Menschen ohne Sehvermögen von dieser Zukunft ausgeschlossen blieben.“ Apples Lösung für das Problem heißt Voice-Over und gehört seit 2009 zum mobilen Betriebssystem iOS – auch Pavkovic nutzt es täglich. „Sobald ich Voice-Over aktiviere, ändert sich die Steuerung grundlegend.“ Wischt man mit zwei Fingern von oben nach unten, liest eine Stimme alle Inhalte, Schaltflächen und sonstige Texte, die angezeigt werden, vor. Tippt man auf das Display, wird die so angewählte App oder Schaltfläche nicht aktiviert, sondern zunächst vorgelesen. Liegt der Finger da, wo er soll, wird die Auswahl durch einen schnellen Doppeltipp bestätigt.

Mit etwas Übung können Blinde das iPhone so vollständig bedienen, sich von Google Maps durch die Stadt leiten lassen oder sogar Fotos knipsen: Eine Computerstimme sagt, wie viele Personen im Bild sind und ob auch alle lächeln. Das scheint sich auch in Nutzerzahlen widerzuspiegeln: Einer Onlineumfrage des Center for Persons with Disabilities der Utah State University zufolge haben über zwei Drittel der blinden Smartphone-Nutzer ein iOS-Gerät. Mittlerweile hole Google aber auf, sagt Pavkovic: „In den neueren Versionen ist Android für blinde Menschen recht gut nutzbar. Ein Problem ist allerdings das Versionschaos. Je nach Gerät ist die grafische Oberfläche anders aufgebaut.“

Accessibility beschränkt sich jedoch nicht nur auf Hilfen für Menschen mit Beeinträchtigungen der Sehfähigkeit, auf Apples neuer Accessibility-Website (apple.com/de/accessibility) sind weitere Bereiche erwähnt, die das Unternehmen angegangen ist. So hat man die Fitness-Funktionen und Kalorien-Berechnung der Apple Watch für Rollstuhlfahrer umgesetzt. „Dafür haben wir eine einjährige Studie mit Rollstuhlfahrern gemacht und all ihre verschiedenen Aktivitätsformen untersucht“, so Apple-Managerin Herrlinger.

Sady Paulson schneidet Videos mit nur zwei Schaltern

Wie sehr Technologie beflügeln kann, demonstriert Sady Paulson auf der Apple-Website in einem kurzen Video. Die junge Amerikanerin leidet an Zere­bralparese, einer frühkindlichen Hirnschädigung, die zu starken Störungen des Nervensystems und der Muskulatur führt. Paulson ist aufgrund dieser Beeinträchtigung auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen und kann weder eine Tastatur bedienen noch sprechen. Trotzdem hat sie gerade einen Universitätsabschluss gemacht, im Film sieht man, wie sie an ihrem Mac ein Video schneidet. Möglich ist das mithilfe zweier Schalter an der Kopfstütze ihres Rollstuhls, die Paulson mit ihrem Kopf drücken kann. Sie sind per Bluetooth mit Computer, Smartphone und Tablet verbunden – und eröffnen der jungen Frau völlig neue Möglichkeiten. „Diese Technologie nutzt mir in allen Aspekten meines Lebens“, schreibt Paulson uns per E-Mail. „Ich benutze damit mein iPhone, um SMS zu verschicken, auf Facebook zu posten, Selfies zu machen oder mit meinen Freunden zu kommunizieren. Sie ahnen gar nicht, wie sehr mich diese Geräte zu der unabhängigen Frau gemacht haben, die ich bin.“

Es liegt aber nicht nur an großen Firmen, Technik barrierefrei zugänglich zu machen – auch App-Programmierer und Webdesigner müssen die Bedienhilfen unterstützen, erklärt Aleksander Pavkovic: „Damit Voice-Over oder ein anderer Screenreader mir die Inhalte sinnvoll vorlesen kann, müssen Programmierer sie entsprechend kennzeichnen. Sonst kann es passieren, dass ich nur ‚Taste, Taste, Taste …‘ höre.“ Stößt Pavkovic auf ein Problem, meldet er es den Entwicklern: „Die Macher von Barcoo etwa wussten gar nicht, dass ihre Barcode-Scan-App für Blinde hilfreich ist und haben begeistert auf unsere Verbesserungsvorschläge reagiert“.

Viele Apps funktionierten mittlerweile richtig gut, sagt Pavkovic, etwa der knfb-Reader, der Blinden per Sprachanweisungen hilft, Textdokumente im richtigen Winkel und Abstand abzufotografieren und den Text anschließend vorliest. Pavkovic: „Kürzlich habe ich auf einer Tagung einen Vortrag gehalten. Zwei Mitarbeiter haben für die hausinterne Zeitschrift einen Bericht darüber verfasst und hatten einen Textentwurf als Ausdruck dabei. Die haben ganz schön gestaunt, als ich sie auf zwei Rechtschreibfehler hingewiesen habe.“