Großwildjäger

Wie Tansania Naturschutz mit der Flinte betreibt

Tansania kämpft. Spender und Großwildjäger sollen helfen, das größte Wildreservat Afrikas zu sichern. Wilderer haben „Selous“ im Griff.

Von einst über 100.000 Elefanten im „Selous“ sind laut einer Zählung von 2014 nur noch 15.000 übrig.

Von einst über 100.000 Elefanten im „Selous“ sind laut einer Zählung von 2014 nur noch 15.000 übrig.

Foto: alina reichardt

Dar es Salaam.  18 Jahre lang galt Yang Feng Glan als unbescholtene Bürgerin. Sie führte ein Restaurant, gab sich als kulturelle Vermittlerin zwischen ihrer Heimat China und ihrer Wahlheimat Tansania. Seit zwei Wochen nun muss sich die 66-Jährige vor Gericht verantworten. Sie soll an der Spitze eines der größten afrikanischen Schmugglerringe für Elfenbein stehen.

Unter ihrem Kommando, so die Anklage, hätten zwischen den Jahren 2000 und 2014 mehr als 700 Elefanten-Stoßzähne im Wert von 2,5 Millionen US-Dollar illegal das Land verlassen. Tansanische Medien nennen Yang „Ivory Queen“ – die Elfenbein-Königin. Ihr Verfahren gilt als größter je vor Gericht verhandelter Fall.

Tansania ist für Schmuggler nicht nur Quelle, sondern wichtiger Transitstaat mit günstig gelegener Küste und vielen Grenzen. Zugleich beherbergt das Land das größte Wildschutzgebiet Afrikas – das über 50.000 Quadratkilometer große „Selous Game Reserve“, Heimat von über einer Million Wildtieren und ein Brennpunkt der Wilderei.

Drohnen-Einheit soll bald einsatzbereit sein

„Wir arbeiten daran“, sagt Henock Msocha. Er managt einen von acht Sektoren des Reservats in Zusammenarbeit mit der Tansanischen Wildlife Authority (Tawa). Die Regierungsorganisation startete ihre Aktivitäten im Juli dieses Jahres und soll die 2014 beschlossene Nationale Strategie zur Bekämpfung von Wilderei umsetzen: Flugzeuge pa­trouillieren, 46 Ranger sind als Ausbilder entsandt worden, eine Drohnen-Einheit soll bald einsatzbereit sein.

Vor dem Hintergrund des großen Ganzen sind es kleine Erfolge. „Es fehlen Unterkünfte für die Ranger, Straßen, Fahrzeuge, Waffen und ein Funknetz“, sagt Msocha, „wir brauchen mehr Geld.“ Rund 6,4 Millionen US-Dollar verdient „Selous“ jährlich mit Touristen. Etwa 50 Prozent fließen zurück ins Reservat. Eine staatliche Förderung ist nicht in Sicht, und die nach Spenden größte Geldquelle droht zu versiegen: 4,8 Millionen US-Dollar, knapp 75 Prozent der jährlichen Touristen-Einnahmen, stammen aus der legalen Großwildjagd.

Keine Jungtiere, Keine trächtigen Mütter

Etwa acht Prozent der Fläche des Reservats im Norden sind Foto-Touristen vorbehalten, der Rest dient als Spielwiese für Hobbyjäger. Sie dürfen eine festgelegte Zahl von Elefanten und Löwen schießen, keine Jungtiere, keine trächtigen Mütter. Doch den Anbietern fehlen Kunden, vier von 19 lassen das Geschäft ruhen. Msocha: „Wir sind abhängig von den Gewinnen durch die Jagd-Touristen.“

Eine Einschätzung, mit der Tawa nicht allein steht. „Mit effektivem Management hat Trophäenjagd positiven Einfluss. Es erhöht den Wert der Wildtiere und des Lebensraums, auf den sie angewiesen sind, und generiert die dringend nötigen Einkünfte, die für Naturschutz und Maßnahmen gegen Wilderei eingesetzt werden können“, schreibt die Weltnaturschutzunion IUCN auf Anfrage. Vorsichtiger formuliert es die in der „Selous“-Region engagierte Umweltschutzorganisation WWF: „Grundsätzlich sucht der WWF nach Wegen, Wildtiermanagement ohne Jagdtourismus zu erzielen.“ Wo dies misslinge, akzeptiere man die Hobbyjagd unter sehr engen Voraussetzungen, etwa möglichst schmerzfreier Tötung und Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Erlösen.

Dorftoiletten sind üblich, Krankenstationen selten

Ein Konzept, das zumindest im Süden des Landes aufzugehen scheint. Das riesige Weltnaturerbe schneidet die 1,2 Millionen Bewohner der Randzonen des „Selous“ von der Zivilisation im Norden ab. Nur eine Straße führt Schwertransporte und Touristen an den in der Trockenzeit mit rotem Staub bedeckten Siedlungen vorbei. In kleinen Ziegelhütten leben ganze Familien, Dorftoiletten sind üblich, Krankenstationen selten.

„Der größte Jagdtour-Anbieter Tansanias zahlt hier Schulgebühren für 242 Kinder und hilft, Brunnen zu bauen“, sagt David Mgala. Mgala ist Vorsitzender der Wildlife Management Association (WMA) Mbarang’andu, einer Gemeinschaft mehrerer Dörfer, die in Kooperation mit dem WWF entstanden ist. WMAs wie diese ziehen sich entlang der südlichen Grenze des „Selous“, wo die Elefanten durch einen Wildtierkorridor gen Mosambik ziehen und dabei Ernten zerstören und immer wieder auch Menschen töten. Gemeinsam mit den Umweltschützern sollen die Dorfbewohner Strategien zur Koexistenz mit den Dickhäutern entwickeln und an Einnahmen durch den Tourismus beteiligt werden.

Zweimal im Monat ziehen Hilfsranger los – zu Fuß und ohne Waffen

David Mgala vertritt sieben Dörfer. „Die Jagdfirmen zahlen uns 30.000 Dollar pro Jahr für eine Konzession, 50 Prozent davon bekommen die Dorfmitglieder“, erklärt Mgala. Per Gesetz steht den Bewohnern auch das Fleisch der geschossenen Tiere zu. Die Jäger dürfen Trophäen mit nach Hause nehmen, so weit die Einreisebestimmungen ihrer Heimatländer dies gestatten. Auch von der Extra-Pauschale, die Jäger für jedes getötete Tier zahlen, bekomme seine WMA einen Anteil, so Mgala. Darüber hinaus würden einige Anbieter die Kosten für Dorf-Ranger übernehmen.

Das Hauptquartier der militärisch ausgebildeten Wildhüter liegt in Matambwe, fast an der Nordspitze des Reservats, wo die Straße für Foto-Touristen ausgebaut und das Gebiet leicht zugänglich ist. Im südlichen Teil, den Jagd-Touristen nur zu Fuß betreten dürfen, kann die Wilderei nur sporadisch bekämpft werden. Zweimal im Monat, je zehn Tage, ziehen Hilfsranger in den Wald – zu Fuß und ohne Waffen.

Einer von ihnen ist Immam Limonga aus dem zur WMA Mbarang’andu gehörenden Dorf Kitanda, zwei Autostunden von der nächstgrößeren Stadt Songea entfernt. Limonga ist hauptberuflich Imker, viele seiner Kollegen Farmer. Das Geld reicht derzeit nur für zwölf Teilzeit-Ranger, Festnahmen von Wilderern gelängen fast nie. Werde ein Täter gefasst, versande der Fall meist, weil eindeutige Beweise fehlten. „Manchmal kennen wir die Täter aus dem Dorf, Nachbarn, Freunde“, sagt Limonga. Denn auch Fischen oder das Erlegen von Kleintieren für das nächste Mittagessen zählt als Wilderei, wenn es auf dem Reservat-Gelände geschieht. Meist wilderten jedoch Profis mit schwerem Geschütz, erzählt Limonga. Aus kleinem Budget finanziert die WMA ein Informanten-Netzwerk, das vor großen Coups warnen soll. Doch finanziell hat die andere Seite, die Wilderei, offenbar mehr zu bieten. Und so schaut man auch im Süden gespannt auf den Fall der Elfenbein-Königin in Daressalam. Dort könnte sich die Zukunft der Schmuggler entscheiden.