Berlin

Stürmische Zeiten für Deutschland

Tornados und Blitzfluten: Eine Unwetterserie fordert Todesopfer und richtet Milliardenschäden an. Erklärungen aus der Wissenschaft

Berlin. Es waren Sturzbäche, die sich innerhalb kürzester Zeit über Teile Süddeutschlands und Nordrhein-Westfalens ergossen. Fast gleichzeitig glaubten die Menschen mehrere Hundert Kilometer entfernt in Hamburg nicht, was sie da sahen: Ein Tornado durchpflügte Teile der Hansestadt. Ist das Wetter verrückt geworden? Und ist es der Fingerabdruck des Klimawandels, der immer deutlicher wird? Es passt ins Bild, glauben Klimaforscher.

Wie entsteht ein Tornado?

Trotz jahrzehntelanger Forschung ist das bislang nicht eindeutig geklärt. Sicher ist: "Es braucht eine ganze Reihe von Zutaten, die zum Glück jedoch selten gleichzeitig auftreten", sagt Andreas Friedrich, Meteorologe und Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Wichtigste Voraussetzung für einen Tornado, auch Windhose genannt, ist eine Schauer- oder Gewitterwolke, deren untere Grenze nicht höher als 1000 Meter über dem Erdboden schweben darf. "Außerdem muss die Luft, die sich zwischen Erde und Wolkengrenze befindet, feucht sein und aufsteigen", erklärt Meteorologe Friedrich. Und schließlich brauche es eine sogenannte Windscherung: Also eine Änderung der Windgeschwindigkeit und -richtung. In der Folge beginnt die Luft zu rotieren, es entsteht ein Schlauch aus Staub und Wassertropfen, der sich bis zum Boden zieht und rotiert.

Hat die Zahl der Tornados zugenommen?

"Nein. Wir wissen aus den USA, wo jedes Jahr rund 1000 Tornados über das Land fegen, dass ihre Zahl konstant bleibt", erklärt Friedrich. In Deutschland seien es 20 bis 60 im Jahr, die nachgewiesen würden. "Der Nachweis ist der entscheidende Punkt." Die Mehrheit der Windhosen würde unbemerkt entstehen und verschwinden. Die ersten Berichte von verheerenden Tornados in Deutschland habe es schon 1764 und 1801 gegeben. "Sie hatten nach dem, was wir heute wissen, die Kategorie 5." Ein F5-Tornado auf der sogenannten Fujita-Skala hat eine Windgeschwindigkeit von bis zu 512 Stundenkilometern.

Der Eindruck, dass Wetterphänomene wie Tornados in Deutschland zunehmen, habe vor allem mit den technischen Möglichkeiten zu tun, sagt Meteorologe Jörg Kachelmann. "Es kann kaum noch ein Tornado irgendwo in Deutschland auftreten, ohne dass er nicht ein paar Minuten später irgendwo auf Youtube ist."

Warum sind Tornados gefährlich?

Gefährlich sind vor allem umherfliegende Gegenstände. "Je stärker der Tornado, umso mehr Geschosse. Das ist das, was die Menschen umbringt", erklärt Kachelmann. In einem Tornado können im Extremfall Windgeschwindigkeiten von über 500 Stundenkilometern herrschen. "Bei diesen Geschwindigkeiten werden Bäume nicht nur entwurzelt, ihre Rinde wird abgeschält. Solche Kräfte wirken dort im Inneren", erklärt der Tornadobeauftragte Friedrich. Doch gefährlich wird auch schon ein Tornado der niedrigsten Kategorie F0, der bei Geschwindigkeiten von bis 115 Stundenkilometern Gegenstände mitreißt, die Menschen treffen können.

Wie kann man sich vor einem Tornado schützen?

Grundsätzlich sollten Autofahrer oder Fußgänger schnellstmöglich ausweichen. "Das funktioniert ganz gut, denn in der Regel hat der Tornado nur einen Durchmesser von bis zu 500 Metern und bewegt sich auch nicht besonders schnell", erklärt Friedrich. Schon in 500 Metern Entfernung sei man relativ sicher. Der mutmaßliche Tornado, der durch Hamburg fegte, war Schätzungen zufolge 20 bis 30 Stundenkilometer schnell. Am besten sei es jedoch, in einem Gebäude Schutz zu suchen, wenn möglich im Keller. Gibt es den nicht, sucht man sich im Erdgeschoss einen Raum in der Mitte des Gebäudes, am besten ohne Fenster. "Die Menschen wissen leider nicht, wie sie sich schützen können", sagt Friedrich. "Würde ein Tornado jetzt durch eine Innenstadt fegen, rechne ich mit vielen Opfern."

Lässt sich ein Tornado vorhersagen?

"Das ist punktgenau kaum möglich", erklärt Friedrich. Immerhin das Risiko kann vorhergesagt werden und der DWD kann dann eine entsprechende Warnung herausgeben. Eine konkrete Warnung wäre, wenn überhaupt, nur Minuten vorher möglich.

Sind die extremen Unwetter der vergangenen Tage Folgen des Klimawandels und ein Vorgeschmack dessen, was kommt?

"Man kann einzelne extreme Wetterereignisse zwar nicht direkt auf den Klimawandel zurückführen", sagt Stefan Rahmstorf, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im Gespräch mit dieser Redaktion. Doch es gehe um die Frage, wie die globale Erwärmung die Häufigkeit von extremen Wetterereignissen beeinflusse.

Rahmstorf sieht einen Zusammenhang: "Unsere Studien hier in Potsdam belegen einen signifikanten Trend für Nordeuropa: Es sind insbesondere die Blitzfluten, die zunehmen – jene Starkregen, bei denen in wenigen Stunden extreme Niederschlagsmengen niedergehen und zu schweren Überschwemmungen führen können. Wir können sagen: Von drei Tagesrekordregen, die im nördlichen Europa niedergingen, traten zwei durch Zufall auf, einer ist durch den Klimawandel hinzugekommen."

Wie erklären sich die Wissenschaftler die ungewöhnlich lange Serie anhaltender Unwetter?

Auch das "passe ins Bild", sagt der Potsdamer Klimaforscher Peter Hoffmann. mit Blick auf jüngste Studien. "Wir sehen eine Verbindung zwischen der Erwärmung der Arktis und dem Wetter in unseren Breiten", erklärt Hoffmann. "Als Folge der schmelzenden Schnee- und Eisflächen in der Arktis ändern sich Bahnen der Jetstreams, der Höhenwinde. Das verändert die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete und beeinflusst somit auch das Wetter bei uns: Entweder machen die Tiefs einen Bogen um Mitteleuropa, oder sie verharren genau über uns."

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