Interview

Moral im Internet: Woher kommt die große Lust am Skandal?

Im Internet tobt ein erbitterter Kampf um die Moral. Das spaltet die Gesellschaft, warnt Medienwissenschaftler Prof. Steffen Burkhardt.

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Gesellschaftliche Werte und Normen sind die Richtschnur, an der sich Skandale entzünden. Das ist seit Jahrhunderten so, ein weltweites Phänomen. Mit der Digitalisierung haben Skandale aber eine neue Qualität bekommen, sagt Prof. Steffen Burkhardt. Der Medienwissenschaftler aus Hamburg findet das gefährlich – er fordert strengere Regeln für die Nutzer und Betreiber von Facebook und Co.

Herr Burkhardt, wie entsteht ein Skandal?

Steffen Burkhardt: Skandale verlaufen in mehreren Phasen. Zunächst muss der Vorwurf eines massiven Fehlverhaltens erhoben werden, das die Werte und Normen unserer Gesellschaft verletzt. Lösen die Vorwürfe öffentliche Empörung aus, gewinnt der Skandal an Schwung. Richten sie sich gegen angesehene Personen oder Institutionen, beschleunigt das den Vertrauensverlust. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Steuervermeidung des Uli Hoeneß.

Sie sagen, dass es Skandalisierungen seit zwei Jahrtausenden gibt.

Burkhardt: Die ersten Belege für Skandale stammen bereits aus vorchristlicher Zeit. In den Urschriften der Bibel wurde das Skandalon zu einem der populärsten Begriffe. Da wird alles skandalisiert, was von Gott weg direkt ins Verderben führt. Mit der Verbreitung des Christentums hat sich der Skandal im Laufe der Jahrtausende zu einem identitätsstiftenden Konzept westlicher Gesellschaft entwickelt.

Was also ist die zentrale Aufgabe eines Skandals?

Burkhardt: Er aktualisiert die gesellschaftliche Leitmoral. Wer von den Normen der Gesellschaft abweicht, wird durch die Skandalisierung öffentlich ausgegrenzt. Menschen skandalisieren also, um der Furcht vor Veränderung zu begegnen. Sie wollen die Hoheit über das Selbstverständnis der Gesellschaft gegenüber Andersdenkenden und Andershandelnden behalten.

Was hat die Digitalisierung verändert?

Burkhardt: Die Digitalisierung hat Skandale virulenter gemacht. Die Empörung verbreitet sich schneller, unkontrollierter, zügelloser. Neue Techniken haben Skandale seit jeher verändert. Mit der Erfindung des Buchdrucks entstand der Typ des Medienskandals. Schriftsteller und später Journalisten hatten im Medienskandal über Jahrhunderte die alleinige Deutungshoheit, wie das vermeintliche Fehlverhalten des Skandalisierten zu interpretieren ist.

Das Internet dient als Verstärker.

Burkhardt: Mit der Mediatisierung der Gesellschaft hat sich etwas verändert. Journalisten haben ihr Deutungsmonopol verloren. Das Internet hat als Quelle der massenmedialen Skandalisierung an Bedeutung gewonnen. Jeder Bürger kann heute seine Sicht auf die Vorwürfe massenmedial kundtun und damit die Bühne der Öffentlichkeit betreten. Die Empörungswut der Stammtische wird dadurch sichtbarer. Und indem die Bürger mit Suchmaschinen andere finden, die genauso denken wie sie, und sich mit ihnen vernetzen, entstehen mächtige Skandalkoalitionen. Das befeuert eine neue Konjunktur des Skandals und wird im Wahlkampf von Wutpolitikern strategisch genutzt.

Das klingt sehr nüchtern.

Burkhardt: Die starke Zuwanderung schafft bei vielen einen Nährboden, auf dem moralische Brandsätze zünden. Wir beobachten, dass sich eine Gesellschaft extrem verändert. Eine christlich geprägte Gesellschaft, die sich zahlreichen Transformationsprozessen unterzogen hat, sieht sich mit den Werten und Normen der Einwanderer konfrontiert. Deutungskämpfe über Moral müssen ausgetragen werden. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass mit Zuwanderung Skandalisierung einhergeht.

Sie meinen die Flut von Hass-Kommentaren im Internet oder auch die im Internet gestreuten Gerüchte über angebliche Verbrechen von Geflüchteten.

Burkhardt: Absolut. Die Popularität, mit der Geflüchtete im Netz skandalisiert werden, zeigt Parallelen zu vielen Migrationsbewegungen seit der Antike. Wir befinden uns auf dem Schlachtplatz öffentlicher Moral. Seine Dimensionen im Internet sind erschreckend.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Burkhardt: Es gibt die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft. In jene, die dem Land und der Demokratie noch vertrauen und jene, die das nicht mehr tun. Umfragen zeigen hier eine desaströse Entwicklung. Das gilt nicht nur für Deutschland. Die Einschränkung des Informationsangebots im Internet durch Algorithmen auf Basis von Präferenzen verstärkt diesen Trend. Sie finden dort Parallelwelten, in denen Menschen ernsthaft glauben, dass die Politik hierzulande den Journalismus kontrolliert und wir einen radikalen Politikwechsel bräuchten.

Wollen Sie das Internet abschaffen?

Burkhardt: Nein, und ich will auch keine Zensurdebatte fordern. Wir brauchen aber eine Debatte darüber, dass die Gesellschaft ihre Art der Kommunikation an das digitale Zeitalter anpassen muss. Und zwar unter Beachtung rechtsstaatlicher Regeln. Wer sich im Internet äußert, muss die Regeln beachten, die auch für den Journalismus seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland gelten. Er muss seinen richtigen Namen nennen und für Hassreden oder Schmähkritik gerade stehen. Und für das, was er sagt, einfacher in Haftung genommen werden können, selbst wenn die Server im Ausland stehen. Wir müssen die ausländischen Betreiber von Blogs und Foren stärker in die Pflicht nehmen. Entweder sie halten sich an die Regeln, oder sie verlieren das Recht, in Deutschland zugänglich zu sein. Warum sollte das, was für klassische Medien gilt, für Facebook oder Twitter nicht gelten?

Wie privat können Skandale sein?

Burkhardt: Heute kann jeder skandalisiert werden. Urplötzlich geht eine Hetzjagd los, selbst wenn Sie gar nichts gemacht haben. Und das trifft Menschen mit voller Wucht. Selbst Profipolitiker sprechen von traumatischen Erfahrungen, Menschen gehen auf Distanz, Zweifel an der Integrität kommen auf. Plötzlich äußern Menschen jede Art von Verdächtigung, die sie schon immer mal äußern wollten und Gerüchte manifestieren sich. Betroffene fühlen sich häufig hilflos. Häufig übrigens zu Recht, wenn sie keine guten Juristen haben, die Gerechtigkeit durchsetzen.

Was sagen Sie jenen, die Skandalisierung im Netz genüsslich vorantreiben?

Burkhardt: Die Beteiligung am Skandal ist so menschlich wie die Lust am Klatsch. Wir alle sollten reflektieren, wie wir uns in Moraldebatten verhalten. Wenn es darum geht, mit Fingern auf andere zu zeigen, kann es helfen, einen Moment inne zu halten und sich die Frage zu stellen, wie würde es mir in der Situation ergehen. Ein Leitwort unserer Gesellschaft lautet, keiner werfe den ersten Stein, darüber sollte der Einzelne nachdenken. Skandalisierung ist im Übrigen schleichend und geht nicht immer mit einem Paukenschlag in der breiten Öffentlichkeit los. Das Mobbing zum Beispiel ist eine Spezialform der Skandalisierung im persönlichen Bereich. Im Alltag sollten wir uns manchmal die Frage stellen, wo es besser wäre mit- statt übereinander zu sprechen. Das sind Kleinigkeiten, die für unser soziales Miteinander zentral sind.

• Zur Person: Steffen Burkhardt (38) forscht und lehrt als Professor für Medien- und Kulturtheorie, Medienforschung und -kompetenz an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Schwerpunkte seiner Studien sind die Themen Globalisierung und digitale Öffentlichkeiten, politische Kommunikation, Journalismus und soziale Medien. Burkhardt leitet zudem das International Media Center (IMC), ein führendes Institut für den internationalen Medienaustausch.