Forschung

Das Erdzeitalter des Menschen hat begonnen

Seit 60 Jahren und dauerhaft prägt der Mensch das Antlitz der Erde. Daraus kann man Nützliches lernen, sagt der Geologe Reinhold Leinfelder.

Reinhold Leinfelder ist Direktor des „Hauses der Zukunft“, das ab 2017 die Debatten über die Zukunft der Zivilisation anregen wird

Reinhold Leinfelder ist Direktor des „Hauses der Zukunft“, das ab 2017 die Debatten über die Zukunft der Zivilisation anregen wird

Foto: Reto Klar

Reinhold Leinfelder zeigt durchs Fenster nach draußen. Er lächelt zufrieden und ein bisschen stolz. Dort draußen ist sein "Baby" zu sehen. Es wächst. Das "Baby" – das ist das "Haus der Zukunft" (HDZ) am Kapelle-Ufer in Berlin-Mitte. Zurzeit noch ein Rohbau, soll hier ab dem kommenden Jahr diskutiert werden, wie bald neun Milliarden Menschen mit ihren Wünschen nach Glück und Wohlstand auf einem begrenzten Planeten leben können. Das HDZ wird Ideenlabor, Diskussionsforum und Ausstellungsort sein. Leinfelder ist sein Gründungsdirektor. Noch hat er sein Büro im benachbarten Gebäude des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt.

Eigentlich befasste sich Leinfelder, der gerade 59 geworden ist, einen Großteil seines Berufslebens mit der weit zurückliegenden Vergangenheit. Er ist Geologe und Paläontologe – Experte für das Leben vergangener Erdzeitalter. Berlinern ist er vor allem bekannt als Generaldirektor des Naturkundemuseums von 2006 bis Ende 2010. Davor war er Leiter der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns.

Leinfelder erforschte die ferne Vergangenheit und nun die Zukunft

Nun also die Zukunft der Menschheit. Wie geht das zusammen? "Beide Bereiche haben etwas gemeinsam: Das Denken in zeitlichen Konstellationen und Entwicklungen", sagt Leinfelder, der auch Professor an der Freien Universität (FU) ist. Mit vielfach problematischen Entwicklungen hatte er als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) von 2008 bis 2013 zu tun. Mit dieser Erfahrung wird sich Leinfelder im "Haus der Zukunft" auch mit der Begrenztheit des Planeten befassen – als Organisator und als Moderator von Personen mit möglichst kreativen, ernsthaften und auch abseitigen bis versponnenen Ideen dazu, wie man Mensch und Erde wieder in Einklang bringen könnte.

Man kann sich Leinfelder gut in dieser Rolle als Moderator vorstellen. Er ist freundlich, zugewandt und bescheiden. Aber er ist auch eloquent, kann schlüssig argumentieren und weiß zu überzeugen. Leinfelder ist zwar Wissenschaftler, aber er hat gelernt, trockene Materie auf verständliche Formeln zu bringen. Er war als Museumsmensch genauso "Erklärer" wie als Politikberater im WBGU.

Der Planet wird durch den Menschen dauerhaft verändert

In einer aktuellen Herausforderung wird Reinhold Leinfelder zwangsläufig wieder in den Wissenschaftsjargon fallen müssen. Denn er und rund drei Dutzend weitere Forscher aus aller Welt wollen die internationale Geologengemeinde davon überzeugen, dass etwas grundlegend Neues begonnen hat. Und es steht noch ganz nicht fest, ob die Fachwelt dem folgen wird. Die Forscher haben den Beginn des Erdzeitalters Anthropozäns postuliert – das Zeitalter des Menschen (griech. anthropos).

Kurz gesagt bedeutet das: Der Mensch verändert das Antlitz des Planeten so dramatisch und nachhaltig, dass dies auch in den nach Jahrmillionen messenden geologischen Zeiträumen sichtbar bleiben wird. Erläutert haben Leinfelder und 23 Kollegen dies jüngst im renommierten Fachmagazin "Science". Verwendet hat das Wort "Anthropozän" erstmals der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000.

Forscher erkennen Erdzeitalter als Phasen mit typischen Tier- und Pflanzenarten, die auftauchen und verschwinden und von denen noch Fossilien zeugen. Leitfossilien sind solche, die – als lebende Individuen – weit verbreitet und typisch waren und heute markant und gut einzuordnen sind. Das Leitfossil der Kreidezeit mit ihren Sauriern beispielsweise sind die schneckenförmigen Kalkgehäuse von bestimmten meeresbewohnenden Weichtieren, den Ammoniten .

Leitfossilien sind Beton, Flugasche, Plastik und radioaktiver Fallout

Die Leitfossilien des Anthropozäns sind Beton und metallisches Aluminium – in der Natur kommt Aluminium nur als Erz (Salz) vor, etwa als Bauxit. Doch das wichtigste Leitfossil der Zivilisation ist Plastik. Kein Bach, kein Bergsee, kein Stück Meeresgrund oder Arktiseis, in dem man nicht Kunststoff finden würde. Von der weithin sichtbaren Einkaufstüte bis zu den Mikropartikeln, die sich in Algen, Fischen, Meeressäugern und Vögeln anreichern. Abgebaut werden sie nie, allenfalls zerkleinert. Von Fischen, Schildkröten und anderen Meeresbewohnern weiß man, dass sie sterben, weil sie Plastik fressen – unbeabsichtigt oder weil sie Plastikteilchen für Nahrung halten. Unverdaulich verstopft es ihre Verdauungsorgane – sie verhungern bei vollem Magen.

Kein Lebensbereich ist heute ohne Plastik vorstellbar. Wir sind 24 Stunden am Tag von ihm umgeben. In den 50er-Jahren wurden weltweit pro Jahr etwa zwei Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt. "Heute produzieren wir fast so viel Kunststoff wie es menschliche Biomasse auf der Erde gibt: gut 300 Millionen Tonnen", erläutert Leinfelder. "Plastik ist dadurch ubiquitär, also in allen Weltregionen und in allen Umweltbereichen zu finden."

Mit dem Comic Menschen erreichen, die sich sonst nicht für Ökologie interessieren

Weltweit gefundene "Technofossilien" sind auch Flugasche – der Ruß und die Asche aus den Kaminen der Häuser und den Schloten der Industrie und der radioaktive Fallout der oberirdischen Atombombentests ab 1945. Reinhold Leinfelder setzt wie die meisten Anthropozän-Forscher den Beginn des neuen Zeitalters auf die Jahre 1945 bis 1950. Der Fallout markiert die Grenze.

Düster wie die Assoziationen mit dem Begriff "radioaktiver Fallout" sind die Farben des Plakats an der Wand hinter Reinhold Leinfelders Schreibtisch. Es ist ein Comic-Bild und stammt vom Grafikdesigner Henning Wagenbreth von der Universität der Künste in Berlin. Er und Leinfelder sind Mitherausgeber einer Comic-Anthologie zum Anthropozän. Da ist er wieder: Reinhold Leinfelder, der Erklärer.

Auf dem Plakat symbolisiert ein roboterartiges Monster auf den Ketten einer Planierraupe die zerstörerische Kraft des Menschen. "Anthropozän" schreit eine Sprechblase. Das Motiv ist Teil eines Ausstellungsplakats. Es ist düster, aber es ist ein Comic und spricht Menschen an, die sich über eine ernste Sache informieren wollen, ohne gleich in Depressionen versinken zu wollen. Das Comic-Monster hält in seiner zangenartigen Hand einen ausgerissenen Baum. Das könnte für einen weiteren Aspekt des neuen Zeitalters stehen: Die Zahl der Tier- und Pflanzenarten nimmt ab.

Ab 1950 sind die Einflüsse des Menschen dominant geworden

Reinhold Leinfelder nennt weitere Merkmale des Anthropozäns: "Durch die massenhafte Nutzung von Phosphat und Nitrat finden wir diese Stoffe in allen Gewässern", sagt Leinfelder. Staudämme werden gebaut, Flüsse werden begradigt und so viel Wasser wird ihnen entnommen, dass bisweilen kaum noch etwas im Meer ankommt. Der Verbrauch von Ressourcen steigert sich, ihr Abbau hinterlässt Wunden in den Landschaften. Sogar der Sand zum Bauen wird knapp. Zwar gibt es keinen absoluten Sandmangel. Aber jene scharfkantigen Körner, die sich eignen, um mit Zement richtig abzubinden, werden absehbar zur globalen Mangelware.

Im September könnte die Geologen-Gemeinschaft auf einem Weltkongress das Anthropozän offiziell als neues Erdzeitalter festlegen. Bis dahin tragen Reinhold Leinfelder und 35 weitere Forscher zusammen, wo sich die Spuren des Menschen auf dem Planeten massiv eingegraben haben. Aber ist der Beginn des Menschen-Zeitalters mit 1950 nicht willkürlich angesetzt? "Das ist zugegeben noch Verhandlungssache", räumt der Forscher ein. "Aber ab 1950 haben sich die verschiedenen Einzelfaktoren synchronisiert und sind überall geologisch, also in den Sedimenten nachweisbar."

Die Zivilisation kann kompatibel zur Natur gemacht werden

Und was bedeutet das nun? Ist das Anthropozän eine ganz und gar negative Entwicklung, weil so zerstörerisch? Hier kommt das "Haus der Zukunft" wieder ins Spiel. Reinhold Leinfelder ist überzeugt, dass sich mittels Analyse die pessimistische Sicht auf die Umweltzerstörung zu einem optimistischen Konzept wandeln lässt: "Wer hätte gedacht, dass wir so eine starke Kraft auf die Erde ausüben? Das können wir doch umdrehen und die Erde gestaltend erhalten." Das Ziel: die Zivilisation kompatibel zu machen mit der Natur, so dass künftige Generationen auch in Würde leben können.

Im HDZ sollen viele Szenarien durchgespielt werden. Leinfelder nennt sie "Pfade". Da gibt es zum Beispiel den "Suffizienzpfad" auf dem sich die Menschen nach dem Motto "weniger Konsum ist mehr" selbst bescheiden. Es gibt den "bioadaptiven Pfad" mit einer Kreislaufwirtschaft, die Rohstoffe immer wieder verwendet. Und den "Hightech-Pfad". Auf ihm könnten die Menschen die Natur so großräumig wie möglich in Ruhe lassen und in urbanen Räumen leben, wo sie in "Ultrahochhäusern" wohnen und ihre Nahrung und alles weitere erzeugen, was sie brauchen – ohne Erdöl und Erze und mit selbstreparierenden Werkstoffen.

Von den Riffen der Vergangenheit zu heutigen Korallenproblemen

"Das wollen wir im 'Haus der Zukunft' durchdeklinieren." Jeder sei eingeladen, sich einzubringen, sagt der Direktor mit seiner einnehmenden Art, wobei sein jungenhafter Charme mit dem grauen Haarschopf kontrastiert. Von der Urzeitforschung zur Erdzukunft war es ein fast zwangsläufiger beruflicher Weg, sagt der aus Augsburg stammende Forscher. Er habe sich quasi als Selbstrechtfertigung immer gefragt: Warum mache ich das? So sei er von der Untersuchung urzeitlicher Korallenriffe schnell zu den klimabedingten Problemen der heutigen Riffe gelangt.

Von da war es ein kleiner Schritt zu dem Ziel, die Erderwärmung auf zwei zusätzliche Grad zu begrenzen. "Es macht Sinn, das Anthropozän zu definieren und zurückzuschauen. Aus diesen Befunden kann man Lehren ziehen. Man sieht, dass der Mensch nicht Herrscher der Natur ist, sondern nur in der Natur integriert sein kann." Reinhold Leinfelder ist optimistisch, dass es gelingen wird. Chef des "Hauses der Zukunft" kann man wohl nur sein, wenn man Optimist ist.

Reinhold Leinfelder zeigt zu dem Rohbau hinüber und deutet an, wo die Dauerausstellung sein wird und wo Besucher von Café und Restaurant auf die Spree blicken werden. Im Juli soll Richtfest sein. Dann wird sein "Baby" einen Wachstumssprung machen. Anfang 2017 ist Eröffnung des Hauses. Dann ist das "Baby" erwachsen und soll die Zukunft mitgestalten.

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