Kunstherz

Zwei Herzen in einer Brust

Vor 30 Jahren wurde in Berlin das erste künstliche Organ implantiert. Heute führen Patienten mit der Pumpe ein fast normales Leben.Vor 30 Jahren wurde zum ersten Mal in Berlin ein Kunstherz implantiert. Heute können die Patienten ein fast normales Leben führen.Vor 30 Jahren wurde zum ersten Mal in Berlin ein Kunstherz implantiert. Heute können die Patienten ein fast normales Leben führen.

Stefan Sichelschmidt ist ein aktiver Mensch. Er geht arbeiten und treibt viel Sport. Die Steuereinheit für sein Kunstherz muss er dabei immer mit sich tragen

Stefan Sichelschmidt ist ein aktiver Mensch. Er geht arbeiten und treibt viel Sport. Die Steuereinheit für sein Kunstherz muss er dabei immer mit sich tragen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Wieso ich? Immer wieder hat sich Stefan Sichelschmidt vor sechseinhalb Jahren diese Frage gestellt. Damals, als er nicht einmal mehr eine Gabel halten konnte, als er knapp dem Tod entgangen war und nur ganz langsam wieder ins Leben zurückfand. Heute ist dem 51-Jährigen diese depressive Stimmung nicht mehr anzusehen. Stefan Sichelschmidt ist ein aktiver Mensch, er arbeitet, treibt Sport, ist ein engagierter Familienvater. Auf den ersten Blick anders ist nur der etwa drei Kilogramm schwere Rucksack, den er immer bei sich trägt.

Ohne diesen Rucksack könnte Stefan Sichelschmidt nicht leben, "es ist mein kleines Kernkraftwerk", sagt er lachend. Im Rucksack sind die Steuereinheit und zwei Akkus. Sie sichern über ein Kabel die Stromzufuhr zu einer Pumpe, die an seiner linken Herzkammer angeschlossen und mit der Hauptschlagader verbunden ist – sein Kunstherz. Wenige Zentimeter ist die Pumpe groß, die Sichelschmidt in seinem Körper trägt und die etwa zehn Liter Blut pro Minute befördert. Nicht wie bei einem natürlichen Herzen stoßweise, sondern kontinuierlich, wie bei einer Wasserpumpe. Daher lässt sich bei ihm auch kein Puls fühlen.

2009 wurde dem Mitarbeiter im Auswärtigen Amt am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) das erste Kunstherz von Professor Roland Hetzer implantiert. Mehr als 3000 solcher Systeme wurden im DHZB bislang eingesetzt, das Zentrum betreibt damit nach eigenen Angaben das größte Kunstherzprogramm der Welt.

Zu Beginn waren die Antriebe kühlschrankgroß und laut

Und noch einen Superlativ hat Berlin zu verzeichnen: Vor fast genau 30 Jahren, am 7. März 1986, führte Chirurg Emil Bücherl am damaligen Universitätsklinikum Charlottenburg die erste Kunstherzimplantation in Deutschland durch. Das DHZB, das ebenfalls 1986 gegründet wurde, setzte die Kunstherztradition dann ab 1987 fort. In den Pionierjahren waren die Antriebe noch kühlschrankgroß und laut, kein Vergleich zu den kompakten Geräten von heute. Ein Leben, wie es Sichelschmidt heute führt, wäre mit den alten Apparaten nicht möglich gewesen.

Aber auch heute nehmen nur wenige Menschen mit Kunstherz aktiv am Leben teil, weiß der 51-Jährige. Kaum einer arbeitet wie er, kaum einer treibt Sport. "Die Angst ist zu groß, dass etwas passieren könnte." Doch gerade diese Angst hält er für gefährlich, daher hat er nach seiner Operation schnell angefangen, sich für andere Betroffene zu engagieren. Er hält Vorträge und versucht, Patienten, die zum Beispiel vor der Operation stehen, Mut zu machen.

Es war nur ein Routinecheck, dann landete er im Operationssaal

Er selbst hätte sich 2009 solche Gespräche gewünscht. Er musste aus eigener Kraft wieder ins Leben zurückfinden, natürlich auch mithilfe seiner Familie, seiner Freunde und der Therapeuten. Und vielleicht hat ihm noch etwas geholfen: "Als es ganz kritisch wurde, kann ich mich an nichts erinnern", erzählt er. Sein Hirn wurde damals offenbar gar nicht mehr richtig versorgt. Dass er in Lebensgefahr schwebte, wurde ihm erst hinterher bewusst. Es gab ja auch vorher überhaupt keine Anzeichen.

Ende 2008 musste er zum medizinischen Check. Nach Stationen in Wien, Paraguay, Senegal, Nicaragua und Südkorea stand wieder eine Versetzung an – nach Los Angeles. Der Check gehörte zur Vorbereitung, eine Routineuntersuchung. Sichelschmidt hatte keinerlei Beschwerden, freute sich auf den Ortswechsel mit seiner Frau Ioulia Kim und den zwei Kindern. Doch dann kam der Schock: Eine Herzklappe schließe nicht richtig. Anfang 2009 ließ er sich in Hamburg operieren, die Herzklappe wurde rekonstruiert. Die Familie hielt an den beruflichen Plänen fest, kündigte die Wohnung in Berlin, im Sommer sollte es losgehen. Alles schien ja auch in Ordnung, war es aber nicht. Seine Frau flog nach L. A., um eine Wohnung zu suchen, Sichelschmidt blieb mit der zweijährigen Tochter in Berlin. "Am Telefon hat er immer gesagt, es gehe ihm gut", erzählt Ioulia Kim, "aber ich hatte ein ungutes Gefühl." Als sie wieder in Berlin landete, hatte er schon zwei Herzstillstände hinter sich und lag im Herzzentrum. Erst zwei Tage später konnte er operiert werden, weil ein Organversagen drohte. Für Ioulia Kim waren es schreckliche Tage des Wartens. Danach gab es nur ein kurzes Aufatmen, denn Stefan Sichelschmidt lag noch wochenlang im Koma.

Ein 200 Meter langer Weg kam ihm wie eine Weltreise vor

Als er dann erwachte, hatte er vor allem Enttäuschung empfunden. Enttäuschung, dass es nicht mit L. A. klappen würde. "Dass ich gerade noch mal dem Tod entgangen war, wurde mir erst vorsichtig beigebracht", erinnert er sich. Erst dann kamen die Depressionen und diese Frage: Wieso ich? Doch es passt nicht zu Sichelschmidts Wesen aufzugeben. Er kämpfte sich zurück ins Leben und haderte nur manchmal damit, wie lange alles dauerte. Zwei Monate, nachdem er entlassen war, konnte er zum ersten Mal seine Tochter wieder aus der Kita abholen. Der 200-Meter-Weg kam ihm wie eine Weltreise vor. Und er musste sich daran gewöhnen, sich helfen zu lassen. Da er sich nicht gut bücken kann, benötigt er teilweise Hilfe beim Anziehen und auch beim Duschen.

Sport spielt trotzdem eine wichtige Rolle in seinem Leben. Vor allem Skaten und Radfahren, das Laufen geht wegen der Erschütterung nicht mehr. 2014 wollte er als Skater sogar beim Marathon antreten, aber der Veranstalter hatte Bedenken. Im vergangenen Jahr hatte er es wieder versucht. Da war sein Kunstherz bereits sechs Jahre alt. Schon eine beachtliche Lebensdauer der Pumpe. Oft bleiben sie kürzer im Körper.

Oft ist ein Kunstherz nur eine Zwischenlösung bis zur Transplantation

Denn die "Kreislaufunterstützungssysteme", wie sie korrekt heißen, dienen vielen Patienten nur als Übergangslösung, bis sie ein passendes Spenderorgan bekommen. Die Wartezeit ist lang, ein bis eineinhalb Jahre. Zu lang für viele schwache Herzen, eine Zwischenlösung muss dann her: eine Unterstützungspumpe. Doch der Bedarf an Spenderorganen wächst, weil durch die Zunahme der Lebenserwartung immer mehr Menschen an Herzschwäche leiden. Die Unterstützungspumpe wird so zwangsläufig zur Dauerlösung, sagt Professor Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des DHZB.

Heute implantieren die Spezialisten weit mehr Kunstherzen als Spenderorgane. Nur selten entnehmen die Chirurgen dabei das Herz komplett, denn es hat meist noch eine nützliche Restpumpleistung. "Sollte die Unterstützungspumpe einmal ausfallen, schafft es der Patient mit der Restleistung noch ins Krankenhaus", erklärt Falk. Und in seltenen Fällen benötigt ein Betroffener letztlich gar kein Spenderherz mehr, weil sich das eigene Organ durch die maschinelle Entlastung so weit erholt, dass es die ihm zugedachte Aufgabe wieder selbstständig erledigen kann und auf das Kunstherz verzichtet wird. Etwa 100-mal war das bisher am DHZB möglich.

Auch an seine zweite große Operation erinnert sich Sichelschmidt kaum

Bei Stefan Sichelschmidt wird das nicht passieren. Er will zurzeit aber auch keine Transplantation. "Die Risiken sind hoch, und es geht mir doch gut so, wie es ist ", sagt er. Inzwischen. Im Frühsommer 2015 hatte er noch einmal einen Zusammenbruch. Gerade hatte er den Velothon mitgemacht, wollte sich nun auf den Berlin-Marathon im September vorbereiten. "Doch dann wurde festgestellt, dass sich der Schlauch an der Pumpe verschoben hatte", sagt er. Das Richten sollte keine große Sache werden. Tatsächlich wurden aus einer dann neun Stunden OP, weil der Schlauch auch löchrig war und ersetzt werden musste. Danach kam es zu Komplikationen: Nierenversagen, schließlich Halluzinationen und Koma, erzählt Ioulia Kim, verursacht durch eine Thrombose. Die letzte Rettung: ein neues Kunstherz.

Ein Blutgerinnsel ist eine häufige Komplikation bei Kunstherzen. Wenn dieses mit dem Blutstrom ins Gehirn wandert, birgt das die Gefahr eines Schlaganfalls. Deshalb müssen die Patienten permanent blutverdünnende Medikamente einnehmen, was wiederum die Gefahr von inneren Blutungen etwa in Magen oder Hirn birgt.

An einer kabellosen Versorgung mit Strom wird gearbeitet

An der Durchtrittsstelle des Steuer- und Stromkabels besteht zudem das Risiko einer Infektion. An einer kabellosen Stromversorgung wird zwar gearbeitet, allerdings liegt in diesem Fall die Gerätesteuerung im Körperinneren. Der Patient kann sie bei einer Störung also nicht mal schnell austauschen. Sie muss absolut zuverlässig arbeiten. Die Hersteller zögern deshalb noch, ihre Systeme auf den Markt zu bringen.

An die lebensbedrohlichen Tage 2015 erinnert sich Stefan Sichelschmidt wie beim ersten Mal kaum. Aber im Gegensatz zu 2009 weiß er inzwischen um all die Gefahren und wie labil das System in seinem Körper ist. An einen Marathon denkt er heute nicht mehr, bei einem Drittelmarathon im April und beim Velothon im Juni will er aber schon wieder dabei sein. "Weil es mir Spaß macht", sagt er, "nicht, weil ich mir oder irgendjemandem etwas beweisen muss." Vor allem aber will er anderen Menschen Mut machen und zeigen, was alles mit einem Kunstherzen möglich ist.

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