Berlin

Schneller Gewissheit beim HIV-Test

Ungeschützter Sex, ein Stich mit Nadel: Jetzt geht es schneller, bis man Gewissheit hat

Berlin.  Sechs Wochen Angst statt drei Monate – immerhin. Ein HIV-Test kann in Deutschland jetzt schon deutlich früher Sicherheit liefern. Es gelten nun neue Leitlinien, wie die Deutsche Aids-Hilfe am Freitag mitteilte. „Bisher hat man den Leuten gesagt: Ihr müsst drei Monate warten, sonst ist es nicht sicher“, sagte Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Die Zahl der Viren und Antikörper nimmt erst allmählich zu. Nun aber verkürzten die zuständigen medizinischen Fachgesellschaften die erforderliche Frist.

„Das ist für viele Menschen eine Erleichterung und kann zum Test motivieren“, sagt Armin Schafberger, Medizinexperte der Deutschen Aids-Hilfe. Grund für das kürzere Zeitfenster zwischen einer Risikosituation und einer Diagnose ist ein empfindlicheres und kombiniertes Verfahren sowie mehrere Überprüfungen dieses Tests.

Dieser sogenannte Ag-Ak-Kombinationstest prüft auf Antigene (Ag), also fremde Gene (Erreger) und Antikörper (Ak), also Stoffe des Immunsystems, die sich gegen die Antigene richten. Der Test weist Antikörper im Blut früher und sicherer nach als ältere Versionen. Zusätzlich kann er das Protein p24 des Aids-Erregers anzeigen. Es ist nur vorübergehend zu finden – aber schon zwei bis drei Wochen nach einer Infektion.

Diese Tests sind nicht neu. Sie sind seit 1997 auf dem Markt, und fast alle Labors verwenden sie inzwischen. Neu ist aber: Menschen, die sich auf das HI-Virus testen lassen wollen, können das jetzt früher tun. „Die drei Monate Frist, die bisher galten, waren ein Sicherheitsfaktor“, sagt der Virologe Jörg Hofmann von der Berliner Charité. „Man möchte natürlich sicher sein, dass der Test niemanden als HIV-negativ ausweist, der sich doch angesteckt hatte – nur, weil man zu früh getestet hat.“ Es hätten erst genügend Untersuchungen zeigen müssen, dass der Test bei der Mehrheit der Menschen schon nach sechs Wochen funktioniert.

Europäische Richtlinien

Mit ihrer Stellungnahme folgen die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung von Viruskrankheiten (DVV) und die Gesellschaft für Virologie (GfV) europäischen Richtlinien, die vor einem Jahr geändert wurden. In Großbritannien wurde die Diagnosefrist für den Kombi-Test sogar auf vier Wochen verkürzt. In Deutschland ändert sich nach der Stellungnahme allerdings noch etwas. Schlägt der Kombi-Test an, können Betroffene auch schneller eine Bestätigung bekommen als bislang.

Wenn der erste Test Hinweise auf eine Infektion liefert, ist nicht zu erkennen, ob er auf Antikörper reagierte oder auf das Antigen, das noch vor Bildung der Antikörper vorhanden ist. Ist es das Antigen, kann es das bisher vorgegebene Bestätigungsverfahren – der Western-Blot-Test – nicht erkennen. Die Menschen mussten also in Unsicherheit warten, bis auch die Immunreaktion (Antikörper) nachgewiesen werden konnten.

Es gibt allerdings eine Methode, die ein Ergebnis auch ohne Antikörper bestätigen kann: der Erbgutnachweis. Bleibt der Western-Blot-Test negativ, soll jetzt nach den neuen Leitlinien ein Erbgut-Nachweis gemacht werden. Das ist zwar schon gängige Praxis: Viele Ärzte haben nach einem reaktiven Suchtest gleich einen solchen Test veranlasst, heißt es im aktuellen Aids-Report der Aids-Hilfe. „Das hat aber bisher auf den Meldebogen nicht gegolten“, sagt Schafberger. „Man will aber die Infektion gleich dem Robert-Koch-Institut melden und dem Patienten gleich ein sauberes Ergebnis geben.“

Ungewissheit ist belastend. „Deshalb ist es psychologisch gut, wenn man früher Bescheid weiß“, sagt Klaus Überla, Leiter des Virologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen. Er weist noch auf eine weitere Erleichterung für Patienten hin: Eine Probe soll jetzt für beide Tests, den Suchtest und die Bestätigung, genommen werden. „Dann muss der Betroffene nicht noch mal angeschrieben werden, noch einmal Blut abgeben.“

Knapp 100.000 Infizierte

Für HIV-Schnelltests und ältere Testversionen bleibt es allerdings bei einem diagnostischen Fenster von zwölf Wochen. Die DVV und die GfV machen außerdem zwei Ausnahmen bei der kürzeren Frist: Sie gilt nicht für Menschen, die eine Infektion mit einer seltenen HIV-Variante haben, nämlich HIV-1 Gruppe 0 oder HIV-2. Und auch wer bereits eine Immunsuppression oder einen Immundefekt mit Antikörperbildungsstörung hat, kann sich nicht schon nach sechs Wochen auf den Test verlassen.

Nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts lebten 2013 rund 80.000 Menschen in Deutschland mit HIV oder Aids und etwa 14.000 hatten das Virus, ohne davon zu wissen. Der erste HIV-Test wurde im Januar 1985 in den USA patentiert.