Bern –

Weizenbrot bis zum Wahn

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Martina Frei

Neben Zöliakie und Weizenallergie haben Mediziner eine weitere Gluten-Erkrankung gefunden. Doch der Nachweis ist schwierig

Bern.  Der Horror begann mit Kopfweh, Weinkrämpfen, Konzentrations- und Schlafstörungen und üblem Mundgeruch. Die 12-Jährige klagte über Blähungen, Verstopfung und nahm ab. Monate später begann sie zu halluzinieren: Sie sah Menschen aus dem TV-Gerät heraustreten. Die Ärzte diagnostizierten eine Psychose und gaben ihr ein Schizophrenie-Medikament. Doch das brachte nichts. Hinzu kamen jetzt noch starke Bauchschmerzen und ein Gewichtsverlust von 15 Prozent.

Ein Ernährungsspezialist riet dann versuchsweise zur glutenfreien Diät – obschon bei diversen Tests nichts auf eine Unverträglichkeit hingedeutet hatte. Und siehe da: Innerhalb einer Woche besserten sich alle Symptome. Um sicherzugehen, unternahmen die Ärzte einen Versuch: Sie gaben der Patientin jeweils 15 Tage lang Kapseln, die entweder glutenfreies Reis- oder aber glutenhaltiges Weizenmehl enthielten. Weder die Ärzte noch das Mädchen wussten, was in den Kapseln war. Bereits am zweiten Tag, als es die Pillen mit Weizenmehl schluckte, kehrten alle Symptome zurück.

Bis vor wenigen Jahren wäre es wohl als „psychotische Patientin“ behandelt worden, mutmaßen die Autoren dieses Berichts, der jüngst in der Fachzeitschrift „Nutrients“ erschien. Denn lange brachten die Ärzte Gluten – das Klebereiweiß in Weizen und anderen Getreidearten – nur mit zwei Erkrankungen in Verbindung: mit Zöliakie und Weizenallergie. Für beide gibt es Tests. Nun ist von einer dritten Erkrankung die Rede, bei der all diese Tests nichts anzeigen: die Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (NCGS).

Unspezifische Symptome

„In der Fachwelt wird derzeit diskutiert, inwiefern sie als Krankheit eingestuft werden kann“, sagt Ernährungsberaterin Karin Stalder von aha! Allergiezentrum Schweiz in Bern. Für viele Laien steht längst fest, dass Gluten Beschwerden bereitet. Befördert wird dies von Promis wie Chelsea Clinton, die ihre Glutensensitivität thematisierte. Die Diagnose der Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität sei schwierig, sagt Stephan Vavricka, Abteilungsleiter Gastroenterologie und Hepatologie am Zürcher Stadtspital Triemli.

Erstens, weil es noch keinen Test gibt. Zweitens sind die Symptome diffus: Bauchweh, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Kopfweh, Aphthen im Mund, Muskelschmerzen, Kribbeln in Händen und Füssen, „vernebeltes Gefühl“, Hautausschlag, Gelenkschmerzen, Depression oder Müdigkeit – all das kann Zeichen einer NCGS sein.

Trotzdem ist Vavricka überzeugt, dass es die Erkrankung gibt: „Die Beschwerden nur auf die ,Psychoschiene‘ zu schieben, wäre unfair.“ Manchen Betroffenen gehe es wirklich besser, wenn sie sich glutenfrei ernährten, sagt auch Karin Stalder. „Man kann deshalb nicht einfach sagen: ,Das gibt’s nicht.‘“

Wie viele Menschen NCGS haben, ist unbekannt. Vavricka schätzt, dass höchstens eine von 100 Personen daran leidet. Sein Kollege Martin Wilhelmi von der Central-Praxis Zürich geht von etwa einer unter 200 aus.

Studien helfen bei der Frage nach der Häufigkeit auch nicht viel weiter. Die einen sprechen von 0,5 Prozent Betroffenen, andere von sechs Prozent. Aber: Die Untersuchungen wurden zum Teil von Herstellern von glutenfreien Produkten gesponsert. So wurde etwa ein Symposium finanziert, bei dem Kriterien für NCGS festgelegt wurden. Auch einer der Autoren des Fallberichts der 12-Jährigen hat von Schär ein Beraterhonorar erhalten.

Viele falsche Selbstdiagnosen

Erschwerend komme hinzu, sagt Wilhelmi, dass einige Fälle von vermuteter NCGS wahrscheinlich gar nicht durch Gluten bedingt seien, sondern durch eine Reihe von Kohlenhydraten, die der Darm nur bedingt aufnimmt. Diese sogenannten Fodmaps – eine Abkürzung für fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole – kommen in vielen Nahrungsmitteln vor, vom Apfel über Teigwaren, Curry und Käse bis zu zuckerfreien Bonbons. Auch in der Milch enthaltener Milchzucker, Fructose in Früchten und Vielfachzucker im Weizen zählen dazu. In den letzten Jahren verdichteten sich die Hinweise, dass ein Teil der unspezifischen Verdauungsbeschwerden aufs Konto der Fodmaps geht.

Sorgen macht den Fachleuten nicht nur die schwierige Diagnose, sondern auch die wachsende Zahl derer, die sich selbst diagnostizieren. „Manche getrauen sich in der Folge fast nichts mehr zu essen“, sagt Stalder. Ihr Speiseplan umfasse gelegentlich gerade noch zehn Nahrungsmittel. Eine Patientin habe sich gluten- und laktosefrei ernährt, erzählt Vavricka, und nur noch bestimmte Gemüsesorten gegessen. „Am Ende hatte sie einen extremen Eisen- und Vitaminmangel. Solche Fälle häufen sich.“ Oftmals interpretierten die Menschen zu viel hinein. „In Umfragen geben bis zu 50 Prozent der Teilnehmer an, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu vertragen“, sagt Wilhelmi. „Testet man das aber so weit wie möglich aus, finden sich deutlich seltener positive Testergebnisse.“

Sind alle anderen demnach eingebildete Kranke? „Nein“, sagt Stalder. „Menschen mit chronischen Verdauungsbeschwerden haben oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Man sollte sie ernst nehmen.“