Strom sparen

LED-Lampen - Neues Licht für Berlins Straßen

Stromsparende LEDs ersetzen die Glühlampen in Berlins Straßenlaternen. Doch diese könnten auch Schattenseiten für Mensch und Tier haben.

Die 224.000 Berliner Straßenlaternen werden auf LEDs umgerüstet

Die 224.000 Berliner Straßenlaternen werden auf LEDs umgerüstet

Berlin/Potsdam.  In so mancher Stadt haben es Beobachter schwer, die derzeit aufflammenden Perseiden bei all dem künstlichen Licht um sich herum zu betrachten. Gewaltige Lichtglocken strahlen über Metropolen weit ins Umland und den Nachthimmel. Ein technischer Umstieg bietet nun die Chance, das zu ändern. Denn stetig vollzieht sich derzeit ein folgenreicher Wandel: Immer mehr der etwa neun Millionen Straßenleuchten werden mit energiesparenden LEDs betrieben. „Ihr Strombedarf ist im Mittel nur halb so hoch wie der der alten Beleuchtung“, sagt Stephan Völker von der TU Berlin. „Alles, was derzeit ersetzt wird, wird mit LEDs ersetzt.“ In Berlin zum Beispiel seien inzwischen etwa 600 der 224.000 Straßenleuchten umgestellt.

Ein Teil der Laternen wird europaweit noch mit Hochdruck-Quecksilberdampflampen betrieben. Diese dürfen jedoch nach einem EU-Beschluss wegen zu geringer Effizienz seit 1. April dieses Jahres nicht mehr angeboten werden. „Die Zukunft gehört klar der LED“, sagt Völker. Grund seien nicht nur die geringeren Stromkosten: „Von den herkömmlichen Lampen wird viel Lichtsoße in die Straßen gegossen.“ Mit LEDs lasse sich auch der jeweils erhellte Bereich besser kontrollieren: „Als Autofahrer will ich Gegenstände auf der Straße erkennen, auf dem Gehweg dagegen das Gesicht desjenigen, der mir entgegenkommt.“

Einfluss auf Pflanzen und Tiere

Die Umstellung auf LED bietet auch die Chance, in den Städten die Lichtverschmutzung zu bekämpfen. „In Berlin ist der nächtliche Himmel 300 Mal heller als auf einer Nordseeinsel – und Berlin ist eine vergleichsweise dunkle Stadt“, sagt Völker. In einer niederländischen Stadt liegt der Faktor bei etwa 10.000.“ Die nächtliche Lichtsuppe beeinflusst etliche Tierarten – und den Menschen. Nächtliche Beleuchtung senkt etwa die Blütendichte bestimmter Wiesenpflanzen und Singvögel beginnen früher im Jahr zu singen. Insekten konzentrieren sich um Lampen, verenden vor Erschöpfung oder werden zur leichten Beute von Räubern.

Welche langfristigen Folgen all diese Phänomene haben, sei in den meisten Fällen noch völlig unklar, sagt Franz Hölker vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Beim Menschen störe Licht im Schlafzimmer wichtige Regenerationsprozesse, ein Zusammenhang mit Krankheiten wie Krebs und Diabetes werde diskutiert.

Auch die Vereinten Nationen messen dem Thema große Bedeutung bei: Sie haben 2015 zum „Internationalen Jahr des Lichts und der lichtbasierten Technologien“ ausgerufen. Die UN beklagen, dass etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung an ihrem Wohnort nicht die Milchstraße sehen können “.

Zu den Grundproblemen derzeit gehöre, dass Straßenlampen meist von der Dämmerung bis zum Morgengrauen gleichbleibend hell leuchten – unabhängig davon, wie stark der jeweilige Weg tatsächlich genutzt wird. Zu viel Licht wird auch waagerecht oder gar nach oben gestrahlt. Dies sei unter anderem kritisch, weil damit die Gefahr steigt, geblendet zu werden und trotz Laterne wichtige Details zu übersehen. Vor allem ältere Menschen seien von diesem Effekt betroffen.

„Licht-emittierende Dioden (LEDs) ermöglichen, Licht mit bisher unerreichter Präzision auszurichten und seine Farbe zu bestimmen“, sagen Forscher um Christopher Kyba vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Anders als die herkömmlichen Beleuchtungsmittel könnten LEDs bei Bedarf sofort auf bis zu zehn Prozent der Leuchtkraft heruntergedimmt werden. Am Stadtrand reiche dies bis zum morgendlichen Berufsverkehr oft aus. Jetzt würden etliche Straßenleuchten ersetzt und stünden dann Jahrzehnte. Umso wichtiger sei es, dass Behörden nun auch auf den Schlaf des Menschen und den Schutz der Natur achten.

Das würde auch einer wichtigen Tiergruppe zugutekommen: den Insekten. Um die herkömmlichen Lampen kreisen sie oft in großen Schwärmen und verschwenden Energie, die sie für Nahrungs- und Partnersuche bräuchten. „Eine Theorie ist, dass einige Insekten die Lampe mit dem Mond verwechseln, zu dem sie immer in bestimmtem Winkel fliegen“, erklärt IGB-Forscher Hölker. Andere würden schlicht geblendet. Massen von ihnen verbrennen oder sterben erschöpft, andere werden von Fledermäusen und Spinnen gefressen, die auf das Lauern an Leuchten spezialisiert sind.

Unterschiedliche Ergebnisse zu LEDs

Mainzer Forscher schätzen, dass an deutschen Straßenleuchten in einer Nacht eine Milliarde nachtaktive Insekten verenden. Wie sich die Umstellung von LEDs auf dieses Massensterben auswirken wird, ist noch weitgehend unklar. Erste Studien lieferten unterschiedliche Ergebnisse. „Es gibt Zigtausende Arten“, erklärt Hölker. „Sie nehmen unterschiedliche Bereiche des Lichtspektrums wahr und reagieren auch ganz unterschiedlich.“

Bekannt sei, dass viele Nachtfalter, Käfer und Fliegen eher auf kurzwelliges Licht reagieren und LEDs haben meist eine Spitze im kurzwelligen Blau-Bereich. Es könnte also sein, dass an LEDs ähnlich viele Insekten sterben wie bisher – wenn sie nicht besser ausgerichtet und zeitweise gedimmt sind.

Ähnliche Schlüsse ließen sich für höhere Wirbeltiere und den Menschen ziehen: „Der Hell-Dunkel-Rezeptor des Auges ist im blauen Bereich am sensitivsten“, erklärt der Biologe. „Die Gefahr ist, dass der nächtliche Lichtschein physiologisch als Tag wahrgenommen wird.“ Ausgerechnet die effizienten LEDs hätten eine sehr ausgeprägte Blau-Spitze. Hölkers Fazit lautet darum: „LEDs haben durchaus ein großes Potenzial, aber es sind noch sehr viele Fragen offen.“ Die Gefahr sei, „dass mehr beleuchtet wird, wenn Licht günstiger ist“, sagt der Biologe. Dies zeige sich in Großbritannien: Die Beleuchtungseffizienz habe sich von 1950 bis 2000 verdoppelt – der Pro-Kopf-Stromverbrauch für künstliches Licht aber hat sich vervierfacht. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob mit der Umstellung auf LEDs die Stadtbewohner wieder Sternschnuppen entdecken können.

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