Berlin –

Nofretete auf der Spur

Britischer Forscher glaubt, das Grab der Hauptgemahlin von König Echnaton entdeckt zu haben

Berlin.  Mit dem Fund der aus Kalkstein und Gips gefertigten Büste von Nofretete begann am 6. Dezember 1912 für Berlin eine mehr als 100-jährige Liaison. Mit ihrem Auffinden im ägyptischen Tell el-Amarna und der anschließenden Reise nach Berlin entstanden Mythen und Spekulationen bis in die heutige Zeit.

Die Büste steht heute im Ägyptischen Museum im Nordflügel des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel und war 2013 Publikumsmagnet für die Nofretete-Ausstellung „Das Licht von Amarna“ mit mehr als 600.000 Besuchern, bei der am Ende dann doch noch viele Fragen offen blieben. Welche Rolle spielte Nofretete in Ihrer Zeit? Glaubt man dem Expertenteam um den Amarna-Experten Nicholas Reeves, scheint der Schleier sich bald zu lüften.

Neuer Jahrhundertfund

Führende Wissenschaftler, wie der frühere Direktor des ägyptischen Museums Berlin, Dietrich Wildung, halten die aktuellen Erkenntnisse zum Fund des mutmaßlichen Grabes von Nofretete – wenn Reeves Recht behält – für den neuen Jahrhundertfund. Nahezu 100 Jahre nach dem Auffinden des Pharaonengrabs von Tutanchamun durch den Briten Howard Carter (1922) scheint der Brite Nicholas Reeves in dessen Fußstapfen zu treten. Seine jüngst vorgestellten Ergebnisse an der Universität von Arizona lassen Fachwelt und jeden Schatzsucher in uns von märchenhaften Schätzen hinter zugemauerten Eingängen zu einer Grabkammer träumen.

Wir alle haben noch die Bilder vor Augen, wie sich die reich ausgestattete Grabkammer Tutanchamuns präsentierte und erinnern uns an ein fasziniertes Millionenpublikum in fünf deutschen Großstädten, dem 55 Grabkammer-Exponate durch die Tutanchamun-Ausstellung in den Jahren 1980/81 vorgestellt wurde. Bis heute eine der meistbesuchten Kunstausstellungen der deutschen Museumsgeschichte.

In Anbetracht der vielen Millionen Besucher, die seit Öffnung des Tutanchamun-Grabes dessen Grabkammer in Ägyptens Tal der Könige in Sichtweite des Nildeltas bei Luxor gesehen haben, wäre die Tatsache insofern bemerkenswert, da diese scheinbar höchstpersönlich bereits unmittelbar vor dem Zugang ins Grab der Nofretete standen, ohne es auch nur im Ansatz zu ahnen.

Schenkt man den aktuellen Schlussfolgerungen Reeves Glauben, dann befinden sich hinter zwei Wänden der Grabausmalungen versteckte Zugänge zu einem weiteren Königsgrab. Die umfangreiche Vermessung der Oberfläche in der Grabkammer Tutanchamuns und die in diesem Zusammenhang entstandenen hochaufgelösten Fotos in ihrer Millimeterstruktur von Linien brachten Reeves auf seine Entdeckung der scheinbar zugemauerten Durchgänge.

Die eigentliche Sensation dürfte aber sein, dass die unversehrten Wandbilder vermuten lassen, dass das dahinterliegende Grab von Nofretete ebenso unversehrt sein dürfte wie es das Grab von Tutanchamun war. Aber erzählen wir der Reihe nach.

Möglich wurde die Entdeckung durch ein Zusammenfügen von verschiedenen wissenschaftlichen Informationen, die zum Teil bereits seit Jahren vorliegen. Bereits 2012 hatte das amerikanische Getty Conservation Institute seine Analysen zu Wandbemalungen in der Grabkammer von Pharao Tutanch­amun veröffentlicht. Hierbei trat nun zutage, dass Teile der Wandbemalungen verschiedenen Zeiten entsprechen und das teilweise Übertünchen durch Farbpigmente auch dazu gedient haben könnte, unter anderem zugemauerte Durchgänge zu kaschieren.

Jedenfalls scheint in heutiger Betrachtung die Ausmalung nicht als eine für Pharao Tutanchamun spezifische Grabbemalung. Ein Branding der Wandbilder mit Hieroglyphen-Angaben zum Herrscher Tutanchamun wurde erwiesenermaßen erst nachträglich in die szenischen Darstellungen von Pharaonen und Göttern gemalt. Ebenso ist man sich heute sicher, dass die in den Tut­anchamun-Kammern vorgefundenen Grabbeigaben zu mehr als Dreiviertel aller gefundenen Exponate ursprünglich nicht für Tutanchamun gefertigt wurden. Wie bei der Wandbemalung der Grabkammer wurde scheinbar ein Großteil der Ausstattung zumeist textlich umgewidmet. Die Grabausstattung einschließlich der allseits bekannten Goldmaske Tutanchamuns waren ursprünglich der Pharaonin Neferneferuaten zugedacht und hinter diesem Namen verbirgt sich nach Reeves Herleitung niemand geringerer als Nofretete.

Für kurze Zeit alleinige Pharaonin

Nachdem Nofretete Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. Gattin von Echnaton und im 16. Jahr seiner Regentschaft Mitregentin unter dem Namen Nefer­neferuaten wurde, entsprach die in jener Zeit entstandene Grabausstattung wenig später bereits nicht mehr ihrem Stand, da sie nach dem Tod Ihres Mannes wenn auch nur für kurze Zeit zur alleinigen Pharaonin unter dem Namen Semenchkare aufstieg. Die Grabanlage im Tal der Könige war also bereits für die Gemahlin Echnatons angelegt und erforderte eine Erweiterung durch das Treiben weiterer Kammern in den Berg mit einer standesgemäßen Ausstattung als Herrscherin Semenchkare. Nach ihrer kurzen Regentschaft folgte ihr Tutanchamun im Alter von neun Jahren auf den Thron. Sein überraschendes Ende als 19-jähriger Pharao führte den jungen Mann offensichtlich mit seiner Stiefmutter Nofretete nach seinem Tod zehn Jahre später wieder zusammen – in den Vorkammern einer weitaus größeren Grabanlage. Den Grund sieht der britische Forscher hierfür in der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse.

Nachdem Nofretete als Pharaonin Semenchkare bestattet wurde, hatte man den Zugang zur Sargkammer zugemauert und von außen mit Darstellungen der Semenchkare geschmückt. Aus Quellen zum Ableben Tutanchamuns geht zudem hervor, dass die Legitimität des nachfolgenden Pharaos auf dem Spiel stand und um diese zu sichern, musste Tutanchamun schnell bestattet werden. Dieser Zeitdruck führte zur Öffnung der Nofretete-Grabkammer und nach einigen Anpassungen an Baukörper und Ausmalung bekam Tutanchamun einen 110 Quadratmeter großen Anteil an der Grabanlage Nofretetes.

Was sich hinter den Wänden von Tutanchamuns Grabkammer verbirgt, lässt bis zu seiner Öffnung Raum für Spekulationen. Aktuelle Schritte im Forscherteam sehen nun Radarmessungen vor, um eine konkretere Vorstellung zu den dahinterliegenden Hohlräumen zu bekommen.

Danach wird es um das Sichern der Grabwände mit ihren wertvollen Wandbemalungen gehen, bevor vielleicht eine Kamera durch eine kleines Loch den Blick in die dahinterliegenden Hohlräume freigibt. Und vielleicht können wir uns dann alle ein wenig wie der Brite Howard Carter vor nahezu 100 Jahren fühlen, wenn wir über einen Internet-Livestream hautnah dabei sind, wenn die Sensation Wirklichkeit wird.