Innovationen

Wenn der Atem den Zustand der Leber verrät

Für den Innovationspreis Berlin-Brandenburg sind zehn technische Neuentwicklungen nominiert – von Konzernen und Kleinstfirmen. Sie zeigen das breite Spektrum der Ingenieure und Tüftler in der Region.

Foto: Thinkstock/iStockphoto

Ein Stativ für wackelfreie Fotos während der Ski-Abfahrt, Zellen, die das Herz regenerieren und der weltgrößte Textildrucker: Die Neuheiten, die die Jury für den Innovationspreis Berlin-Brandenburg nominiert hat, zeigen das breite Spektrum der Ingenieure und Tüftler in der Region.

Aus 122 Einsendungen haben die 18 Experten unter Leitung von Professor Eckart Uhlmann zehn Konzepte ausgewählt. „Es geht nicht nur um die Idee, sondern auch um ein Produkt und einen Markt, der befriedigt wird“, sagte der Direktor des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik und Jury-Präsident am Dienstag bei der Präsentation im Liebermann-Haus des Sponsors Berliner Sparkasse am Brandenburger Tor.

„Der Innovationspreis versinnbildlicht die Leistungsfähigkeit der Unternehmen“, sagte Berlins Wirtschaftsstaatssekretär Guido Beermann.

Unter den Ingenieuren, Medizinern und Start-up-Gründern waren die Gebrüder Spatzier sicherlich die Exoten in der Runde. Die Familie betreibt in Wiesenburg/Mark seit 1894 eine Tischlerei und ist spezialisiert auf Denkmalschutz. Weil Kunden über mangelhaften Schutz gegen das Sonnenlicht klagten, begannen Dirk und Jörg Spatzier vor zehn Jahren, an einem UV-Schutz für alt anmutende, leicht gewellte Fensterscheiben zu arbeiten. Die Wirkung ihres Schutzfilms könnte enorm sein. „Sie können dann im Schloss wieder die Vorhänge aufziehen, ohne dass Gemälde oder Tapeten ausbleichen“, sagt Jörg Spatzier.

Vom Großkonzern bis zum Kleinstunternehmen

Das Spektrum der Nominierten reicht vom Großkonzern bis zum Kleinstunternehmen. Ingenieure von Rolls Royce in Dahlewitz haben eine superleichte neue Radialwelle aus Kohlefaserverbundstoff entwickelt, die in den Flugzeugtriebwerken mithelfen soll, Gewicht und Treibstoff zu sparen. Fabian Grasse und Malte Zur haben als Ausgründung aus der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in ihrem Zehlendorfer Labor ein standardisiertes Prüfsystem für neue Karbon-Werkstoffe entwickelt, wie sie in Elektroautos, Windrädern oder Flugzeugen verbaut werden. „Man möchte präzise wissen, was ein Werkstoff aushält“, beschrieb Zur das Anliegen.

Bereits im Probeeinsatz in einigen hundert Berliner Haushalten ist das „e*nergy“-System des Funknetzbetreibers e*message Wireless mit Sitz an der Schönhauser Allee. Die Firma hat sich in Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber Stromnetz Berlin daran gemacht, eine Steuerungslösung für verbrauchende und erzeugende Geräte zu entwickeln. Das System steuert also Nachtspeicheröfen, Elektroautos, Windräder oder Photovoltaikanlagen so, dass das Netz stabil bleibt. „Das ist ein Kernbaustein für die Smart City“, sagt Carsten Hofmann, „das ist ein Beitrag zur Energiewende.“

Wer genervt ist von verwackelten Smartphone-Bewegtbildern, kann mit dem sich selbst stabilisierenden Einhand-Stativ Luuv Abhilfe schaffen. Die bunten, handlichen Teile, die wie umgedrehte Kegel aussehen, lassen die Jungunternehmer um den Entwickler Felix Kochbeck per 3-D-Druck ausdrucken: „Solche Systeme gab es bisher nur für größere Kameras“, sagte der Gründer der Neuköllner Kleinstfirma.

Die anderen Neuheiten kommen aus der Medizintechnik. Darunter ist die Firma Humedics, ein Spin-off aus der Charité, die gerade eine millionenschwere Finanzierungsrunde bewältigte. Sie ermöglicht, den Zustand der Leber aus der Atemluft zu lesen und in kürzester Zeit Informationen über den Zustand des Organs zu gewinnen. Ebenfalls aus der Charité, dem Zentrum für regenerative Therapien, kommt die Idee, aus herzeigenen Zellen, das erkrankte Organ wieder gesunden zu lassen. Das sei sehr sicher, weil die Zellen nicht abgestoßen würden, sagte Professor Michael Sittinger. Klinische Tests müssten nun die Ergebnis aus Tierversuchen bestätigen, eine eigene Firma ist bereits gegründet.

Operationen ohne Blut

Die Lumics GmbH aus Adlershof hat einen Hochleistungs-Diodenlaser entwickelt, der inzwischen in Serie produziert und an Medizintechnik-Firmen verkauft wird. Statt des Skalpells schneidet ein Laserstrahl und zwar so, dass die Wunde sich sofort wieder schließt und nicht blutet, wie Produktmanager Michael Berndt erklärte. Ihre Adlershofer Nachbarn von der PicoQuand GmbH können Bilder von Objekten sichtbar machen, die eigentlich zu klein sind, um sie mit Licht abzubilden. „Man kann Proteine beobachten“, beschreibt der Physiker Rainer Erdmann den Effekt. Forscher könnten so besser verstehen, was im Körper ablaufe. Die erzeugten Bilder hätten eine fünfmal höhere Auflösung als bisher. „Was verschwommen war, wird sichtbar“, sagte Erdmann, der mit Stefan W. Hell kooperiert, der jüngst für diese Methode den Chemie-Nobelpreis erhielt.

Auf Kunden aus der Kulturszene setzt die Big Image Systems GmbH aus Potsdam. Gründer Werner Schäfer und seine Mitstreiter haben den weltgrößten Textildrucker entwickelt. Zwölf Meter breite Stoffbahnen können gestaltet werden – ohne Nähte und Verzerrungen. Üblich sind bisher fünf Meter. Besonders kompliziert sei nicht der Bau des Printers Infinitus gewesen, sagte Schäfer, sondern das Aufspannen des Stoffes, der verzogen vom Ballen komme. Gemeinsam mit Forschern der Technischen Universität haben sie zwei Jahre getüftelt, bis die Bahnen „fadengerade gespannt“ in den Drucker einlaufen. Die Technik könne etwa für Bühnenbilder genutzt werden. „Wir bemühen uns, die 800 Opernhäuser weltweit zu unseren Freunden zu machen“, sagte Schäfer.

Wer von den Nominierten den Innovationspreis erhält, wird am 5. Dezember bekannt gegeben.