Hormone

Mit der Sonne kommt auch die gute Laune

Licht macht glücklich. Denn der helle Schein kurbelt die Produktion des Botenstoffs Serotonin an. Und der vertreibt die Winterstimmung.

„Einer schließt den Himmel auf – kommt die liebe Sonne raus.“ So endet ein Kinderlied, und so beginnt der März. Der meteorologische Winter ist vorüber – und damit der trübste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Seit Anfang Dezember 2012 gab es nur 96 Sonnenstunden, sagt der Deutsche Wetterdienst. Nun sind die Sonnenstrahlen da.

Für die innere Uhr des Menschen ist Licht der wichtigste Zeitgeber. Über die Netzhaut der Augen gelangt der helle Schein zu einem kleinen Bereich über der Kreuzung der Sehnerven – dem „Suprachiasmatischen Nucleus“ (SCN). Dieses reiskorngroße Nervengeflecht verarbeitet die Lichtreize und leitet sie zur Zirbeldrüse weiter.

Zusammen sind diese beiden verantwortlich dafür, den Körper am Tag leistungsfähig zu halten und in der Nacht für ruhigen Schlaf zu sorgen. Dazu werden Hormone ausgeschüttet, die unter anderem die Körpertemperatur, den Blutdruck und Stoffwechselvorgänge regulieren.

Kommt viel Licht im SCN an, veranlasst er die Produktion von Serotonin, einem wichtigen Botenstoff im Zentralnervensystem. Die auch als Glückshormon bekannte Substanz hellt die Stimmung auf und steigert den Antrieb – also genau das, was man tagsüber gebrauchen kann.

Bei wenig Licht dagegen wird die Produktion von Serotonin gedrosselt und mehr Melatonin in Umlauf gebracht. Je weniger Licht in der Umgebung vorhanden ist, desto höher ist der Melatoninspiegel. Und Melatonin macht vor allem eins: müde.

Weil ein grauer Wintertag nur halb so lang und bei Weitem nicht so hell ist wie ein Tag im Sommer, ist der Melatoninspiegel in dieser Zeit dauerhaft erhöht. Deshalb schlafen wir im Winter mehr – nach Angaben von Schlafforschern rund eine halbe Stunde pro Nacht – und sind auch tagsüber träger. Da die Botenstoffe auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben, verlangt der Körper in der dunklen Jahreszeit vermehrt nach Kohlenhydraten, etwa Schokolade. Aus dem Überschuss an Melatonin ergibt sich zugleich ein Mangel an Serotonin. Das kann negative Gefühle fördern: von Aggressivität über Angst bis zur bleiernen Traurigkeit.

Kohlenhydrate bessern die Laune

Nur bei etwa zwei Prozent der Menschen führt der Lichtmangel zu einer Winterdepression, die jedes Jahr zur gleichen Zeit wieder auftritt und sich in vermehrtem Schlafbedürfnis, Gewichtszunahme und depressiver Stimmung ausdrückt. Die meisten aber retten sich mit etwas schlechterer Laune und Schokolade über den Winter. Sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken dringen, geht es mit der Stimmung und der Unternehmungslust wieder bergauf.

Etwas schwerer haben es da die Bewohner Skandinaviens, die im Vergleich deutlich länger im Dunkeln sitzen. „Ein befreundeter Wissenschaftler, der in Stockholm ein Forschungsinstitut leitet, sagte einmal zu mir: ‚Im März werden wir wieder zu Menschen‘“, erzählt der Psychologe Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. Dass Licht und Stimmung eng zusammenhängen, ist indes keine Neuigkeit. Der Arzt Aretaeus, so Zulley, wusste schon vor 2200 Jahren, dass man einen Lethargiker in die Sonne legen müsse, damit es ihm besser geht. Wirklich erforscht wird die Lichtwirkung aber erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Inzwischen weiß man, dass sie ein einfacher und sehr effizienter Weg ist, Depressivität zu vertreiben.

Besonders bei leicht- bis mittelschweren Verstimmungen hilft sie: Untersuchungen zufolge reicht eine Lichtdusche besonders kurz nach dem Aufstehen mit einer Intensität von 2500 bis 10.000 Lux. Zum Vergleich: An einem grauen Wintertag sind es draußen um die 1000 Lux, und eine helle Glühbirne bringt es auf rund 50 Lux. Die übliche Wohnraumbeleuchtung erreicht daher lediglich eine Beleuchtungsstärke zwischen 100 und 500 Lux. Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass etwa 40 Minuten Lichttherapie täglich ausreichen, um die Symptome der saisonal depressiven Stimmung in etwa 80 Prozent aller Fälle deutlich zu lindern, und zwar innerhalb von zwei bis drei Wochen. Das Gehirn wird durch das intensive Licht zu einer Ausschüttung von Serotonin angeregt, was einen antidepressiven Effekt hat.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade finnische Forscher jüngst eine Studie veröffentlicht haben, die eine neue Form der Lichttherapie genauer unter die Lupe genommen hat. Timonen Markku und seine Kollegen von der University of Oulu testeten an 13 unter Winterdepression leidenden Versuchspersonen, ob auch Licht, das über Kopfhörer an die Ohren verabreicht wird, einen antidepressiven Effekt hat. Und tatsächlich: Zehn Minuten am Tag genügten, um bei zehn der 13 Probanden nach vier Wochen alle Symptome zum Verschwinden zu bringen.

Wie aber ist das möglich, wenn das Gehirn seine Informationen über das Licht von der Netzhaut bekommt? Möglicherweise gebe noch einen zweiten Weg des Lichts – über das Blut, sagt Matthaeus Willeit, Präsident der Gesellschaft für Lichttherapie und Biorhythmus. „In den vergangenen Jahren hat man außerdem Zellen entdeckt, die nur für chronobiologische Funktionen zuständig sind, unabhängig vom Sehen – und zwar in der Netzhaut ebenso wie im Gehirn“, sagt er. Da es aus evolutionärer Sicht plausibel sei, dass sich die Anpassung an Tag und Nacht bereits entwickelte, bevor Organismen überhaupt Augen hatten, muss es eigentlich bestimmte Mechanismen geben, die unabhängig von der Netzhaut Licht erfassen können.

Transportiert das Blut auch Licht?

„Der Ansatz ist interessant“, sagt er, „aber ob Licht über andere Kanäle als die Netzhaut das Gehirn erreicht – dieser Verdacht hat sich bislang weder verhärtet noch ist er gut untersucht.“ Willeit weist außerdem darauf hin, dass es in der finnischen Studie keine Placebo-Gruppe gegeben habe. Man wisse also nicht, ob der Effekt tatsächlich auf die Lichttherapie zurückgeht oder ob es sich um einen Placeboeffekt handele.

Wie das Licht in unser Gehirn gelangt, ist also noch nicht ganz geklärt – dass es dort seine positive Wirkung entfaltet, ist aber gesichert. Willeit selbst hat sich in dem Team um Siegfried Kasper und Christoph Spindelegger von der Psychiatrischen Klinik der Medizinischen Universität Wien eingehender mit der jahreszeitlichen Schwankung von Serotonin beschäftigt. „Wie wir aus anderen Studien wissen, ist Serotonin essenziell an der Modulation von Emotionen beteiligt“, erklärt Spindelegger.

Das Wiener Team konnte in einer Studie an gesunden Probanden zeigen, dass unter Lichtmangel weniger Serotonin zwischen den Zellen übertragen wird als bei intensiveren Lichtverhältnissen. Auch dass der Transport zwischen den Zellen sich nach einer Lichttherapie wieder normalisiert, ist inzwischen wissenschaftlich belegt. Die Körperfunktionen passen sich also mühelos den Jahreszeiten an, und das emotionale Wintertief ist sozusagen eine sanfte Form des Winterschlafes.

Das hatte früher durchaus seine Berechtigung: Im Winter war es schwieriger, Nahrung zu finden; Bewegung aber kostete aufgrund der Kälte mehr Energie. Da half es, den Körper auf Sparflamme arbeiten zu lassen. Nur heute scheint das nicht mehr so gut zu funktionieren. „Eine Hypothese ist“, so Zulley, „dass der Lichtmangel im Herbst und Winter nicht per se ein Problem sein muss. Das gibt es erst dann, wenn es, wie bei uns, eine Kollision zwischen unserer biologischen Ausstattung und den Ansprüchen der Industriegesellschaft gibt.“