Klimawandel

Ein Comic erklärt die Rettung der Welt

Weltrettung leicht gemacht: Der neue Comic „Die große Transformation“ bringt ein komplexes wissenschaftliches Gutachten auf den Punkt.

Foto: Verlag Jacoby & Stuart Berlin

So wünscht sich das der Laie – komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt: etwa Versicherungsverträge, die tausend Funktionen eines neuen Smartphones – oder wie man die Welt rettet. Der neue Comic-Band des Berliner Verlags Jacoby & Stuart bringt Komplexes auf den Punkt. Darin ist zwar nicht explizit von Weltrettung die Rede, aber es geht um das globale Problem des Klimawandels und was man tun kann, um dessen Folgen abzumildern.

Forscher als Helden

Der Titel: „Die große Transformation. Klima – kriegen wir die Kurve noch?“ Ein ungewöhnlicher Comic: Er ist in der Wissenschaftswelt entstanden, seine „Helden“ sind Forscher und zugleich Berater der Bundesregierung. Gedacht ist die Bild-Geschichte für Jugendliche. Im Alter nach oben ist aber keine Grenze gesetzt. Sie dürfte auch vielen Erwachsenen gefallen, so die Herausgeber. Jetzt ist es erschienen und für 14.95 Euro im Handel erhältlich.

„Der Comic gefällt mir besser als das zugrunde liegende Gutachten – von den Bildern und auch von der Länge der Texte“, scherzt der Klimaforscher Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK), einer der beteiligten Forscher. Das Buch ist ambitioniert, denn es setzt im Präkambrium vor 3,5 Milliarden Jahren an – damals entstand das erste Leben auf der Erde. Es erläutert die Gründe der aktuellen Klimagas-Emissionen und weist zum Ende dieses Jahrhunderts, an dem die Erde noch für seine Bewohner Lebensraum und Ernährung bereithalten soll. Und das auf 144 Seiten. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Comic-Künstler die Welt in Schlagworten auf den Punkt bringen. Ungewöhnlich an diesem Comic-Band ist aber die Entstehungsgeschichte.

Die Gesellschaft muss sich ändern

Es begann im Frühjahr 2011. Damals publizierte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sein Gutachten „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Auf 420 Seiten trugen die Experten zusammen, welche Möglichkeiten bestehen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Die Vereinten Nationen hatten das Ziel ausgegeben, die Temperaturerhöhung auf zwei Grad zu begrenzen. Dann seien die Umwälzungen noch halbwegs zu handhaben.

Der WBGU formulierte, dass die Folgen des Klimawandels und die Gegenmaßnahmen zu groß seien, als dass man sie dem normalen politischen Gang überlassen dürfte. Es sei eine „Große Transformation“ der Gesellschaft nötig. Wenn diese sich ändern müsse, bedürfe es aber der umfassenden Diskussion und Partizipation, so die neun Experten um den WBGU-Vorsitzenden Hans Joachim Schellnhuber, den Direktor des PIK. Diesen Prozess sollte das Gutachten unterstützen, als Grundlage für die Arbeit der Bundesregierung.

Auch Otto Normalbürger darf das Gutachten gern studieren, es ist öffentlich. Doch es ist dem Bürger nicht zu verdenken, wenn er ein staubtrockenes Werk dieses Umfangs verschmäht. Also blieb er de facto (erst einmal) außen vor. Ein Jahr verging. Währenddessen hatten die Mediendesignerin Alexandra Hamann und die Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Zea-Schmidt die Idee, Wissenschafts-Comics zu machen. Thema: vorerst offen. Hamann kannte von früher den Geologen und Paläontologen Reinhold Leinfelder.

Der ist Professor an der FU Berlin und war von 2006 bis 2010 Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums. Ihn sprach sie an, und er hatte als Mitglied des WBGU die Idee, die „Große Transformation“ zu thematisieren. So entstand der Comic unter Beteiligung der neun WBGU-Mitglieder, der beiden Kommunikationsexpertinnen, eines Teams aus sechs Zeichnern und des Verlags Jacoby & Stuart. Der WBGU ist zugleich Sponsor.

Begleitprojekt in Schulen

Der Comic gehört zum Genre des „grafic interview“, erläutert Leinfelder. Die Bilder würden begleitet von Texten, die gewissermaßen Interviewantworten sind: aber auf den Punkt gebracht. In Sprechblasen. Platt geworden ist der Inhalt trotzdem nicht. Auch keine durchschaubare Polemik, die dem Bürger einbläut, dass er jetzt auf Auto und Steak verzichten muss. So behandelt etwa das Kapitel der Ökonomin Renate Schubert den legitimen Widerstand von Bürgern gegen neue Leitungen für Windstrom.

Ob Jugendliche bereit sind, knapp 15 Euro auszugeben, muss sich zeigen. Kritik kam bei der Vorstellung vonseiten einer Comic-Künstlerin. Das Buch sei nur schwarz-weiß, und die Bilder kämen zu schwerfällig daher. Etwas mehr Farbe und Pepp hätte ihm gutgetan. Farbe habe das Budget nicht hergegeben, räumte der Zeichner Jörg Hülsmann ein. Dass das Buch nicht sehr experimentell gehalten sei und auf Comic-Sprache à la „Peng“ und „Boing“ verzichtet, sei Vorgabe des WBGU gewesen. „Das ist der Thematik, denke ich, auch angemessen.“

Die Schüler werden dem Comic vielleicht auch in der Schule begegnen. Denn Mitherausgeber Leinfelder will Pädagogen dafür gewinnen, das Buch im Unterricht zu nutzen. Ein Evaluierungsprojekt begleitet diese Art der Vermittlung von komplexem Wissen aus Naturwissenschaft, Technik, Ökonomie und Gesellschaft. Auf der Website www.die-grosse-transformation.de sind zudem Kritik und Anregungen willkommen. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob das Medium Comic für solche Aufgaben tauge, etwa auch zur Vermittlung der Schwierigkeiten bei der Energiewende.

Nicht zuletzt wird überlegt, „Die große Transformation“ auch allen 620 Bundestagsabgeordneten zukommen zu lassen; im Moment ist das noch eine (offene) Kostenfrage. Eine iPad-Version sei jedenfalls geplant und eine englische Übersetzung in Arbeit, auch ein französischer Verlag habe schon Interesse bekundet, sagt Verleger Edmund Jacoby.

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