Flugzeug-Gepäck

Passagiere können bald wieder Flüssigkeiten an Bord nehmen

Tiefer Blick in die Flasche: Ein neuer Scanner kann Shampoo von Sprengstoff unterscheiden. Ab 2013 soll er in Europa eingesetzt werden.

Die offizielle Testprozedur ist hochgeheim. Niemand soll wissen, welche Substanzen die neuen Scanner nachweisen können – Flüssigkeitsscanner, die bald an europäischen Flughäfen die Taschen der Passagiere durchleuchten. Streng geheim ist die genaue Technik, denn niemand möchte, dass potenzielle Terroristen sich auf die neuen Sicherheitstests einstellen. Während Fluggäste in den USA auch künftig keine Flüssigkeiten im Handgepäck mitnehmen dürfen, soll dies in Europa ab April 2013 wieder erlaubt sein. Bis dahin sollen die Flughäfen ihre Sicherheitsschleusen mit Scannern ausstatten, die zuverlässig zwischen Flüssigsprengstoff und Whiskey oder Parfüm unterscheiden können. Hersteller und Prüflabors arbeiten derzeit intensiv daran, solche Anlagen praxistauglich zu machen.

Die Experten teilen sie in verschiedene Klassen ein, von einfachen Handgeräten, die den Inhalt geöffneter Flaschen prüfen können, über mittlere Geräte, bei denen man die Gefäße aufs Laufband legt, bis zu Komfortscannern, die direkt ins geschlossene Handgepäck schauen. Je weniger Aufwand für Personal und Fluggast, desto besser – denn künftig wird es an Flughäfen immer hektischer zugehen: Nach Angaben der UN-Zivilluftfahrtorganisation werden die Passagierzahlen weltweit von 2,5 Milliarden im Jahr 2011 auf 16 Milliarden in 2050 steigen. Die Fluggäste müssen also möglichst schnell und doch sicher abgefertigt werden.

Tests auch von Körperscannern

Künftig muss dort nicht nur ihr Handgepäck im Schnelldurchgang kontrolliert werden, sondern auch die Person selbst, damit auch Waffen oder Sprengstoffe gefunden werden können. Geräte, die das leisten – gemeinhin unter dem Namen Body- oder Nacktscanner bekannt – heißen jetzt offiziell Security Scanner. Einige von ihnen werden in Europa bereits getestet: Am Flughafen Schiphol in Amsterdam stehen 75 der neuen Geräte, in Italien und Hamburg liefen Feldtests. Nach den zunächst enttäuschend verlaufenen Versuchen in Hamburg beginnen auch in Deutschland in diesem Monat neue Tests.

Die Herausforderung für alle Verfahren: Wie kann man herausfinden, was in einem Behälter ist, ohne ihn zu öffnen? Die großen Anlagen zur Gepäckkontrolle im Untergeschoss der Flughäfen können das für Feststoffe, aber sie sind tonnenschwer und brauchen für eine Personenschleuse viel zu lang. Hier müssen Geräte her, die zwar nach ähnlichen Prinzipien funktionieren und auch Flüssigkeiten erkennen, aber schneller und leichter sind.

Dazu gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten. Zum einen gelangen meistens winzige Mengen jedes Stoffes in die Luft, also auch Sprengstoffpartikel. Diese erkennt ein empfindlicher Detektor. Nach diesem Prinzip arbeiten auch ausgebildete Spürhunde, die sogar verpackte und versteckte Sprengstoffe erschnüffeln. Da die Hunde aber nur auf wenige Substanzen trainiert sind und schnell ermüden, sind zur Detektion technische Geräte erforderlich. In den USA gibt es sie bereits an vielen Flughäfen, in Europa werden sie nur als Handgeräte zur Nachkontrolle bei einem Verdacht benutzt.

Die zweite Möglichkeit: Man schickt Strahlung durch das Objekt hindurch, registriert und analysiert entweder die reflektierten oder die durchgelassenen Wellen. Jedes Material verändert durchlaufende Strahlung in charakteristischer Weise, schluckt Teile davon oder wirft sie zurück. Daraus ergibt sich eine Signatur, die Rückschlüsse auf die Art der Substanz zulässt. So wie ein Arzt mithilfe von Röntgengeräten Knochen, Herz und Lunge bewertet, kann auch das Innenleben von Koffern enttarnt werden.

Es gibt viele verschiedene Strahlungsarten und mindestens ebenso viele Möglichkeiten, die Signale auszuwerten. So verwenden manche Röntgenstrahlung, andere Laser, wieder andere Millimeterwellen, die auch unter dem Namen Terahertzstrahlung bekannt wurden. Bei der Auswertung ermitteln die Detektoren charakteristische Kurven für die Reflexion oder den Durchgang der Strahlung. Oft werden auch unterschiedliche Verfahren kombiniert, die sich ergänzen.

Fehlalarme und Wartezeiten

Egal, welches Verfahren eingesetzt wird – es muss zuverlässig, spezifisch und schnell sein. Denn kein Flughafen kann sich lange Warteschlangen oder ständige Fehlalarme leisten. Oft ist es schwer, Gegenstände zu unterscheiden, wenn sie sich überdecken. „Und es ist beispielsweise eine besondere Herausforderung, den Inhalt eines Gefäßes virtuell von seiner Verpackung zu trennen“, sagt Dirk Röseling, der am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal im offiziellen deutschen Prüflabor Flüssigkeitsscanner testet. Wichtig in diesem Zusammenhang seien auch die Gegenstände, die abschirmende Wirkung haben, etwa elektronische Geräte. Im Falle einer Überlappung werde die Detektion weiter erschwert. „Erst muss man die Flasche als Ganzes identifizieren, dann herausfinden, woraus sie besteht und welche Wandstärke sie hat, dann zieht die Software das Signal des Mantels ab. Übrig bleibt die reine Flüssigkeit. Sie wird dann mit zusätzlichen Signalen analysiert“, so der Sicherheitsforscher.

Bei Körperscannern gelten im Vergleich zu Kofferscannern strenge Einschränkungen: Die Gesundheit darf durch die Strahlung nicht gefährdet werden und die Intimsphäre muss gewahrt sein. Mittlerweile sorgen Rechenverfahren dafür, dass niemand nackt auf einem Bildschirm erscheint, sondern nur noch als Strichmännchen. Da man Menschen keiner Röntgenstrahlung aussetzen will und weil das an den EU-Flughäfen im Gegensatz zu den USA verboten ist, nutzen viele Hersteller Millimeterwellen. Im elektromagnetischen Spektrum liegen diese knapp oberhalb der Mikrowellen, enthalten also weit weniger Energie als Röntgenstrahlen. Ähnliche Frequenzen verwendet das Abstandsradar im Auto.

Das Signal wird von der Haut anders reflektiert als etwa von Metall oder Sprengstoff. Die anfänglichen Probleme der Terahertzgeräte, die bereits auf jeden Schweißfleck in der Kleidung ansprachen, sind behoben. Manche Hersteller setzen mittlerweile kürzere Wellenlängen ein, die auch feuchte Stellen durchdringen. Mit der Verfeinerung der Messgeräte sollen mit der Zeit auch Schnelligkeit und Komfort einkehren: Ohne lange Schlangen spaziert der Passagier ungehindert durch die Kontrollen, Handgepäck wird im Vorübergehen auf ein Fließband gestellt, „multisensorisch“ untersucht und nach einigen Metern wieder aufgegriffen.