Verbraucherschutz

Blick ins geheime Testlabor von Stiftung Warentest

Die Tests sind geld- und zeitaufwendig, doch sie lohnen sich: Mehr als 90 Prozent der Deutschen vertrauen dem Urteil der Warentest-Prüfer.

Foto: Amin Akhtar

Irgendwo in Sachsen – Klaus Schmitts Arbeitsplatz ist ungefähr so geheim wie der Standort des Alien-Forschungszentrums Area 51 in der Wüste Nevadas. Klaus Schmitt heißt eigentlich auch nicht Klaus Schmitt, aber sein richtiger Name muss ebenso ungenannt bleiben wie sein Institut, von dem nur verraten werden darf, dass es irgendwo in Sachsen liegt. Hier forscht Schmitt, allerdings nicht an Außerirdischen, sondern an Häckselmaschinen, Handbohrern und Heckenscheren – als Prüfer im Auftrag der Stiftung Warentest.

Dieser Auftrag ist derart geheim, dass Schmitt auch sein Gesicht nicht in der Zeitung sehen will. Der 32-Jährige ist Diplomingenieur, er hat Wirtschaftsingenieurswesen studiert, und wenn er nicht gerade Werkzeuge oder Gartenmaschinen für die Stiftung testet, vergibt er zum Beispiel GS- und CE-Siegel, die beiden europäischen Prüfzeichen für Produktsicherheit. Doch keine der Firmen weiß, dass einer seiner größten Auftraggeber die Stiftung Warentest ist.

Unabhängig und objektiv

Die Geheimniskrämerei wird nicht ohne Grund betrieben. Die Stiftung Warentest hat die Aufgabe, die Verbraucher unabhängig und objektiv über Produkte und Dienstleistungen zu informieren – mit diesem Ziel wurde sie 1964 auf Beschluss des Deutschen Bundestags gegründet. Die Konsumenten verlassen sich auf diese Neutralität: Bei Umfragen ist die Stiftung nahezu jedem Bürger ein Begriff, mehr als 90 Prozent geben an, dass sie den Beurteilungen vertrauen. Fast jeder Dritte orientiert sich bei wichtigen Kaufentscheidungen an den Testergebnissen – und damit auch an der Arbeit der Prüfer.

Doch es passiert nicht oft, dass die Prüfer Einblicke in ihr Geheimstes gewähren, ihr Testlabor. So klandestin der Termin im sächsischen Prüfinstitut ist, so schonungslos beleuchtet beginnt Schmitts Führung. Im mit Sicherheit bestbeleuchteten Flur der Republik hängen Dutzende Energiesparlampen, die über programmierte Steuerungen in Zyklen an- und ausgeknipst werden, 165 Minuten an, 15 Minuten aus. Ist die Laufzeit beendet, wird die Lichtstärke gemessen und mit dem vorherigen Wert verglichen – sofern die Lampen nicht schon vorher durchglühen. Überdurchschnittlich helle Flure sind aber noch ein harmloser Nebeneffekt. Gerade bei den schweren Geräten – Rasenmäher, Schlagbohrer, Motorsägen – haben es die Mitarbeiter auch mal mit durchgeknallten Sicherungen, durchgeschmorten Kabeln oder kleineren Bränden zu tun. „Großes Spielzeug für große Jungs eben“, sagt Schmitt und grinst.

Spielzeug wohl auch deshalb, weil jede Prüfanlage eine Art Lego-Bausatz ist – die Ingenieure müssen sich jede Konstruktion im Eigenbau zusammentüfteln, allerdings nicht aus bunten Plastiksteinen, sondern hauptsächlich mit Aluminiumprofilen und Druckluftzylindern. Warentests sind deshalb sehr aufwendige und zum Teil teure Prozeduren: Mehr als fünfeinhalb Millionen Euro kosteten alle Untersuchungen im Jahr 2010, dazu zählen allerdings auch andere Tests, etwa von Lebensmitteln oder Kosmetika. Außer Geld kosten die Prüfungen eine Menge Zeit: Bis die Leser im „Test“-Magazin nachschlagen können, welches Antischuppenshampoo am besten wirkt oder welche Bierzapfanlage am längsten frisch hält, dauert es in der Regel bis zu einem halben Jahr – Sonnencreme wird deshalb im Winter getestet.

Sonnenschirme im Windkanal

Die Warentest-Prüfer sind solche Kuriositäten längst gewohnt; alltäglich ist hier ohnehin nur sehr wenig. Das Jobprofil von Klaus Schmitt und seinen Kollegen liegt irgendwo zwischen Heimwerker-Profi und Daniel Düsentrieb. Wenn ein Test es erfordert, mähen sie auch mal zwei Tage lang den Sportplatz von Hand, häckseln elf Tonnen Grünabfall klein oder stellen sich mit Sonnenschirmen in einen Windkanal. „Interessant war das“, sagt Schmitt über die Versuchsanordnung. „Und schweinekalt.“ Nicht die einzige körperliche Herausforderung, die den Prüfern abverlangt wird. Muskelkater ist hier an der Tagesordnung.

Deutlich bequemer haben es da die Redakteure der Stiftung Warentest, die im Hauptsitz am Berliner Lützowplatz arbeiten. Jeder Test beginnt hier mit einer Redaktionssitzung, in der das Team darüber diskutiert, was geprüft werden soll – die Auswahl reicht mittlerweile von Bratwürsten über Zahnbürsten bis hin zu Onlineshopping-Portalen und Fußballstadien. Steht das Produkt fest, zum Beispiel Waschmaschinen, wird der Typ definiert: Umdrehungszahl, Front- oder Toplader? Über Verkaufslisten ermitteln die Redakteure dann die Top 20 der meistverkauften Waschmaschinen in Deutschland, die Auswahl soll schließlich möglichst objektiv sein und den Markt abbilden.

Gute Testnoten sind für die Firmen deshalb viel wert. Aus diesem Grund erwägt die Stiftung Warentest, Lizenzgebühren für das Logo einzuführen. Dazu gebe es „Vorüberlegungen“, gab Hubertus Primus, Vorstand der Stiftung, am Donnerstag bekannt. Bisher mussten die Hersteller lediglich eine Bearbeitungsgebühr von 500 Euro bezahlen, um etwa die Beurteilung „sehr gut“ auf ihr Produkt zu setzen. Hintergrund: Stiftung Warentest steht vor einer Finanzierungslücke, für 2012 rechnet man mit einem Minus von 1,3 Millionen Euro. Schuld seien laut Primus geringe Zinsen auf das Stiftungskapital. Mit diesen könne man die gekürzte Zuwendung des Bundesverbraucherministeriums nicht wie geplant ausgleichen. Er sei aber zuversichtlich, die Lücke stopfen zu können, so Primus. Schließlich würden fast 90 Prozent der Erlöse durch den Verkauf der (anzeigenfreien) Publikationen erwirtschaftet – und die Nachfrage werde es auch weiterhin geben. „Die Stiftung Warentest wird sogar immer wichtiger, weil das Angebot an Produkten und Dienstleistungen immer komplexer wird“, sagte Primus der Morgenpost. „Der Wert neutraler Infos steigt.“

Eine Wissenschaft für sich

Die Stiftung Warentest wird ihre Aufträge also auch weiterhin an Universitäten oder an unabhängige Unternehmen wie Schmitts Firma vergeben. Solche Institute gibt es überall in Deutschland, nur sind sie oft auch für die Hersteller selbst tätig – etwa dann, wenn Bosch, Miele und Co. eine neue Waschmaschine auf den Markt bringen wollen. Um Manipulationen seitens der Firmen zu verhindern, vergibt die Stiftung ihre Tests deshalb nur an Firmen, die innerhalb der vergangenen zwei Jahre nicht mehr für die zu testenden Anbieter tätig waren. Und sie achtet peinlich genau auf Anonymität. Deshalb arbeitet Klaus Schmitt sozusagen undercover. Umgekehrt gilt die Geheimhaltung auch: Die Prüfer notieren ihre Ergebnisse nicht unter Markennamen, sondern arbeiten mit Schlüsselnummern, um möglichst neutral zu bleiben.

Die Arbeit im Institut ist dann aber eine Wissenschaft für sich. Die Prüfer müssen jeden Tag versuchen, die Wirklichkeit ins Labor zu holen und dabei „die immer gleichen Prüfbedingungen herzustellen“, wie es die Stiftung Warentest formuliert. Der Projektleiter entwickelt dazu mit einem Fachbeirat für jeden Test ein Programm, in dem jede Prüfung minutiös vorgeschrieben ist – Waschmaschinen etwa werden auf Handhabung, Sicherheit, Waschleistung und Lebensdauer hin abgeklopft. Für die Klassiker unter den Produkten, die nahezu alljährlich getestet werden – Staubsauger zum Beispiel – ist das Programm oft schon bis ins Detail ausgearbeitet. Dort ist dann genau nachzulesen, welcher speziell hergestellte Staub verwendet werden muss: WG 3 Normensand, 0,09–0,2 Millimeter Partikelgröße, erhältlich im 7,5 Kilogramm Kanister. Oder wie genau der Härtetest aussieht: über zehn Schwellen rattern, links gegen einen Posten knallen, wieder zehn Schwellen mitnehmen, dann ein Posten rechts, das alles knapp drei Tage lang.

Genormter Staub und Posten-Türschwellen-Prüfstände: Das klingt pedantisch bis verschroben. Doch damit jedes Produkt die gleichen Chancen hat, müssen die Testläufe annähernd identisch sein – zugleich aber auch so praxisnah wie irgend möglich. Einheitlichen Staub gibt es nun mal nicht, also muss künstlicher her, der den Flocken unter deutschen Betten möglichst ähnlich sein soll. Generell bemühen sich die Prüfer um Tests in natürlicher Umgebung: „Wenn wir Heckenscheren testen, fragen wir bei Nachbarn und Kollegen nach, wessen Hecke geschnitten werden muss“, erzählt Klaus Schmitt. Schwierig werde das allerdings, wenn Ausdauertests anstehen. „Bei den Vertikutierern hatte niemand von uns Lust, 50 Stunden lang draußen auf dem Rasen im Kreis zu laufen“, sagt Schmitt und grinst. Also experimentierten die Prüfer, wie sie Gras und Erde am besten simulieren können – und ließen die Vertikutierer im Prüfstand 50 Stunden lang über einen Straßenbesen rollen.

Granitvorrat für etliche Jahre

Um die „Lebensdauer“ einer Bohrmaschine – das sind im normalen Hausgebrauch rund zehn Jahre – zu simulieren, lassen die Tester das Gerät 33 Stunden lang rund 8000 Löchern in Beton, Granit, Kalksandstein und Holz bohren. Ein bisschen seltsam sei das ja schon, sinniert Schmitt: „Wir kaufen das Material für teures Geld, um Löcher hineinzubohren und dann wegzuschmeißen.“ Der Granitvorrat der Prüfer reicht für etliche Jahre, damit die Konsistenz stets dieselbe ist. Auch der Beton wird eigens für die Prüfer nach einer speziellen Mischung im Betonwerk zusammengerührt. Doch auch wenn die Technik einiges abnehmen kann, manches lässt sich nur in Handarbeit testen. Denn ob ein Bohrer zu stark vibriert oder der Rückschlag auf die Gelenke geht, können eben nur Menschen bewerten, keine Maschinen.

Was Maschinen dagegen wesentlich besser können, sind absolut gleichförmige Bewegungen, Stichwort „gleiche Prüfbedingungen“. Wenn Menschen Löcher bohren, geschieht das nur selten mit dem immer gleichen Druck auf die Schraube, und wenn, dann aus Zufall. Also stellt sich Schmitt zum Prüf-Bohren auf eine Waage, die ihm anzeigt, wie viel Gewicht er auf die Maschine in seiner Hand legen muss, um bei jedem Loch den gleichen Druck zu erzeugen. Und wer ihm dabei zusieht, wie er in dem konstant klimatisierten Prüfraum mit exakt 230 Newton Loch für Loch in den eigens zusammengemischten Betonklotz fräst, der merkt: Dem Zufall wird hier wirklich wenig überlassen.

Die Redakteure der Stiftung Warentest halten es genauso. Zusammen mit dem Projektleiter fahren sie bei jedem Testlauf regelmäßig in das zuständige Labor, um sich über den Stand der Prüfung zu informieren. Oder um beispielsweise bei Lebensmitteltests auch mal selbst in eine Bratwurst zu beißen. Sind die Tests beendet, informiert die Stiftung Warentest die Anbieter darüber, dass sie geprüft wurden und wie ihre Produkte abgeschnitten haben – allerdings verraten sie nur die Prüfdaten, nicht die Note. Der Redakteur setzt sich derweil mit einem Stapel Prüfergebnissen an seinen Schreibtisch und formt aus dem Zahlenwust einen Artikel für das „Test“-Magazin. Dort steht dann auch die schulnotenhafte Endbewertung: von „Sehr gut“ bis „Mangelhaft“. Die Stiftung genießt einen so guten Ruf, dass die meisten Anbieter dieses Ergebnis stillschweigend akzeptieren, auch dann, wenn es eher unerfreulich ausfällt. Jährlich strengt höchstens eine Handvoll einen Prozess vor Gericht an.

Und die getesteten Produkte? Werden vier Mal pro Jahr von der Stiftung Warentest in Berlin versteigert. „Oft zum Neupreis oder teilweise sogar darüber“, wundert sich Schmitt. „Obwohl die manchmal schon völlig verschlissen sind.“ Ähnlich kurios ist auch die Methode, mit der die Prüfobjekte beschafft werden. Zum Einkauf werden eine Handvoll Mitarbeiter in alle Teile der Republik ausgesandt, um dort in vorher ausgewählten Großfachmärkten ein beliebiges Gerät aus dem Regal zu nehmen – das wohl einzige Mal, in dem die Prüfer doch etwas dem Zufall überlassen. Die Mitarbeiter arbeiten stets verdeckt und verhalten sich unauffällig. Und damit der Kauf nicht zurückverfolgt werden kann, zahlen sie auch niemals mit Kreditkarte. Wie so vieles andere sind natürlich auch die Einkäufe geheim.