Zeitung für alle

1952 erfand Axel Springer in einem Hotel die "Bild"

Anfang der Fünfziger konzipierte Axel Springer ein für Deutschland völlig neues Blatt. Nach holperigem Start wurde die "Bild"-Zeitung ein beispielloser Erfolg.

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Wer wenig Zeit hat, beschränkt sich aufs Wesentliche. Das gilt auch, ja besonders für Zeitungsleser. Anfang der 50er-Jahre zeigten die ersten ernsthaften Leserbefragungen, dass beim Publikum keineswegs alle Teile der damaligen Blätter so gewichtet wurden, wie das die Journalisten sich in ihren Redaktionsstuben vorstellten.

Aus einer Analyse des „Hamburger Abendblattes“ erfuhr dessen Verleger Axel Springer seinerzeit, dass etwa der tägliche Leitartikel nur jeden zehnter Käufer wirklich interessierte. Gern gelesen wurden dagegen knappe, gut bebilderte Berichte.

Diese Erkenntnis brachte Springer auf eine Idee. Man müsste eine Zeitung so zusammenstellen, dass sich mindestens 80 Prozent der Leserschaft für jeden Artikel interessierte. Ihm war klar, dass so ein Blatt „eine unernste, besser gesagt anti-konventionelle Zeitung“ sein müsste. Und dass sie weit mehr Bilder enthalten würde als jede bisherigen Zeitung.

Anfang 1952, Springer weilte wieder einmal in seinem bevorzugten Londoner Hotel Savoy, besorgte er sich mehrfach ganze Stapel der typisch britischen „Tabloids“ und nahm sie hinauf in sein Zimmer. Dort sortierte er aus, was seinen Vorstellungen entsprach, schnitt besonders gelungene Beispiele aus und klebte sie teilweise neu zusammen. So entstand, auf dem Teppich einer britischen Nobelherberge, das erste Konzept für die bis heute auflagenstärkste und meistgelesene Zeitung Europas.

Schon Ullstein hatte eine "Kaufzeitung" herausgebracht

Nun war die Idee einer emotional aufgemachten „Kaufzeitung“ im Gegensatz zum seriösen Abonnementblatt nicht neu. Schon Springers großes Vorbild, der Ullstein-Verlag, hatte 1904 seine „Berliner Zeitung“ zur „B.Z. am Mittag“ umgestaltet und große Erfolge erzielt. Als „schnellste Zeitung“ der Welt“ konnte die „B.Z. am Mittag“ die letzte Meldung innerhalb von zehn Minuten auf die erste Seite setzen.

Andere Verlage eiferten während der Weimarer Republik dem Vorbild nach. Neben journalistisch verantwortungsbewusst gemachten Kaufzeitungen gab es aber auch politische Kampfblätter, wie Joseph Goebbels’ „Angriff“ oder die kommunistische „Welt am Abend“. Sie hatten wie die „B.Z. am Mittag“ große Schlagzeilen, scherten sich aber nicht um inhaltliche Seriosität. Wegen Papiermangels wurden alle deutschen Abendzeitungen schon Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges eingestellt.

Nach 1945 lizenzierten die Alliierten zunächst nur klassisch aufgemachte Zeitungen. Erst nach dem Ende des Lizenzierungsvorbehaltes 1949 erschien eine erste Zeitung in der Tradition der Kaufzeitungen der Weimarer Republik. Die „Hamburger Morgenpost“ wurde als Schwesterblatt der SPD-Parteizeitung „Hamburger Echo“ gegründet. Doch obwohl es sich nicht um eine wirklich neue Idee handelte, erreichte die Zeitung rasch eine gute Auflage: Anfang 1952 verkaufte die „Hamburger Morgenpost“ bereits mehr als 100.000 Exemplare pro Tag.

Axel Springer ging das nach eigenen Angaben „schließlich auf die Nerven“. Doch er wollte nicht einfach noch eine Kopie der alten Boulevardzeitungen aus der Weimarer Republik auflegen – er wollte gleich ein zukunftsträchtiges neues Blatt entwickeln. Der gerade 40-jährige und schon enorm erfolgreiche Verleger war – wie der Chefredakteur seines bis dahin wichtigsten Blattes „Hörzu “ – überzeugt, dass innerhalb weniger Jahre das Fernsehen zum Massenmedium werden sollte. Und er ahnte, dass Bilder zum entscheidenden Unterscheid werden würden.

Also konzipierte Axel Springer eine neue vierseitige Zeitung, deren erste und letzte Seite nur aus Bildern mit kurzen Texten bestand. Seine leitenden Mitarbeiter lachten ihn dafür aus. Dennoch erschien „Bild“ in dieser Form am 24. Juni 1952 zum ersten Mal – und wurde zum veritablen Flop. Nach einer kostenlos verteilten Startauflage von 455.000 Exemplare stagnierte das Blatt bis Dezember 1952 bei 245.000 Stück täglich und damit deutlich unter der angepeilten halben Million.

Inzwischen hatte Springer eine eigene Redaktion für „Bild“ gebildet, die genau wusste, wie das Blatt aussehen musste, um Erfolg zu haben – und Springer war klug genug, auf seine Mitarbeiter zu hören. Im Januar 1953 gab es den ersten und größten „Relaunch“ in der Geschichte der „Bild“. Statt reinen Foto- und reinen Textseiten gestaltete der erste Chefredakteur Rudolf Michael nun täglich eine fröhliche Mischung aus großen Schlagzeilen, menschlichen Geschichten und möglichst aufsehenerregenden Fotos.

Politik spielte in der Startphase der Boulevardzeitung keine Rolle. In der Konzeption der Neugestaltung ermahnte Springer seinen Chefredakteur: „Ich finde, wir sollten die politischen Schlagzeilen nicht kultivieren. Das wäre eine ganz falsche Richtung für die ,Bild’-Zeitung.“

Das geänderte Konzept erwies sich als Volltreffer: Schon im März 1953 wurde das erste Ziel einer Auflage von einer halben Million am Tag gestreift, im August die Marke von einer Million übersprungen. Die ersten Regionalausgaben folgten, überall dort, wo große Lesermärkte brachlagen: im Ruhrgebiet, in West-Berlin, in Frankfurt. Die durchschnittlich verkaufte Auflage stieg immer weiter, erst auf zwei, dann auf drei und vier, schließlich an rund 20 Tagen im Jahr 1966 auf fünf Millionen Stück. „Bild“ wurde der größte Erfolg Axel Springers.

Anfangs nahm der Verleger großen Einfluss auf das Blatt. Er brachte sich in die Bildauswahl und den Schnitt ein, gab dem Chefredakteur direkte Anweisungen und kritisierte sogar die Wortwahl in einzelnen Kommentaren. Ob seine Redakteure von solchen Interventionen genervt waren, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall ging die Erfolgsgeschichte weiter, gerade mit dem weitgehend unpolitischen Konzept, auf das Michael mit Unterstützung Springers gesetzt hatte.

Das änderte sich 1958, nach der demütigenden Erfahrung des Verlegers bei seinem Abstecher zu Nikita Chruschtschow nach Moska u. Nun wurde „Bild“ deutlich politischer, blieb zugleich aber den Interessen seiner Leserschaft treu. Ein Kampfblatt jedenfalls wurde die damals schon auflagenstärkste Zeitung Westdeutschlands, die seit Jahrzehnten auch den Spitzenplatz in Europa hält, niemals. Sooft auch immer das Gegenteil, längst nicht nur 1968, behauptet worden ist.

Weitere Informationen unter: http://meilensteine.axelspringer.de/