Bertelsmann-Studie

Warum Berlins Kinder weniger Antibiotika erhalten

Je nach Arzt und Region bekommen Kinder in Deutschland häufiger oder seltener Antibiotika verschrieben. So erhalten kleine Patienten im Nordosten Deutschlands doppelt so häufig Antibiotika wie Heranwachsende in Süddeutschland. Erklären kann man das von einem medizinischen Standpunkt aus allerdings nicht.

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Ob Mittelohrentzündung, starke Erkältung oder hohes Fieber – wenn das Kind krank ist, wollen Eltern das beste Mittel zur raschen Genesung. Ihre Hoffnung setzen sie häufig auf Antibiotika. Diese Art von Medikamenten ist eigentlich ein Segen, da sie bakterielle Infektionen, die früher nicht selten zum Tode führten, behandelbar machen.

Die meisten Mediziner gehen sehr verantwortungsvoll mit der Verschreibung um. Doch Ärzte, die wenig Erfahrung mit Kindern haben, und Notärzte geben aus Sicherheitsgründen eher ein Antibiotikum. Manchmal auch, wenn es gar nicht wirkt – aber dennoch Nebenwirkungen entfaltet. Auch scheinen manche Ärzte dem Drängen der Eltern nach einem Antibiotikum wider die Vernunft nachzugeben, vielleicht um nicht „Kunden“ zu verlieren.

Selten im Süden

Doch ob einem Kind ein Antibiotikum verschrieben wird, ist auch wohnortabhängig: Kinder im Nordosten Deutschlands erhalten doppelt so häufig Antibiotika wie jene im Süden. Ausnahme im Nordosten ist Wismar: Dort ist die Verordnungshäufigkeit sehr gering. Das belegt der aktuelle „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung. 2009 erhielten demnach bundesweit insgesamt 38 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren Antibiotika. Bei Drei- bis Sechsjährigen war es sogar jedes zweite Kind.

relatedlinksStefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung, sagt: „Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kreisen sind riesig. In einigen Landkreisen im Osten Mecklenburg-Vorpommerns erhielt die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren mindestens ein Mal ein Antibiotikum vom Arzt verordnet. Das sind doppelt so viele wie beispielsweise in bestimmten Landkreisen im südlichen Bayern.“ Die meisten Verordnungen fanden sich bei der repräsentativen Untersuchung mit etwa 50 Prozent in Sachsen-Anhalt, die wenigsten mit 30 Prozent in Schleswig-Holstein.

Es stellte sich bei der aktuellen Studie jedoch auch heraus, dass es innerhalb der Bundesländer ebenso starke Variationen gibt. So werden in Grenzregionen zum Beispiel zu Frankreich und den Niederlanden häufiger Antibiotika verschrieben.

Positiver Umgamg in Berlin

Berlin gehört zu den Regionen, in denen Ärzte eher zurückhaltend und damit positiv mit diesen Arzneimitteln umgehen. Bei Kindern bis sechs Jahren rangiert Berlin im untersten Fünftel. Bis zu 17 Jahren liegt die Bundeshauptstadt etwas weiter oben, die Rate der Verschreibungen liegt im zweituntersten Fünftel. Antibiotika stehen hier also auch in dieser Altersgruppe unterdurchschnittlich häufig auf dem Rezeptblock. Das spricht für einen verantwortungsbewussten Umgang der Mediziner mit diesen Medikamenten.

Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske und seine Kollegen des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen anhand der Daten der Barmer GEK die möglichen Ursachen und Folgen der Verordnungspraxis untersucht. Besonders häufig werden danach Antibiotika bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe eingesetzt. Das Problem ist, dass Kindern Antibiotika oft verschrieben werden, wenn es gar nicht notwendig ist. Denn Antibiotika wirken nur gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren. Da es sich bei den angeführten Erkrankungen aber meist um Virusinfekte handelt, helfen Antibiotika oft gar nicht.

Deutsche Ärzte scheinen auch bei gleicher Diagnose ein unterschiedliches Verordnungsverhalten zu haben. Dem Bertelsmann-Report zufolge unterscheiden sich die Verschreibungen von Antibiotika zwischen den Facharztgruppen erheblich. Etgeton sagt: „Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordneten 33 Prozent der Hausärzte Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und neun Prozent der HNO-Ärzte. Bei Lungenentzündungen, wo die Verordnung von Antibiotika angezeigt ist, waren es 80 Prozent der Kinderärzte, aber nur 66 Prozent der Hausärzte.“

Allgemein-, Kinder- und HNO-Ärzte berücksichtigen die medizinischen Leitlinien nicht stark genug, schlussfolgern die Bertelsmann-Experten. Speziell die Hausärzte sollten die Verordnung bei Mittelohrentzündungen um ein Drittel senken. Auch kulturelle Unterschiede oder etwa Migrationshintergründe könnten eine Ursache der regional uneinheitlichen Gepflogenheiten sein, ebenso die unterschiedliche Dichte der Kinder- und Jugendärzte in den Regionen. Glaeske fasst die Ergebnisse so zusammen: „In Regionen, in denen Allgemeinärzte häufig aufgesucht werden, werden auch mehr Antibiotika verordnet. Der Druck in einer Allgemeinpraxis, viele Patienten zu behandeln, könnte damit zu tun haben.“ Diese Erklärungsansätze müsse man noch weiterverfolgen.

Werden Antibiotika zu häufig genommen, besteht die Gefahr, dass sie keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind. Bereits jetzt stellen resistente Bakterien in Krankenhäusern ein großes Problem dar. Deshalb ist es extrem wichtig, vorschnelle Gaben von Antibiotika zu vermeiden.

Faktencheck gibt Tipps

Der „Faktencheck Gesundheit“ macht eine Reihe von Vorschlägen, wie sich Eltern darüber informieren können, wann Antibiotika wirklich sinnvoll sind und wann der Einsatz eher unnötig erscheint. Eine Checkliste für den Arztbesuch enthält Fragen, die gestellt werden können, um eine vorschnelle Gabe von Antibiotika zu vermeiden: Sprechen die Symptome eher für einen bakteriellen oder für einen Virus-Infekt? Ist erst einmal eine Wartezeit sinnvoll? Kann ein Schmerzmittel meinem Kind während des Abwartens helfen? Wenn ja, welches Mittel in welcher Dosierung? Welche weiteren Maßnahmen können die Heilung unterstützen? Der „Faktencheck Gesundheit“ bietet im Internet außerdem einen Antibiotika-Pass, in den jede Einnahme eingetragen wird und der dem Arzt bei jeder Verordnung vorgelegt werden sollte.