Polnische Schriftstellerin

"Was Deutschlands Erziehung Europa gekostet hat"

Holocaust-Gedenktag: Die polnische Schriftstellerin Magdalena Tulli gehört zur zweiten Generation nach dem Krieg und spricht über das Trauma, ein Opfer zu sein.

Seit ihrem späten Debüt „Träume und Steine“ (1995) zählt Magdalena Tulli, promovierte Biologin Jahrgang 1955, zu den wichtigsten Stimmen der polnischen Gegenwartsliteratur. Die meisten ihrer Romane liegen auf Deutsch vor. In ihrem neuesten Werk nähert sie sich erstmals schreibend ihrer Familie: dem italienischen Vater, der sich in der Zeit des Stalinismus in eine Holocaust-Überlebende verliebte und für sie nach Polen zog. Ein Gespräch in ihrer Heimatstadt Warschau.

Morgenpost Online : In Polen, in Ungarn, in Russland gibt es kaum noch Juden. Warum gibt es Antisemitismus?

Magdalena Tulli : Der Antisemitismus war und ist die unschöne Antwort auf Leid und Demütigung, die diese Völker erfahren haben. Die Erinnerung an Demütigung kann man politisch nutzen, und es gibt in diesen Ländern Politiker, die davor nicht zurückschrecken. Derselbe Mechanismus funktionierte nach dem Versailler Vertrag, der eine Demütigung für die Deutschen war. Wir sind ja alle aus dem selben Lehm gemacht. Nur unsere Geschichte und ihre langfristigen Folgen sind jeweils andere.

Morgenpost Online : Selbst Polen der 60er-Jahrgänge haben heute Albträume, in denen deutsche Soldaten auftreten. Ebenso die Ich-Erzählerin in Ihrem neuen Roman „Wloskie szpilki“ (Italienische Stöckelschuhe). Auch Sie?

Tulli : Ich hatte sie in meiner Kindheit, wie andere auch. Heute fühle ich mich in Deutschland, vor allem in Westdeutschland, sehr wohl. Ich mag den Klang der Sprache, die Atmosphäre der Straße. Eine meiner besten Freundinnen ist Deutsche. Die Uniformen in ihrem Familienalbum stören mich nicht. Die Deutschen sind heute ein anderes Volk als zu Hitlers Zeiten, und viele Deutsche wissen das, sind stolz darauf. Ich selbst fühle mich nicht ganz so wohl in meiner Haut. Dann flüchte ich mich in Ironie und würde sie gern daran erinnern, wie viel ihre Erziehung Europa gekostet hat?…

Morgenpost Online : Manche halten Ihren Roman für das erste Werk in Polen, in dem die zweite Generation die Holocaust-Erfahrung verarbeitet.

Tulli : Ich würde eher sagen, er handelt vom Trauma, Opfer zu sein, und von der Auflehnung dagegen. Eine der Rezensionen trug nicht zu Unrecht den Titel „Das polnische Trauma“. Und im Hintergrund ist im Roman der Holocaust, denn ein Teil meiner Familie fiel unter die Nürnberger Rassengesetze.

Morgenpost Online : Ist es nicht so, dass die Literatur der Kriegsgeneration in Polen bis heute dominierend, sogar erdrückend im Raum steht?

Tulli : Was die KZ-Erfahrung betrifft: Wir hatten die Erzählungen von Tadeusz Borowski, der 1951 Selbstmord beging. Wir hatten die kühl, zurückhaltend geschrieben „Medaillons“ von Zofia Nalkowska. Wir hatten die Bücher Henryk Grynbergs, die das jüdische Thema berühren. In der neuesten Literatur ist der Krieg passé. Und was die Aufarbeitung zwischen den Generationen angeht, kenne ich nur zwei Bücher: von Piotr Pazinski, der aus persönlicher Erfahrung über Holocaust-Überlebende schreibt, und von Bozena Keff. Also vereinzelte, neue Werke, keine Strömung. Das Leben braucht seine Zeit.

Morgenpost Online : Es ist schlimmer, Kind von Opfern zu sein als Kind von Tätern. Warum ist das so?

Tulli : Es ist leichter, Schuld zu tragen als Leid, das einem zugefügt wurde. Wenn Sie Schuld tragen, genügen aufrichtige Reue und der Wille zur Besserung. Wenn Sie Leid tragen, kann es passieren, dass Sie darunter zusammenbrechen, ohne je zu erfahren, was Sie mit dem Leid hätten tun sollen. Manchmal streben Menschen nach Rache, um den Opferstatus loszuwerden und in die Kategorie der Schuldigen überzuwechseln, wo es sich leichter leben lässt. Wer Leid trägt, will nicht Opfer sein; so entstand die Institution der Rache. Aber manchmal ist Rache nicht möglich, wenn Sie zu schwach sind oder verstehen, dass Rache keine Lösung ist. Dann haben Sie eine lebenslange Aufgabe. Sie könnten mit Ihrem Leben etwas anderes, Attraktiveres anfangen, aber nein, die Vergangenheit hält Sie fest, zieht Sie zurück. Und die Emotionen suchen blind nach einer Lösung.

Morgenpost Online : Ihre Mutter war in mehreren Konzentrationslagern.

Tulli : Neben dem Zorn gab es die Scham. Meine Mutter schämte sich vor sich selbst dafür, wie man sie behandelt hatte. Wenn das Leid wirklich groß ist, will das Opfer nur eines: vergessen. Aber das kann es nicht. Und so geht das Trauma auf die nächste Generation über und dauert fort, solange diese nichts damit anfängt. Die Geschädigten haben immer eine schwere Arbeit zu leisten. Sie müssen ihr Leid akzeptieren. Wenn sie es nicht tun, werden sie bis zu ihrem Tode leiden und hinterlassen diesen Salat ihren Nachfahren.

Morgenpost Online : In Ihrem Buch fällt der Satz: „Die Deutschen haben den Krieg erst gewonnen und dann verloren. Die Russen haben ihn erst verloren und dann gewonnen. Unser Land hat am Anfang und am Ende verloren.“

Tulli : Dabei hatte Polen aufseiten der Sieger gekämpft. Behandelt wurde es schlimmer als manche von Hitlers Verbündeten. Die Osthälfte Polens wurde der Sowjetunion angegliedert, die Westhälfte unter ein mehr oder weniger mildes Besatzungsregime gestellt. Die Polen waren dezimiert und von ihren Verbündeten im Stich gelassen und fühlten sich als das unglücklichste Volk Europas. Und das Regime verbot ihnen, darüber zu reden. Es erzwang ständige Huldigungen und Bezeugungen des Wohlbefindens. Wer in eine solche Lage gerät, der sieht nur sein eigenes Leid.

Morgenpost Online : Ihr Buch ist auch ein Buch über die geteilte Erinnerung in Europa, wie Sie sie mit sich tragen. Und die Frage, wo das „wahre“ Leben gewesen sei.

Tulli : Die meisten Einwohner Mailands glaubten, hinter dem Eisernen Vorhang lebe eine andere Sorte Mensch. Die Menschen dort seien bereit, Entbehrungen zu ertragen, die sie selbst nie ertragen würden. Natürlich hätten sie das alles ertragen! Umgekehrt empfanden die Menschen im Osten für die im Westen Herablassung, Neid und Bewunderung. Zugleich war der Westen die einzige Hoffnung. Deshalb dachten wir, sie würden uns eines Tages in einer Geste der Solidarität helfen, jene Freiheiten zu erlangen, von denen sie tagtäglich Gebrauch machten.

Morgenpost Online : In Polen wurde 2012 zum Jahr Janusz Korczaks und des Jesuitenpredigers Piotr Skarga ausgerufen. Der Getto-Arzt Korczak war in Polen jahrzehntelang das bekannteste Opfer des Holocaust. Wie kam das?

Tulli : Unter anderem Dank Andrzej Wajdas Film über ihn. Für mich ist Korczak auch als Schriftsteller wichtig. Polen hatte eine hervorragende Kinderliteratur, die konkurrenzlos war. Mindestens einer von Korczaks Romanen für Kinder, beide Bände von „König Hänschen I.“, übertrifft alles, was der Rest der Welt geschrieben hat. Was seine Entscheidung betrifft, mit seinen Schützlingen in den Tod zu gehen: Seine Mitarbeiterinnen haben dasselbe getan. Aber das Publikum braucht immer ein Symbol. Das ist für die Welt Janusz Korczak geworden.