Preisverhandlungen

Wie viel ein Herzinfarkt-Medikament kosten darf

Pharmahersteller und Krankenkassen verhandeln erstmals über den Preis für ein neues Medikament. Dabei geht es um Milliarden Euro.

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In dem repräsentativen Gebäude, in dem die gesetzlichen Krankenkassen in Berlin-Mitte residieren, beginnt an diesem Montag eine neue Ära. Zum ersten Mal wird dort über den Preis eines neuen Medikaments verhandelt. Bisher konnten die Hersteller faktisch so viel Geld verlangen, wie sie wollten, und die Kassen mussten es zahlen. Damit ist es nun endgültig vorbei.

Die Verhandlungen, die sich über ein halbes Jahr hinziehen werden, sind die Folge des Arzneimittelgesetzes, das noch vom ehemaligen Gesundheits- und jetzigen Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) stammt. Es soll helfen, dass die Ausgaben der Krankenkassen für Medikamente nicht ins Unermessliche steigen. Das Gesetz soll sie um rund 1,5 Milliarden. Euro pro Jahr senken.

Wie erfolgreich dies gelingt, hängt davon ab, was im Verhandlungssaal geschieht. Dort sitzen sich Vertreter des obersten Krankenkassenverbands und des Arzneimittelherstellers Astra Zeneca gegenüber. Beide Seiten haben sich monatelang vorbereitet, entsprechend groß ist die Nervosität, schließlich geht es um viele Millionen Euro.

Verhandelt wird über ein neues Medikament für Herzinfarktpatienten. Die Apotheken führen es unter dem Namen „Brilique“, der Wirkstoff heißt Ticagrelor. Wer schon einmal einen Herzinfarkt hatte, soll damit keinen zweiten bekommen. Das Medikament ist bereits zugelassen und wird seit einem Jahr von Ärzten verordnet.

Nun geht es darum, den angemessenen Preis zu finden. Das entscheidende Kriterium dafür ist, welchen zusätzlichen Nutzen Brilique für die Patienten hat. Nur für die Arzneimittel, die wirklich mehr bringen, sollen die Kassen auch mehr zahlen – das ist der Gedanke des neuen Gesetzes.

Privileg der Pharmaindustrie geschwächt

Die Pharmabranche hatte sich lange gegen diese Form der Preisfindung gewehrt. Sie hatte das weltweite Privileg verteidigt, dass in Deutschland neue Medikamente zu jedem beliebigen Preis auf den Markt kommen konnten – egal, wie gut und innovativ sie waren. Die deutschen Arzneimittelpreise wurden so zu den höchsten in Europa und zur Referenz für andere Länder. Etwa jeden fünften Euro geben die Kassen für Medikamente aus, Hauptkostentreiber sind dabei neue Präparate mit Patentschutz.

Nun erkennt die Branche in den neuen Regeln Vorteile. „Das Gesetz bietet die Chance zu zeigen, dass ein Pharmaunternehmen mit einem guten Produkt auch einen guten Preis erzielen kann“, sagt Claus Runge, Mitglied der Geschäftsleitung bei Astra Zeneca. Das Unternehmen spielt freiwillig den Vorreiter. Brilique hätte noch schnell ohne das aufwendige Verfahren auf den Markt kommen können, doch man glaubt, den Test bestehen zu können.

Die Kassen freuen sich über eine Möglichkeit, die steigenden Arzneimittelkosten in den Griff zu bekommen: „Faire Preise, heißt für uns, dass sich die Gewinne der Pharmaindustrie am Zusatznutzen für die Patienten orientieren und nicht an den Wunschvorstellungen der Aktionäre“, sagte der Vizechef des Kassen-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg.

Die Verhandlungen sind alles andere als trivial. Die hohen Preiserwartungen des Herstellers und die niedrige Zahlungsbereitschaft der Kassen können sich nicht einfach in der Mitte treffen. Zu berücksichtigen sind aufwendige Vergleichsstudien mit vorhandenen Medikamenten und Therapien, deren Auswertung und Bewertung viel Zeit und Fachleute in Anspruch nehmen. Wird dabei kein Zusatznutzen festgestellt, darf der Hersteller nur den Preis verlangen, der für vergleichbare Medikamente gilt. Gibt es einen Zusatznutzen, muss er in Euro und Cent übersetzt werden. Nur wie?

Im Fall von Ticagrelor zeigen die Vergleiche mit anderen Medikamenten, die das staatliche „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) angestellt hat, dass der neue Wirkstoff nicht allen Patienten mit Herzinfarkt gleich gut hilft. Bei leichten Fällen hat er „einen beträchtlichen Zusatznutzen“, wie das IQWiG bescheinigt. Bei schweren Infarkten dagegen bringt eine vergleichbare, schon vorhandene Therapie keine schlechteren Ergebnisse. Der Zusatznutzen ist dabei „gering“ oder „nicht quantifizierbar“.

In dem Bereich, in dem der neue Wirkstoff eindeutig besser hilft, sind die Preisunterschiede zwischen neuer und alter Therapieform besonders groß. Astra Zeneca verlangt für „Brilique“ einen rund zehn Mal höheren Preis als die Kassen gegenwärtig für das billigste Vergleichspräparat zahlen müssen. Konkret: Der in Brilique enthaltene neue Wirkstoff Ticagrelor kostet pro Tagesdosis rund zwei Euro, während der mehr als zehn Jahre alte vergleichbare Wirkstoff namens Clopidogrel in seiner billigsten Form für etwa 20 Cent zu haben ist.

Wenn der Patentschutz ausläuft

Das liegt daran, dass es keinen Patentschutz mehr gibt und das Originalpräparat in Form zahlreicher Kopien (Generika) auf dem Markt ist. Pro Patient bedeutet das Kostenunterschiede von mehreren hundert Euro pro Jahr. Bei rund 300.000 Deutschen, die an akutem Koronarsyndrom leiden, geht es für die Krankenkassen um einige hundert Millionen Euro.

„Wir konnten nachweisen, dass unser Medikament signifikant mehr Leben rettet als der bisherige Standard. Dies sollte sich im Preis niederschlagen“, argumentiert Astra-Zeneca-Manager Runge. Würden 1000 Patienten ein Jahr mit Brilique behandelt, ereigneten sich elf Herzinfarkte weniger. Die Kassen haben ähnliche Zahlen. Die Frage ist, wie viel die Vermeidung dieser Infarkte kosten darf.

Entscheidend sei, dass sich mit den Verhandlungen „ein rationales und vor allem faires Prozedere etabliert“, mahnt Birgit Fischer vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller. Dass der bisherige Prozess fair abgelaufen ist, bestätigt Astra Zeneca, obwohl das neue Medikament zum Teil mit anderen Therapieformen verglichen wurde als dies im Zulassungsverfahren geschah. Für die Kassen kündigte Verbands-Vize von Stackelberg bereits an, nicht nur neue, sondern auch schon auf dem Markt befindliche Medikamente einer Nutzenbewertung unterziehen zu wollen. Nur dann könnten die von der Bundesregierung geplanten Einsparungen erzielt werden.