Prothesen

Kunst-Gelenke werden oft zu früh transplantiert

Arthrose ist kein ausschließliches Altersleiden, auch junge Menschen haben mit Gelenkverschleiß zu kämpfen. Betroffen sind vor allem Knie und Hüfte. Dennoch warnen Experten davor, Gelenke frühzeitig durch Prothesen zu ersetzen.

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Unsere Gelenke sind uns lieb – und sehr, sehr teuer: Rund sieben Milliarden Euro kostet in Deutschland jedes Jahr die Behandlung von verschleißbedingten Gelenkerkrankungen. Der Zahn der Zeit nagt neben den Fingergelenken vor allem an Knien und Hüften: Aktuell werden in Deutschland jährlich 210.000 abgenutzte Hüften und 175.000 ausgeleierte Kniegelenke durch Endoprothesen ersetzt – das ist Europarekord. Doch die neuen Gelenke halten häufig nicht so lange, wie von Herstellern und Operateuren versprochen. Experten fordern deshalb ein unabhängiges Kontrollregister.

Das Risiko von Gelenkverschleiß wächst mit den Jahren. Dennoch ist die Arthrose kein ausschließliches Altersleiden: Bereits mit 20 Jahren sind etwa neun Prozent der Menschen davon betroffen. Mitte 30 steigt dieser Anteil auf 17 Prozent, und von den über 65-Jährigen müssen über 90 Prozent mit Problemen in den Finger-, Knie- und Hüftgelenken rechnen, Frauen häufiger als Männer.

Hohe Absätze schaden

Vor allem die Knie machen Frauen zu schaffen: Nach US-Studien werden 18 Prozent aller Frauen über 65 von Kniegelenk-Arthrosen geplagt, bei den Männern „nur“ 8,3 Prozent. Männer wiederum haben es mit 3,5 Prozent häufiger mit der Hüfte zu tun als Frauen (2,8 Prozent). Nach einer aktuellen Studie finnischer Orthopäden erhalten dort Frauen mittlerweile 2,6-mal so häufig künstliche Knie wie Männer. An den Knieproblemen von Frauen dürfte die Mode mit schuld sein: Hohe Absätze bringen das Sprunggelenk in eine Fehlstellung, die im Kniegelenk ausgeglichen wird. Im Vergleich zum Barfußlaufen entsteht hier ein um 23 Prozent erhöhter Druck.

Doch durch den Austausch von schwer arthrotisch veränderten Hüften und Knien gelingt es heute immer besser, die schmerzfreie Beweglichkeit und Belastbarkeit dieser Gelenke wiederherzustellen. Die guten Ergebnisse und die hohe Sicherheit des Gelenkersatzes haben die operative Versteifung des Gelenks (Arthrodese) fast vollständig abgelöst.

Entsprechend häufig werden Endoprothesen eingesetzt: Von 2003 bis 2009 wurden in Deutschland rund 1,38 Millionen Hüftgelenk- und 1,01 Millionen Kniegelenkoperationen durchgeführt, berichten die Münchner Allergologen Peter Schnabel und Siegfried Borelli im „Deutschen Ärzteblatt“. Die beiden Forscher betreuen eine „Noxenkatalog-Datenbank“ über Krankheiten durch Schadenskontakte. Die Datenbank ist an der Dermatologischen Klinik der TU München etabliert.

Auch Junge unters Messer

Operiert werden nicht nur ältere Menschen: Es kommen immer häufiger auch jüngere Jahrgänge unters Messer, stellen Schnabel und Borelli fest: „Immerhin 20,1 Prozent der Erstimplantate von Hüft-Totalendoprothesen wurden bei unter 60-Jährigen und noch 1,2 Prozent bei unter 40-Jährigen eingesetzt. Bei den Knie-Erstimplantat-Empfängern waren 13,1 Prozent unter 60 Jahre alt.“

Erhält ein Patient indessen schon mit 40 Jahren ein künstliches Gelenk, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es einmal ausgetauscht werden muss. Theoretisch sollte zwar die Haltbarkeit eines Implantats nach Herstellerangaben 15 Jahre und mehr betragen. In Wirklichkeit müssen viele Prothesen aber schon eher ausgetauscht werden. Bei 3,3 Prozent der Hüft- und 6,5 Prozent der Knie-Prothesen war bereits zwei Jahre nach der ersten OP ein Wechseleingriff fällig.

Das bedeutet nicht nur eine weitere Operation, sondern auch den Verlust von Knochenmaterial. Auch ist die zweite Operation schwieriger als die erste: Denn nach dem ersten Eingriff können sich Narben gebildet haben. Implantate können nicht beliebig oft erneuert werden, weshalb Ärzte gerade bei jüngeren Patienten eher Zurückhaltung propagieren sollten. Doch es besteht der Verdacht, dass wirtschaftliche Zwänge der Kliniken oder Belegärzte verstärkt dazu führen, dass künstliche Gelenke heute früher als nötig eingebaut werden.

Der mit 55 Prozent häufigste Grund für den schon früh notwendigen Austausch des Kunstgelenks ist eine Lockerung des Implantats. Die Ursache dafür liegt nicht immer in der fehlerhaften Platzierung des Implantats durch den Operateur und auch nicht in einer zu frühen oder übertriebenen Belastung des Gelenks durch den Patienten selbst. Durch die Abnutzung werden kleine Abriebpartikel und Korrosionsprodukte im Bereich des Gelenks freigesetzt. Diese sammeln sich in der Gewebsflüssigkeit an und werden in jene Bereiche transportiert, wo Zement und Knochen oder Prothese und Knochen aufeinander liegen. Dort werden Prozesse ausgelöst, die zur zunehmenden lokalen Zerstörung des Knochens führen.

Nanopartikel im Körper

Kompliziert wird die Situation dadurch, dass die durch derartige Partikel ausgelöste allergische Immunreaktion oft wesentlich anders ausfällt als die Immunantwort auf das ursprüngliche Ausgangsmaterial. Besonders in Verdacht stehen Nanopartikel. Die Ausbreitung der winzigen Abriebteile im Organismus nach einer Hüft- oder Knie-OP macht den Münchner Allergologen Sorgen: „Zellbarrieren bieten offenbar keinen Schutz vor den schädigenden Einflüssen von Nanopartikeln.“

Hinzu kommt, dass laufend neue Materialien und Produkte zum Einsatz kommen, deren langfristige Funktionsfähigkeit nicht immer ausreichend geprüft ist. Peter Schnabel und Siegfried Borelli fordern deshalb die Einrichtung eines speziellen Registers für Implantate, um den Erfolg und die möglichen Komplikationen von eingesetzten Kunstgelenken verfolgen zu können und den Patienten durch rechtzeitige Warnungen drohende Gesundheitsschäden zu ersparen: „Solche Register können schneller als andere Datenquellen hochselektive Aussagen zu Produktqualität, Operationstechniken und Begleitkomplikationen der unterschiedlichsten Art liefern.“

Ein solches Register sollte bereits Anfang Januar an den Start gehen, nun ist von April die Rede. Es müsse aber in jeder Hinsicht von der Lobby der Hersteller und Operateure unabhängig sein, betonen die Münchner. Sie verweisen auf das Vorbild Schweden, wo ein Register bereits seit 1979 existiert. Dort konnte die Zahl von erneuten Operationen zum Austausch von Prothesen auf die Hälfte gesenkt werden – mit einer immensen Kostenersparnis für das Gesundheitssystem.