DVD-Edition

Als zwölf Millionen Deutsche ihre Heimat verloren

In der neuen "Welt"-DVD-Edition "Deutsche Geschichten" schildert "Nirgendwo ist Poenichen" das Schicksal der Vertriebenen und ihren Neuanfang im Westen.

Foto: Welt Edition

Hintergrund : Zwölf Millionen Deutsche verloren durch den Zweiten Weltkrieg ihre Heimat. Auch Maximiliane Quint, geborene von Quindt, und ihre Kinder. Die ehemalige Gutserbin steht 1945 vor dem Nichts – und muss sich dennoch durchschlagen. Nur eine klare Entscheidung erlaubt ihr das: Sie schaut nie zurück, auf ihr so vielfach von Schicksalsschlägen gebeuteltes Leben, sondern immer nur nach vorn. Getrennt vom Flüchtlingstreck kommen Maximiliane und ihre vier Kinder, drei eigene und die uneheliche Tochter ihres verschollenen Ehemannes, in Berlin an. Von all ihrem Besitz ist ihnen neben dem nackten Leben und einem Pelzmantel fast nichts geblieben. Doch Maximiliane gibt nicht auf, sie schuftet, um ihren Kindern eine Zukunft zu schaffen. Doch sich selbst kann sie keine dauerhafte Heimat in der westlichen Fremde schaffen, ihr fehlt immer das alte Gut.

Der Film : Die Fortsetzung von "Jauche und Levkojen" nach dem zweiten Roman von Christine Brückners Trilogie über Maximiliane Quint drehte die ARD 1980, direkt im Anschluss an den großen Erfolg der ersten Verfilmung. In 21 knapp halbstündigen Teilen inszenierten die beiden Regisseure Rainer Wolffhardt und Rolf Hädrich den Wiederaufbau des Familienlebens als Parabel auf die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Die wesentliche Gestaltung übernahm die Produktion von der ersten Serie, auch wenn die Rolle des Erzählers weniger dominant ausfiel.

So dominieren auch in "Nirgendwo ist Poenichen" kammerspielartige Szenen. An die Stelle der hinterpommerschen Landschaftsaufnahmen treten zunehmend Bilder von Originalschauplätzen, unter anderem in Marburg, West-Berlin und Kalifornien, wohin ihre Mutter und deren zweiter Mann die Tochter mit ihren fünf Kindern einladen. Denn in Maximilianes Leben kehrt auch in der Fortsetzung der Erfolgsgeschichte keine Ruhe ein. Selbst als sie sich in Westdeutschland etabliert hat, bleibt sie eine Suchende.

Sie hat weiter Pech mit den Männern, die sie liebt – und mit ihren Kindern, die sich auf unterschiedliche Art von der Mutter entfremden. Sie wird Hausdame im zum Hotel umgebauten Stammsitz der Familie von Quindt bei Nürnberg. Schließlich reist sie, drei Jahrzehnte nach der Flucht, noch einmal in die inzwischen polnische Landschaft, in der sie aufgewachsen ist. Das Herrenhaus ist verschwunden, das Dorf von neuen Bewohnern belebt. Von den alten, rückwärts blickenden Nachbarn hat sich Maximiliane schon lange abgewandt. Nun ist es an ihr, Abschied zu nehmen:

Sie akzeptiert, dass Poenichen längst "nirgendwo" ist.

Kaum etwas ist schwieriger für einen Schauspieler, als das Altern einer Figur über Jahrzehnte glaubhaft zu verkörpern. Ulrike Bliefert, die in "Jauche und Levkojen" und in "Nirgend ist Poenichen" die Hauptrolle der "Maximiliane von Quindt, verheiratete Quint" spielt, gelang das herausragend. Die bei den Dreharbeiten knapp dreißigjährige Mimin schaffte es, sowohl als pubertierendes, naives Mädchen wie als gestandene, vom Leben gezeichnete Frau und Mutter zu überzeugen.

Für die 1951 geborene Darstellerin, die in zahlreichen Serie Erfolg hatte, darunter der RTL-Sitcom "Das Amt", waren die beiden ARD-Großproduktionen der frühe Höhepunkt ihrer Karriere. Während sie sich in der ersten Serie noch mit Arno Assmann als ihrem Großvater Joachim von Quindt um die Hauptaufmerksamkeit des Publikums konkurrieren musste, dominiert sie in "Nirgendwo in Poenichen" vollkommen. Dennoch ermüdet ihre Dauerpräsenz in fast jeder Einstellung den Zuschauer keineswegs, sondern fesselt die Aufmerksamkeit an das Leben und Erleben der Maximiliane.

Es ist vor allem Ulrike Blieferts Verdienst, dass das große Zeitgemälde über ein deutsches Schicksal zwischen Erstem Weltkrieg und äußerlich saturiertem Leben in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre nicht zum historischen Bilderbuch verkommt, sondern das Publikum menschlich ergreift. Glaubhaft spiegeln sich die Herausforderungen, mit denen Maximiliane immer wieder konfrontiert wird, in ihrem Gesicht, in ihren Gesten, sogar in ihren Bewegungen.

Die Box „Deutsche Geschichten“ mit sieben Mehrteilern auf 17 DVDs kostet 99 Euro, ist im Buchhandel erhältlich und kann unter www.Morgenpost Online/shop oder 0800/182 72 63 gebührenfrei bestellt werden .