Verbraucherschutz

Tester warnen vor Pilzen aus dem Supermarkt

Überlagert, verschimmelt, verdorben - Pilze aus dem Supermarkt können gefährlicher sein als selbst gesammelte. Jede vierte Packung war gesundheistgefährdend, fanden die Verbraucherschützer heraus.

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Es regnet mal wieder. Und das freut zumindest die 20, 30 Männer und Frauen, die sich an einem Nachmittag vor einem weißen Tischchen in der Viktualienhalle des Augsburger Stadtmarktes drängen. Denn sie eint eine gemeinsame frühherbstliche Sammelleidenschaft, deren Objekte in diesem Jahr ideale Klimabedingungen gefunden haben.

Nun werden sie stolz in mitgebrachten Körben und Baumwollbeuteln präsentiert: Maronenröhrlinge, Rotfußröhrlinge, Braunkappen, Birken- und Steinpilze. „Pilzsuche ist in Deutschland wieder ein Nationalsport“, freut sich Günther Groß, Vorsitzender des Pilzvereins Augsburg Königsbrunn. In der Hochsaison bietet der Verein einmal in der Woche seine Pilzberatung an, um Selbstversorger vor folgenschweren Fehlbissen zu bewahren.

Vielleicht sollten sie häufiger einmal einen Blick in die Plastiktüten der vorbei eilenden Supermarktkunden werfen. Denn auch dort gibt es für den kundigen Mykologen manchmal Spannendes zu entdecken – und Erschreckendes.

Jede vierte Probe ist gesundheitsgefährdend

Pilze aus dem Handel, so legen Stichproben nahe, können für den Magen eines Pilzliebhabers nämlich mindestens genauso gefährlich sein wie selbst gesuchte Exemplare. Die Verbraucherzentrale Bayern kaufte vor einigen Wochen zu Testzwecken in verschiedenen Geschäften Pfifferlinge ein und ließ sie anschließend vom Experten untersuchen. Das Ergebnis war – desaströs: Nur eine von zwanzig Proben war einwandfrei.

Ganz gleich ob Supermarkt, Discounter, Wochenmarkt oder Großhandel – überall, wo die Tester kauften, fanden sie alte, überlagerte Ware. Jede vierte Probe erklärte der Pilzsachverständige für so verdorben, dass sie gleich aus dem Verkehr gezogen werden musste. „Hätte jemand diese Pilze verzehrt“, sagt Ernährungsexpertin Daniela Krehl, „hätte er dabei unter Umständen eine Lebensmittelvergiftung riskiert.“

Jede vierte Probe gesundheitsgefährdend – das reicht normalerweise für einen handfesten Skandal. Doch unter Experten sorgen die Befunde der Verbraucherschützer erschreckenderweise kaum für Überraschung. Wildpilze sind branchenintern schon lange als notorische Risikokandidaten erkannt. Die Probleme sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern systembedingt.

Die schnell verderbenden und dann rasch giftigen Gewächse sind viel zu lange zum Kunden unterwegs, die Handelskette ist zu intransparent. Die Pilze werden oft falsch verpackt und im Verkaufsraum fast immer falsch platziert. Verbraucherschützer fordern nun, dies durch strengere Vorschriften zu ändern.

„Ich finde in acht von zehn Supermärkten verdorbene Ware. Die Pilze sind oft bereits überlagert, wenn sie angeliefert werden“, sagt der niedersächsische Pilzsachverständige Georg Müller, der immer wieder zur Begutachtung von Pilzen herangezogen wird und dabei in Lebensmittelläden landauf, landab schon eine Menge Unappetitliches zu Gesicht bekommen hat.

Oft hat er mit einem Blick auf die Verpackung eigentlich schon genug gesehen, wenn er etwa eine Schale voller Pilze in der Hand hält, die rundherum mit einer Plastikfolie umwickelt ist. Oft sammeln sich darunter schon die ersten Tropfen von Kondenswasser – und Müller weiß Bescheid: „Die idealen Bedingungen, um die Eiweißzersetzung zu beschleunigen.“

So gelagert, dauert der Zerfallsprozess nur wenige Tage. Die Pilze verfärben sich, werden weich und glibberig, sie fangen an zu stinken. Müller hat eine reiche Fotosammlung überlagerter Pilze angelegt, die alle Stadien des Zerfalls säuberlich dokumentieren. „Es heißt dann immer, das sei ein einmaliger Vorfall – aber das höre ich schon seit über 20 Jahren“, sagt Müller. Es gebe keine größere Handelskette in der Republik, bei der er noch nicht fündig geworden sei. Selbst in Großmärkten, wo die Vermarktungskette ihren Anfang nimmt, stößt er regelmäßig auf Pilze, die bereits reif für den Mülleimer sind, ehe sie überhaupt den Einzelhandel erreicht haben.

Das Verkaufspersonal sei in den meisten Fällen nicht in der Lage, verdorbene Pilze von frischen zu unterscheiden. Sein Fazit: Kunden müssen schon selbst mykologische Grundkenntnisse mitbringen, wenn sie beim Pilzkauf auf Nummer sicher gehen wollen. Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist auf Pilzpackungen in der Regel nicht aufgedruckt. Schwammerl werden vom Handel diesbezüglich so behandelt, wie sie auch in den Geschäften einsortiert werden: wie Obst und Gemüse.

Ein Blick auf die Verpackung reicht häufig aus

Und für diese Warengruppe, so rechtfertigt sich der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels, sei eben keine solche Kennzeichnung vorgeschrieben. Eine verdorbene Tomate erkennt der Durchschnittskunde ja auch – und lässt sie liegen.

Allerdings sind Pilze kein Gemüse. Ihrer biologischen Klassifikation nach sind sie Lebewesen, die irgendwo zwischen Pflanzen und Tieren rangieren. Dass das nicht nur eine akademische Spitzfindigkeit ist, bekommen diejenigen überdeutlich zu spüren, die verdorbene Pilze zu sich nehmen.

Experte Müller wird regelmäßig zu Hilfe gerufen, wenn diese Betroffenen mit schweren Erkrankungen am Magen und Darm ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Wenn Pilzvergiftungen meldepflichtig wären, würde sich in der Lebensmittelbranche vermutlich schnell etwas bewegen.“

Rund 10.000 Menschen pro Jahr erleiden in Deutschland Lebensmittelvergiftungen nach Pilzgenuss, so Expertenschätzungen. Die Dunkelziffer an nicht erkannten oder falsch zugeordneten Erkrankungen dürfte allerdings noch weit höher liegen. Die Symptome einer Pilz-Lebensmittelvergiftung können sich nach wenigen Minuten, aber auch erst bis zu 48 Stunden nach dem Verzehr einstellen: Durchfall, Erbrechen, Übelkeit.

In Extremfällen kann eine solche Vergiftung tödlich enden. „Pilze bestehen vor allem aus Wasser und Protein. Sie gleichen darin eher Fleisch als Gemüse“, erklärt Ewald Langer, Biologe und Ökologe an der Uni Kassel und Präsident der Gesellschaft für Mykologie. Entsprechend schnell verderbe die Ware, und das mitunter mit schweren gesundheitlichen Folgen.

Denn bei der Zersetzung der Pilzeiweiße werde Botulin freigesetzt, auch als „Leichengift“ bekannt. Ein Umstand, der in der Fleischindustrie zu lückenlosen Kühlketten, engmaschigen Kontrollen und Dokumentationspflichten geführt hat. Bei Pilzen gibt es all dies hingegen bis heute nicht.

Deshalb mahnen Experten vor allem beim Kauf von Pfifferlingen und Steinpilzen zu größter Vorsicht. Diese Pilze können legal nur als Importware verkauft werden, da sie – anders als zum Beispiel Champignons – nicht gezüchtet werden können. In Deutschland stehen sie unter Artenschutz und dürfen nur zum eigenen Gebrauch gesammelt werden, nicht aber zum Weiterverkauf.

Transportzeiten sind zu lang

80 Prozent der Wildpilze in deutschen Geschäften stammen deshalb aus Osteuropa und haben schon eine lange und abenteuerliche Geschichte hinter sich, wenn sie in der Gemüseabteilung landen. Am Beginn der Wertschöpfungskette stehen Tausende von Familien in Bulgarien, Weißrussland, Russland oder Litauen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, durch die heimischen Wälder zu streifen und Pilze zu pflücken.

Kein Mensch kann später noch nachvollziehen, wie viele Tage genau vergehen, bis sie ihre Ausbeute dem nächsten Pilzhändler verkaufen. Dort werden die Waldfrüchte von Hand sortiert und geputzt. Und es kann abermals Zeit vergehen, bis eine Lastwagenladung voll ist und auf den Weg in den Westen geschickt werden kann, zu weiteren Zwischen-, Groß- und schließlich Einzelhändlern. So vergehen oft sechs, sieben Tage, bis der Pfifferling endlich beim Verbraucher ist. „Die Pilze“, sagt Langer, „sind einfach viel zu lange unterwegs.“

Rund 20 Stunden Fahrt haben die beiden Sattelzüge voller Pfifferlinge aus Litauen hinter sich, die einmal pro Woche bei der Bayrischen Pilzbörse auf den Hof rollen. Das Unternehmen ist der größte Pilzimporteur im Raum München mit einem Wochenumschlag von 100 Tonnen Pilzen. „Von der Sortier- und Packstation in Litauen bis zur Auslieferung kann ich für eine ununterbrochene Kühlkette und frische Pilze garantieren“, sagt Geschäftsführer Peter Hein.

Verschlüsselte Nummern auf den 500-Gramm-Körbchen dokumentieren bei ihm zumindest das Datum, an dem die Pilze verpackt wurden. Viele Konkurrenten verzichten selbst auf diese Angabe, vorgeschrieben ist sie für Wildpilze nicht. Ein Mindesthaltbarkeitsdatum, wie es bei den meisten Lebensmitteln Standard ist, mag aber auch Hein nicht aufdrucken. Denn er weiß um die Gepflogenheiten im Einzelhandel. „Ich kann“, deutet er vorsichtig an, „meinen Kunden ja nicht vorschreiben, wie sie mit der Ware zu verfahren haben.“

Doch dort, bei Heins Kunden, fangen die eigentlichen Probleme erst an. Während beispielsweise in Spanien und Frankreich Pilze häufig unter Kaltluftduschen gelagert werden, liegen die Gewächse in deutschen Supermärkten durchweg bei Raumtemperatur herum; oftmals auch noch in Plastikfolie verpackt, weil viele Kunden die Ware dann für hygienischer halten – auch wenn hier das Gegenteil der Fall ist.

So präsentiert, müssten Pilze nach spätestens zwei bis drei Tagen verkauft, ansonsten aber gleich aussortiert werden. Aber nicht jeder Marktleiter setzt das konsequent um. Die Handelskonzerne sehen es nicht gern, wenn Ware weggeworfen wird . „Pilze“, sagt auch Hein, „gehören eigentlich grundsätzlich ins Kühlregal.“

Nachdem die Pilzproblematik vom Handel jahrelang ignoriert worden ist, wollen Verbraucherschützer ihn nun zu Veränderungen zwingen. Sie fordern regelmäßige Kontrollen durch die Lebensmittelüberwachung und die Einführung eines Verbrauchsdatums für Frischpilze, wie es für Fleischprodukte vorgeschrieben ist.

„Verbraucher müssen erkennen können, bis wann sie Pilze sicher verzehren können“, sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern. Die Organisation plant nun einen runden Tisch mit Vertretern aus Politik und Handel. Mehr kann sie nicht tun – die Politik sieht keinen Handlungsbedarf.