Draconiden-Schauer

In der Nacht regnete es Sternschnuppen über Berlin

Es sollte Sterne regnen über Berlin: Astronomen erwarteten am Sonnabend bis zu 600 Sternschnuppen - pro Stunde. Verantwortlich für das Spektakel sind die "Darconiden". Und die sind erst wieder in 51 Jahren zu sehen.

Foto: dpa Picture-Alliance

Hätte die Erde einen Scheibenwischer, haätte man ihn am Sonnabend einschalten müssen. Der Globus raste durch die Ausläufer einer gewaltigen interplanetare Staubwolke: die „Draconiden“, die von ihrem „Ursprungskometen“ hinter sich hergezogen werden.

Mit ihm, einem zwei Kilometer starken Himmelsgeschoss mit dem Namen „21P/Giacobini-Zinner“, kamen wir nicht in Berührung. Wohl aber – jedenfalls unsere Atmosphärenhülle – mit vielen winzigen Partikeln jener Wolke. Sie verglühten durch die dabei entstehende Reibung bei 2500 Grad, und leuchteten dabei auf.

Den zentralen Bereich dieser Wolke passierte die Erde in einer Entfernung von nur 200.000 Kilometern, gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Entfernung zum Mond. Genügend Teilchen wurden daher von der irdischen Masse angezogen. sie gingen als dichter Schauer von Sternschnuppen nieder.

Die Astronomen rechneten mit bis zu 600 solchen rasenden Leuchtpunkten pro Stunde am nächtlichen Himmel, am meisten um etwa 22 Uhr in westnordwestlicher Richtung, ausgehend vom „Kopf“ des Sternbildes Drachen, etwas unterhalb des kleinen Bären.

Wolken und der recht volle Mond schränkten durch seine „Lichtverschmutzung“ am Himmel die Sicht jedoch ein.

Die Zeit von Spätsommer und Herbst ist die Hochsaison der Sternschnuppen. Bekanntere, regelmäßig wiederkehrende größere Ansammlungen haben ihren eigenen Namen, nach dem Sternbild, aus dem sie – scheinbar, von der Erde aus betrachtet – hervorströmen und über das Firmament jagen.

Im August kommen die Perseiden aus dem Sternbild des Perseus, im November die bekannteren Leoniden aus dem Löwen. Die Draconiden, die nun aus dem Drachen hervorströmen, sind eher unbekannt, weil sie nur sehr selten zu sehen sind – nicht etwa, weil ihre Himmelsshow weniger spektakulär wäre. Im Gegenteil.

Die zwei letzten großen Draconiden-Lichtspiele zählen zu den absoluten Höhepunkten in der Zeitgeschichte des Himmels. 1933 und 1946 fanden sie statt – fast könnte man meinen, als habe der Himmel eine finstere Epoche damit ausklammern wollen.

In beiden Jahren zählten die Astronomen an die 10.000 Sternschnuppen pro Stunde, also drei in jeder Sekunde. Kein menschengemachtes Feuerwerk könnte da mithalten. Damals traf die Erde in ihrem Lauf allerdings auch fast den Kern der Draconidenwolke, 1933 betrug die Entfernung 20.000 und 1946 sogar nur noch 6000 Kilometer, im Vergleich etwa zu den geostationären Satelliten in Höhe von 36.000 Kilometern fast zum greifen nah.

Hätte es zu jener Zeit schon solche künstliche Himmelskörper gegeben, so wären sie in akuter Gefahr gewesen. Und auch wenn es sich dieses Mal um die zehnfache Entfernung handelt, ist die Nasa dennoch in Sorge. Der Draconiden-Strom sei ein Risiko für erdnahe Objekte im All, heißt es in einer Stellungnahme der US-amerikanischen Raumfahrtagentur.

Die Draconiden zählen mit 21.000 Stundenkilometern zwar nicht zu den schnellsten Sternschnuppen, doch natürlich können sie Satelliten schwer beschädigen. Und sie sind nicht einfach zu berechnen. Immer wieder wird ihre Bahn um die Sonne von der immensen Masse des Jupiter abgelenkt.

Sie selbst allerdings üben auch eine geheimnisvoll anmutende Wirkmacht aus: Wir werden sie höchsten sehen und uns an ihnen ergötzen, die Astrophysiker indes stellen darüber hinaus fest, dass in etwa 90 Kilometer Höhe, jeweils in Richtung der Meteoritenströme, die Teilchenstrahlung in der Ionosphäre stark zunimmt.

Das Feuerwerk von 1933 und 1946 wird sich in dieser Intensität nicht wiederholen, doch die allermeisten der heutigen Zeitgenossen werden sich mit dem begnügen müssen, was Samstagabend dargeboten wird. Die nächsten großen Draconidenströme erwarten die Astronomen erst wieder für 2062 – und wenn es dann wolkig sein sollte, kommt die nächste Chance danach erst 2098.

Pünktlich zur Begegnung mit den Draconiden haben Kosmologen übrigens jetzt eine weitere Erkenntnis über die Kometenveröffentlicht. Das Weltraumteleskop Herschel hat auf einem Kometen eine Art von Wasser ausgemacht, das dem auf der Erde sehr ähnlich sein soll.

Daher vermuten sie, dass überhaupt das ganze Wasser, der Quell unseres Lebens, mit Kometen hergekommen sei. Einige wasserreiche Körper mit mehr als 1000 Kilometer Durchmesser würden da ausgereicht haben, meint Paul Hartogh, der den feuchten Boliden am Himmel fand.

Andere gehen ja seit längerem sowieso davon aus, dass sogar das Leben auf Kometen gekommen sei. Quasi als Sternschnuppe. Aber ohne zu verglühen.