Trotz anderer Regeln

Steinman bekommt Nobelpreis posthum verliehen

Der am Montag mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnete und bereits drei Tage zuvor verstorbene Forscher Ralph Steinman bekommt den Nobelpreis posthum zuerkannt. Das gab die Nobelstiftung am Montagabend bekannt.

Foto: University of California/Cardiff University/ENII

Obwohl der Nobelpreis laut Statuten nicht posthum verliehen werden kann, hat der kanadische Wissenschaftler Ralph Steinman, der drei Tage vor der Verleihung verstorben war, den Medizin-Nobelpreis zuerkannt bekommen. Steinman starb bereits am Freitag im Alter von 68 Jahren an den Folgen von Krebs, wie sein Arbeitgeber, die New Yorker Rockefeller-Universität, am Montag mitteilte. Er hatte demnach seit vier Jahren an Bauchspeichelkrebs gelitten.

Steinman aus Kanada war wenige Stunden zuvor gemeinsam mit dem Franzosen Jules A. Hoffmann sowie Bruce A. Beutler (USA) als Preisträger benannt worden.

Nobelpreisträger revolutionierten Wissen um Immunsystem

Die diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger haben Schlüsselprinzipien des Immunsystems aufgeklärt und damit die Grundlagen für Therapien gegen Aids und Krebs gelegt. Der US-Amerikaner Bruce Beutler und der Franzose Jules Hoffmann bekommen eine Hälfte des Preisgelds für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada habe Zellen entdeckt, die das im Laufe des Lebens erworbene Immunsystem aktivieren, teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

„Die drei Nobelpreisträger haben uns vor allem völlig neue Werkzeuge zur Entwicklung maßgeschneiderter Impfstoffe an die Hand gegeben. Die komplette Impfstoffindustrie auf der Welt hat wohl ihre Erkenntnisse verarbeitet“, sagte der Vizechef des Medizin-Nobelkomitees am Stockholmer Karolinska-Institut, Urban Lendahl. „Außerdem gibt es natürlich alle möglichen anderen praktischen Konsequenzen, zum Beispiel bei der Krebsbekämpfung.“

Das Abwehrsystem des Menschen hat zwei Verteidigungsringe: Das angeborene Immunsystem kann eindringende Erreger zerstören und weitere Reaktionen im Körper hervorrufen, die den Angriff abwehren. Wenn die Keime diesen Ring jedoch durchbrechen, tritt das erworbene Immunsystem in Aktion: Seine Truppe enthält sogenannte B-Zellen und T-Zellen, die spezifische Antikörper produzieren, sowie Killerzellen, die bereits infizierte Körperzellen zerstören sollen. Nach dem Kampf behält das erworbene Immunsystem die Eindringlinge im Gedächtnis, so dass es beim nächsten Angriff derselben schneller reagieren kann.

Einige Grundlagen des Immunsystems waren schon verstanden und mit Nobelpreisen gewürdigt worden, als Hoffmann im Jahr 1996 Gene der Fruchtfliege untersuchte und das Gen namens Toll entdeckte. Es wird zur Abwehr von Eindringlingen angeschaltet. Daraufhin entsteht das Toll-Eiweiß, das Krankheitserreger erkennt und das angeborene Immunsystem alarmiert. Fliegen ohne Toll-Gen starben nach jeder Infektion. Der heute 53 Jahre alte Beutler, der an verschiedenen US-Universitäten forschte, entdeckte ein ähnliches Eiweiß in Mäusen und damit Säugetieren, das ebenfalls das angeborene Immunsystem aktiviert. Heute sind viele Toll-ähnliche Proteine bekannt.

Ralph Steinman, der 1943 in Montréal geboren wurde und an der Rockefeller Universität in New York forscht, hatte bereits 1973 einen neuen Zelltyp entdeckt, die sogenannten dendritischen Zellen. Sie präsentieren den T-Zellen Bruchstücke der Eindringlinge. Daraufhin erkennen die T-Zellen die Keime und greifen sie spezifisch an.

„Die diesjährigen Nobelpreisträger haben unser Verständnis vom Immunsystem revolutioniert, indem sie Schlüsselprinzipien für seine Aktivierung entdeckten“, schreibt das Karolinska-Institut. Die Erkenntnisse sind nach Angaben der Nobel-Jury in vieler Hinsicht nützlich: Es könnten bessere Impfstoffe entwickelt werde. Es gibt Versuche, das Immunsystem direkt gegen Krebszellen zu richten, und sie spielen bei der Forschung zu Autoimmunkrankheiten eine Rolle, wenn das Abwehrsystem den eigenen Körper angreift.

„Ich glaube, dass die Wahl des Nobelkomitees eine glückliche ist“, meinte Thomas Boehm vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg. „Die Entdeckung der dendritischen Zellen als zentralem Zelltyp der Aktivierung des Immunsystems ist schon seit 20, 30 Jahren als wesentliche Erkenntnis in der Immunologie anerkannt.“

„Mit dem Nobelpreis werden hier große Durchbrüche im Bereich der Immunologie gewürdigt“, sagte der Präsident der Akademie Leopoldina, Jörg Hacker. Er freue sich, dass mit Jules Hoffmann, der auch einmal an der Universität Marburg geforscht hat, ein aktives Leopoldina-Mitglied unter den Preisträgern sei. Zudem hatten alle drei Forscher schon eine Auszeichnung der Humboldt-Stiftung erhalten.

Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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