Das Rätselraten um die eine Stunde

Winterzeit für Dummies

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Alle Jahre wieder wird im Herbst von der Sommer- auf die Winterzeit umgeschaltet. Und alle Jahre wieder fragt sich ganz Deutschland, ob es jetzt eine Stunde länger oder weniger schlafen kann und ob sich dieses Zeit-Wirrwarr überhaupt irgendwie lohnt. Morgenpost Online hat Antworten auf diese Fragen, denn am Sonntag ist es wieder so weit.

In der Nacht zum Sonntag beginnt in Deutschland die Winterzeit: Um drei Uhr morgens werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt – und zwar auf Normalzeit. Während sich die einen über eine Stunde mehr Schlaf freuen, macht anderen der Zeitwechsel zu schaffen. Seit Einführung der Zeitumstellung in Deutschland im Jahr 1980 wird regelmäßig über ihre Abschaffung diskutiert. Die ursprünglich mit der Umstellung verbundene Absicht, das Tageslicht besser zu nutzen und Energie zu sparen, hat sich nach Ansicht von Experten nicht erfüllt.

Die Energiewirtschaft hat daher gefordert, die Zeitumstellung abzuschaffen. Seit Jahren könne kaum eine Sparwirkung durch den Dreh am Uhrzeiger nachgewiesen werden, erklärte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Donnerstag in Berlin. BDEW-Vorsitzende Hildegard Müller erklärte, eines der wichtigsten Argumente für die Einführung der Sommerzeit sei gewesen, das Tageslicht besser zu nutzen, um Energie zu sparen. „Dieses Argument hat sich aber als nicht stichhaltig erwiesen.“

Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wird zwar an hellen Sommerabenden weniger Strom für Licht verbraucht. Dafür werde aber mehr Strom bei der abendlichen Freizeitgestaltung – etwa durch erhöhten Fernsehkonsum - benötigt.

Überflüssige Umstellung

Auch die Mehrheit der Deutschen hält die Zeitumstellung für überflüssig. Zwei Drittel kann dem laut einer aktuellen Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) nichts Positives abgewinnen. Ausgenommen die jüngeren Leute: 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen freuen sich immerhin über die zusätzliche Mütze Schlaf am Sonntag.

Bei empfindlichen Menschen gerät durch die Zeitumstellung jedoch der Biorhythmus durcheinander. Laut der Umfrage macht vor allem Berufstätigen zwischen 30 und 59 Jahren die Umstellung zu schaffen. Auch geben Frauen deutlich häufiger als Männer an, darunter zu leiden. Sie kämpfen mit Müdigkeit und Schlafstörungen, sind gereizt und unkonzentriert. Womöglich geben Männer aber nur ungern zu, dass sie ebenfalls sensibel auf die Umstellung reagieren.

Auch jedes zweite Kind unter drei Jahren und jeder dritte Vier- bis Sechsjährige ist nach der Zeitumstellung tagelang quengelig und müde oder hat Schlafstörungen, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2009 zeigte. Auch an jedem vierten Schulkind ging der Zeitwechsel nicht spurlos vorüber.

In der Regel braucht der Körper einige Tage, um sich an die neue Uhrzeit zu gewöhnen, wobei den meisten die Umstellung auf die Winterzeit leichter fällt als der Wechsel zur Sommerzeit. Dabei wird die Uhr Ende März um eine Stunde vorgestellt, dass heißt, es fehlt eine Stunde Schlaf. Um besser in den neuen Rhythmus zu kommen, empfehlen Experten, auf die innere Uhr zu hören und am Sonntag nun nicht krampfhaft eine Stunde länger zu schlafen.

Technisch funktioniert alles

Besitzer einer Funkuhr werden am Montag auf jeden Fall zur rechten Zeit geweckt, also nicht eine Stunde zu früh aus dem Bett gescheucht. Der Sender in Maiflingen bei Frankfurt wurde bereits programmiert. Dieser strahlt Zeitsignale an alle öffentlichen und privaten Funkuhren, an die Steuertechnik von Kraftwerken und Umspannwerken, Anlagen der Flugsicherung, rund 50.000 Ampelanlagen und an die Bahn.

Technisch funktioniert hingegen alles reibungslos: Taktgeber für den Wechsel von Sommer- zu Winterzeit ist in Deutschland die Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Über einen Sender werden die Signale übertragen, durch die sich die Funkuhren automatisch an die Zeitumstellung anpassen.

Auch bei der Bahn ist die Zeitumstellung Routine: Die rund 40 Nachtzüge halten in der Nacht auf Sonntag an einem Bahnhof entlang der Reisestrecke, um morgens nicht eine Stunde zu früh an ihrem Ziel anzukommen. S-Bahnen, die in Ballungsgebieten am Wochenende bis spät in die Nacht verkehren, sind nicht betroffen und fahren ohne Unterbrechung.

Die Bundesrepublik war – neben Dänemark – 1980 das letzte Land der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG), das sich der in Italien und Frankreich schon seit 1966 und 1967 geltenden Regelung anpasste.

Russland schafft die Zeitumstellung ab

„Ewige Sommerzeit“ in Russland: Erstmals stellt das größte Land der Erde in der Nacht zu diesem Sonntag nicht wie das übrige Europa die Uhren um eine Stunde zurück. Auf Anordnung von Kremlchef Dmitri Medwedew schafft das Riesenreich die Winterzeit ab. Dies bedeute weniger Stress für Mensch und Tier, begründete Medwedew seine bereits im Februar beschlossene Initiative. Nun ist etwa die Hauptstadt Moskau Deutschland bis Ende März drei statt bislang zwei Stunden voraus. Aufgrund des größeren Zeitunterschieds zu ihren westlichen Handelspartnern befürchten Firmen Verluste. Reiseunternehmen warnen vor Folgen für den Tourismus.

Wissenschaftler applaudierten dem russische Präsidenten: Denn der halbjährliche Wechsel von Sommer- auf Winterzeit spare keine Energie ein. Vielmehr werde nun die Zahl der „Tageslichtstunden“ von 7 auf 17 Prozent steigen, rechnete der Kreml aus. Auch medizinisch lohne sich der Schritt: So erwarten Ärzte wegen der längeren Helligkeit angeblich weniger Selbstmorde. Kritiker warnen dagegen, dass es vor allem in nördlichen Regionen deutlich länger dunkel bleibe.

Auch andere Ex-Sowjetrepubliken diskutierten ein Ende der Winterzeit. Zu einem richtigen Zeitenwirrwarr kam es in der Ukraine: Nur wenige Tage, nachdem das Parlament sich auf die Abschaffung geeinigt hatte, stimmte dasselbe Gremium doch wieder für die Beibehaltung. Letztlich hatten sich Regionen an der Grenze zur Europäischen Union durchgesetzt, die enge Beziehungen zu ihren westlichen Partnern haben und um ihre Einnahmen fürchteten.

( AFP/dpa/nbo )