Überforderte Tierheime

Kastrationspflicht soll Katzenplage eindämmen

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In Deutschland führen immer mehr Städte eine Kastrationspflicht gegen die Katzenplage ein: Wer sich weigert, muss mit einem hohen Bußgeld rechnen.

Verwilderte Katzen belagern Parks und Spielplätze, Tierheime platzen aus allen Nähten: Viele Städte haben aus diesem Grund bereits eine Kastrationspflicht für Katzen eingeführt. So gibt es seit diesem Jahr beispielsweise in Verden und Hildesheim die Vorschrift für Besitzer, ihre Tiere kastrieren zu lassen. Außerdem müssen Katzen hier einen Chip tragen, so dass Fund-Tiere zugeordnet werden können.

“Bei uns ist die Kastrationspflicht für freilaufende Katzen einstimmig im Rat entschieden worden“, sagte Hildesheims Stadtsprecherin Marion Dobias. Der Grund war „ein Aufschrei des Tierheims“, das die vielen Fund-Katzen nicht mehr unterbringen konnte. 2010 hat das Hildesheimer Tierheim mehr als 700 Katzen aufgenommen und kastriert, darunter viele kranke Jungtiere. Zuvor waren bereits rund 600 Katzen jährlich abgegeben worden.

In Verden gibt es seit Mitte Februar eine Kastrationspflicht für alle Katzen, die draußen herumlaufen dürfen. Außerdem müssen die Miezen einen Chip tragen, auf dem die Daten der Besitzer und der Kastration gespeichert sind. „Die Anzahl der gefundenen Katzen ist deutlich nach oben gegangen“, begründete der stellvertretende Fachbereichsleiter des Ordnungsamtes, Rolf Schwirz, den Schritt. Das Tierheim sei dadurch an seine Grenzen gestoßen.

In den ersten drei Wochen nach der Einführung der neuen Verordnung hat die Stadt den Tierhaltern noch einen kleinen Zuschuss zu dem Eingriff gezahlt: 20 Euro für die Katze, 10 Euro für den Kater. Die Kosten für Operation und Chip belaufen sich nach Angaben von Schwirz allerdings auf 120 Euro für die Katze und 60 Euro für den Kater.

Ob sich die Katzenbesitzer an das neue Gesetz halten, will Verden demnächst stichprobenartig kontrollieren. Wer sich weigert, muss mit einem Bußgeld von bis zu 5000 Euro rechnen. Widerstände habe es bisher nicht gegeben, sagte Schwirz. Trotzdem ist er skeptisch, dass die streunenden Tiere damit komplett verschwinden.

„Das Problem ist: Katzen machen natürlich nicht an den Stadtgrenzen halt.“ Und in den Nachbargemeinden gibt es bislang keine Kastrationspflicht. In der Stadt Delmenhorst trat die Katzen-Verordnung bereits im August 2010 in Kraft.

Die Befürworter der Katzen-Kastration finden sich in allen politischen Parteien. In Salzgitter wird sie voraussichtlich Ende März im Rat entschieden. Grundlage sei ein Ratsantrag der Fraktion Bündnis 90/LAS, sagte Stadtsprecher Norbert Uhde.

Der Veterinär Prof. Hansjoachim Hackbarth von der Tierärztlichen Hochschule Hannover geht noch einen Schritt weiter: „Ich bin für eine Kastrationspflicht und für eine Chippflicht für alle Katzen.“ Selbst einen Katzenführerschein, also einen Sachkunde-Nachweis vor dem Erwerb einer Katze, hält der Experte für sinnvoll.

„Ich möchte nicht wissen, wie viele Unfälle von über die Straße laufenden Katzen verursacht werden“, sagte der Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten der TiHo. Wenn Katzen einen Chip tragen müssten, könnten in solchen Fällen zumindest die Besitzer ermittelt werden. Dann übernehme deren Haftpflichtversicherung den Schaden.

„Wenn wir in Deutschland ein Problem mit streunenden Tieren haben, dann sind das Katzen“, sagte Hackbarth. In vielen Fällen werden vermisste Tiere angefahren, erholen sich von ihren Verletzungen, aber finden nicht mehr nach Hause. „Sie verwildern und vermehren sich unkontrolliert.“

Die Raubtiere auf Samtpfoten richten zwar keine Riesenschäden an, aber sie gehören nicht ins Biotop. „Wenn ein Hund in den Wald läuft und ein Rehkitz reißt, sagen wir doch auch nicht: Fein, brav gemacht! Wenn die Katze eine Maus anschleppt, wird gelobt.“ Das Leben der verwilderten Katzen sei alles andere als lustig. „Sie leiden, und es wird nicht besser, wenn irgendeine mildtätige Frau ihnen Futter bringt.“

Katzen benötigten kaum Auslauf. Eine artgerechte Haltung sei in der Wohnung oder mit wenigen Ausflügen in den eigenen Garten möglich. „Deshalb heißen Katzen ja Stubentiger.“

Das größte Problem sind nach Ansicht des Tiermediziners aber nicht die in ihrer nahen Umgebung jagenden Bauernhofkatzen, sondern „gelangweilte Stadtkatzen“. „Die laufen kilometerweit bis in den nächsten Wald, wo sie nichts zu suchen haben und sie schlimmstenfalls der Jäger abknallt.“

In Deutschland leben nach der Statistik des Industrieverbands Heimtierbedarf 8,2 Millionen Katzen. Eine Kastrationspflicht für alle Katzen führte als erste Kommune Paderborn (Nordrhein-Westfalen) ein, zahlreiche weitere Städte folgten.