Bangladesch

Elefanten haben Menschen den Krieg erklärt

Gnadenloser Kampf um Nahrung und Lebensraum: In Bangladesch berichten immer mehr Dorfbewohner von gefährlichen Angriffen durch Elefanten.

Foto: picture-alliance / Helga Lade Fo / pa

Der Elefant schwang seinen Rüssel, packte den schreienden, strampelnden Mann und schleppte ihn in den Wald. Einige Stunden später wurde die verstümmelte Leiche des fünffachen Vaters gefunden. Der Bangladescher starb, als er mit anderen Dorfbewohnern die Felder gegen wilde Elefanten verteidigen wollte.

Seine Frau Parul Chambu Gong wurde Augenzeugin der Tragödie vor vier Jahren: „Der Elefant war so groß, dass ich mich nicht in seine Nähe getraut habe, er hat ihn vor meinen Augen in den Wald gezerrt. Er brüllte“, sagt die 40-Jährige im Dorf Andharupara im Norden Bangladeschs. „Sie zertrampeln Reisfelder, Obstbäume, fressen die Ernte von den Feldern, zerstören Häuser und richten Verwüstungen an.“ In dem Krieg zwischen Mensch und Tier um Nahrung und Lebensraum steigt die Zahl der Opfer jährlich an.

Das Dorf im Bezirk Sherpur grenzt an den indischen Bundesstaat Meghalaya und liegt damit in einem der wichtigsten Migrationskorridore für wilde Elefanten. Die Zahl der Asiatischen oder Indischen Elefanten in freier Wildbahn schätzt die Weltnaturschutzunion (IUCN) auf 227 in Bangladesch. Etwa 100 weitere wandern jedes Jahr durch das Land, vor allem durch den Norden und Nordosten. Da Bangladesch eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt ist, wird auch in bisher unberührten Gegenden gebaut. An der bewaldeten Grenze zu Indien sind Hunderte Dörfer entstanden.

Die Einwohner laufen während der Erntezeit nachts Patrouille, um die Herden von den Reisfeldern und Obstplantagen zu vertreiben. Mit Petroleumlampen, Knallkörpern und Trommeln verjagen sie die grauen Riesen, die tagsüber in den Wäldern bleiben und in der Dunkelheit an die Dörfer herankommen. Doch anstatt zu flüchten, werden die Dickhäuter zunehmend aggressiv: „Ich habe gesehen, wie ein Elefant mit seinem Rüssel einem Mann die Fackel aus der Hand gerissen hat. Dann schleuderte er sie auf ein Haus und setzte es damit in Brand“, erzählt die 51-jährige Luise Neng Minja.

Den Vorsitzenden des Wildlife Trust of Bangladesh, Anwarul Islam, überrascht dies nicht: „Sie können sich nicht vorstellen, wie intelligent Elefanten sind. Sie lernen schnell, was die Menschen vorhaben und wie sie es vereiteln können. Sie haben Hunger, also trotzen sie der Verteidigung der Dorfbewohner und greifen sie an, um Getreide und Früchte zu fressen.“

In Bangladesch wurden nach einer IUCN-Studie von 2004 im Jahr 2001/2002 39 Menschen von Elefanten getötet und sieben Elefanten von Menschen. Nach Angaben des Wildtier-Forschers Mochsinussaman Schaudhury ist das Verhalten der Elefanten die natürliche Reaktion auf die Reduzierung ihres Lebensraumes.

„Zäune über weite Strecken der Grenze haben die Bewegungen der Elefanten ernsthaft gestört und damit eine akute Nahrungskrise ausgelöst“, sagt er. Auch die fortschreitende Abholzung der Wälder sei problematisch. „Eine Lösung zu finden wird schwierig.“ Die Regierung von Bangladesch hat bisher lediglich eine Sensibilisierungskampagne gestartet, wie der Naturschutzbeauftragte Tapan Kumar Dey mitteilt. „Aber sonst bleibt noch viel zu tun.“

Das Problem besteht nicht nur in Bangladesch: In Sri Lanka hat der Krieg zwischen Elefant und Mensch im vergangenen Jahr 50 Menschen und 228 Elefanten das Leben gekostet. Dort gibt es 4000 im ganzen Land.