"Odyssey Dawn"

Warum Militärs ihren Kriegen Namen geben

"Barbarossa" oder "Feuerzauber": Seit jeher tragen militärische Operationen Namen. Die Namen des Schlags gegen Libyen offenbaren Unsicherheit.

Wieder ziehen Europäer in den Krieg und wieder gehorcht er offenbar den gleichen Gesetzen wie zu jenen Zeiten, als wandernde Horden übereinander herfielen, lange bevor es Staaten gab. Auch im Hightech-Zeitalter, in dem Waffen von Computern gesteuert werden, versuchen Menschen, das mögliche Opfer der eigenen Existenz in Worte zu fassen. Das Wort, griechisch Logos, gibt einen Sinn, selbst wenn er so banal ist wie jener Satz am Anfang des letzten Tages an den Thermopylen 480 v. Chr.: Antreten zum Frühstück, Abendessen in der Hölle.

Das nennt man den lakonischen Umgang im Angesicht des Todes, der den Spartanern des Leonidas sicher war. Doch da den meisten Soldaten auch heute noch derartiger pragmatischer Fatalismus fremd ist, geben die Kriegsherren und ihre militärischen Führer ihren Unternehmungen pathetischere Namen. „Operation Iraqi Freedom“ (Unternehmen irakische Freiheit) etwa nannten die USA und Großbritannien den Angriff auf den Irak 2003 im dritten Golfkrieg. In die „Operation Enduring Freedom“ (Unternehmen dauerhafte Freiheit) wurden die Soldaten westlicher Staaten geschickt, die nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 die Zentralen der Al Kaida in Afghanistan zerschlagen sollten. Das Versprechen „dauerhafter Freiheit“ ist in der Tat ein Ziel, das Menschen bewegen kann, ihr Leben in die Wagschale zu werfen.

Empfindungen von "weit her"

In der visionären deutschen Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille“ in den Sechzigern fällt angesichts der Invasion der außerirdischen Frogs der berühmte Satz: „Plan Dx 17 ,Rettet die Erde‘“. In ihm bündelt sich noch einmal die Dialektik moderner Militärführung: Es gibt einen streng gehüteten Plan, der als Code daher kommt. Und es gibt das Pathos des Worts, das die bürokratische Formel in einen griffigen Slogan übersetzt, zu dessen Takt Menschen bereit sind, dem Tod ins Auge zu sehen – an der Front und in der Heimat.

„Heilige Schauer“, „Opfer“, „Gemeinschaft“, die „Magie der Fahnen“ sah Stefan Zweig im August 1914, als das alte Europa sich in die Katastrophe des Weltkriegs stürzte. Es waren Empfindungen von „weit her“, die sich in wenigen Worten manifestierten, denen schon Stammeskrieger und Königsritter gefolgt waren, wenn sie zum Sturm antraten.

Die Odyssee überlebt am Ende nur einer

Umso erstaunlicher sind die Worte, zu denen jetzt Amerikaner und Europäer in Libyen in den Krieg ziehen: „Odyssey Dawn“ (Odyssee Morgendämmerung) nennen die US-Strategen die Operation, „Harmattan“ (Heißer, trockener Wüstenwind) die Franzosen. „Morgendämmerung“ der arabischen Demokratie mag ja noch angehen, aber Odyssee? Das war bekanntlich eine zehnjährige Irrfahrt, an deren Ende der Held, der als einziger die Reise überlebt, die Freier seiner Frau abschlachtet. Es darf gefragt werden, ob irgendeiner der beteiligten Soldaten diesen Kriegsruf versteht. Die Ikonografie des Wüstenwinds mag da einleuchtender erscheinen. Mitreißender ist sie kaum.

Da waren die Kriegszüge nach dem „Ende der Geschichte“ Anfang der Neunziger schon von anderen Dimensionen. „Operation Desert Shield“ (Unternehmen Wüstenschild) hieß der Aufmarsch der Alliierten 1991 nach der Invasion des Iraks in Kuweit. „Operation Desert Storm“ (Unternehmen Wüstensturm) vernichtete anschließend innerhalb weniger Tage Saddam Husseins Truppen. Das waren klare Botschaften, die den Sinn in militärisch knappe Worte fassten.

Das gilt auch für die Bezeichnung einer der geschichtsmächtigsten militärischen Operationen: „Barbarossa“. Der Name, unter dem am 22. Juni 1941 deutsche Soldaten loszogen, um die Sowjetunion zu vernichten, appellierte an die Erinnerung an einen berühmten Kaiser des Mittelalters, der den Zeitgenossen als Wahrer des Landes und Symbol der Einheit galt und der schon einmal sein Reich vor Angriffen aus dem Osten gerettet haben sollte. Mit der Wahl des Namens suchten die Nazis ihrem Tun einen populären Sinn zu geben.

Der Name des Gegenprojekts auf alliierter Seite speist sich aus der anderen Seite militärischen Denkens: „Manhattan-Projekt“ tarnte die Entwicklung der amerikanischen Atombombe, die zum Fundament der Weltmacht wurde. „Little Boy“, die Bombe, die Hiroshima traf, nahm das Thema auf: Es ging darum, die Wahrheit von der ultimativen Waffe bis zuletzt zu verschleiern. Niemand sollte davon wissen, niemand musste mit einem tönernen Namen in die Schlacht getrieben werden.

Hitler schenkte Franco Wagners "Feuerzauber"

Die Neigung der Militärs, mit nichtssagenden Begriffen ihre Pläne zu kaschieren, bereitete der Niederlage Japans im Pazifik den Weg. In dem Plan, mit dem 1942 die Reste der US-Pazifik-Flotte ausgeschaltet werden sollten, spielte „AF“ eine zentrale Rolle. Die Amerikaner konzentrierten sich auf seine Entschlüsselung und entdeckten die Insel Midway. Dort erwarteten sie die sich in Sicherheit wiegenden Japaner und versenkten vier ihrer Flugzeugträger.

Es steht für das Essenzielle des Sprach-Totems, dass die militärischen Führer, weiterhin an klangvollen Begriffen festhalten. „Feuerzauber“ wird ein Zwischenspiel in Richard Wagners „Siegfried“ genannt. Nachdem Hitler es 1936 in Bayreuth gehört hatte, wurden ihm noch in der Nacht Emissäre des Generals Franco vorgeführt, die den Diktator um Waffen und Transportmittel für die spanischen Putschisten baten. Noch von der Musik berauscht, soll Hitler Staffeln von Transportern, Kampfflugzeugen und Präzisionsgeschützen bereit gestellt haben: Codename „Feuerzauber“. Daraus erwuchs die „Legion Condor“.

Der "Feuerzauber" von Mogadischu

Als sich das GSG-9-Kommando der deutschen Bundespolizei im Oktober 1977 auf die Befreiung der Menschen in der „Landshut“ der Lufthansa vorbereitete, folgte es auch einem Plan dieses Namens. Nach sieben Minuten „Feuerzauber“ waren die Geiseln in Mogadischu befreit und die Terroristen ausgeschaltet. Die Namensgleichheit war sicherlich nicht beabsichtigt, sondern sie zeigt nur, dass auch gänzlich anders geartete Führungen zu gleichen Ergebnissen kommen können.

Auch Namen können Kriege entscheiden. „Odyssee Morgendämmerung“ wirkt auf den ersten Blick allerdings nicht so, als würde er in diese Kategorie gehören.