Säuglingssterben

Was man über den plötzlichen Kindstod weiß

230 Kinder sterben jedes Jahr in Deutschland am plötzlichen Säuglingstod: Auch nach zwei Jahrzehnten Forschung sind Ursachen und Auslöser weitgehend unbekannt.

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Wenn ein Kleinkind am Morgen nicht erwacht und tot in seinem Bett liegt, ist das ebenso grausam für die Eltern, wie es ihnen rätselhaft bleibt. Denn wirklich verstehen kann man den plötzlichen Kindstod nicht, er ist auch für Mediziner immer noch geheimnisvoll. Am Wochenende ist in Starnberg bei München ein Fall bekannt geworden: Dort starb der acht Monate alte Sohn Paul-Luca des Schauspielers Hardy Krüger junior und seiner österreichischen Frau Kathi.

Es gehört regelrecht zur Definition des plötzlichen Kindstodes, dass der hinzugerufene Kinderarzt oder ein Rechtsmediziner bei der Obduktion im Dunkeln tappt und keine Ursache für den Tod finden kann.

Ratlosigkeit ist die Basis, es herrscht das Ausschlussprinzip: Das Kind starb nicht an einer Infektion, nicht an einer Fehlbildung, an keiner Stoffwechselkrankheit und keiner Verletzung. Das tödliche Syndrom fällt scheinbar wahllos und unvorhersehbar ins Kinderbett. Für die Forscher unter den Pädiatern ist und bleibt dieses Rätselhafte eine Herausforderung.

Mehr Jungen als Mädchen betroffen

Etwa 230 Mal pro Jahr stirbt hierzulande ein Kind auf diese Weise. Damit ist der plötzliche Säuglingstod im Anschluss an die Neugeborenenphase, also ab dem 9. Lebenstag, die häufigste Todesursache im Kindesalter, sie betrifft knapp drei von 10.000 Geborenen. Bei gut jedem vierten bis zum ersten Geburtstag gestorbenen Kind diagnostiziert ein Arzt das „SIDS“, wie es im internationalen Medizinerjargon abgekürzt heißt („Sudden Infant Death Syndrome“, Syndrom des plötzlichen Kleinkindtodes).

Der kleine Paul-Luca Krüger ist acht Monate alt geworden. Am häufigsten trifft es aber Kinder zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat, auf die Zeit nach dem ersten Lebensjahr entfallen nur rund fünf Prozent der Todesfälle. Es sind mehr Jungen als Mädchen betroffen, das Verhältnis ist etwa 60 zu 40.

Wenn Mediziner auch keine Ursache und keinen klaren Auslöser benennen können, so hat die Forschung doch einige Risikofaktoren entdeckt. Die Epidemiologen, die sich mit den Ursachen und der Verbreitung von Krankheiten befassen, fanden als Umstände, die den Säuglingstod begünstigen können, vor allem das Schlafen in Bauchlage, zu warme Schlafkleidung und zu dicke oder zu große Bettdecken.

Schlechte Sauerstoffzufuhr

Offenbar sind eine schlechte Sauerstoffzufuhr und zu viel Wärme eine Gefahr. Es gibt mehr Fälle im Winter als im Sommer; möglicherweise ist also eine übertriebene Angst vor der Unterkühlung des Kindes ein Risiko. Eine Gefahr ist auch das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft und in den Monaten nach der Geburt. Zudem sind Frühchen stärker gefährdet sowie generell Kinder, die bei der Geburt besonders leicht waren.

Diese Risikofaktoren erklären nicht alle Fälle, aber Häufungen. Eine Theorie besagt, dass Krankheiten und Umstände zusammenkommen müssen, die für sich genommen ungefährlich sind. „Der Tod tritt nur ein, wenn mehrere Bedingungen zusammentreffen“, schreiben Forscher um den Rechtsmediziner Thomas Bajanowski von der Uni Duisburg-Essen im Deutschen Ärzteblatt. „So ist vorstellbar, dass eine äußere Belastung, zum Beispiel eine Bauchlage, SIDS auslösen kann, wenn sie auf ein anfälliges Kind trifft, das sich in einer kritischen Phase seiner Entwicklung befindet.“

Die Forscher wissen ein wenig aus der Beobachtung von gefährdeten Kindern mit einer sogenannten Heimmonitorüberwachung. Aus ihren Untersuchungen schlossen sie, dass an SIDS sterbende Säuglinge nicht genügend Sauerstoff bekommen, und ihr Herzschlag sich daraufhin stark verlangsamt. Dann beginnt eine lebensbedrohliche „Schnappatmung“ – einzelne kräftige Atemzüge, gefolgt von langen Pausen.

Vegetatives Nervensystem leidet

Eigentlich sollte das Kind in so einer Situation aufwachen, sich drehen und sich „selbst wiederbeleben“. Möglicherweise spielt hier eine Störung im Haushalt des Hirnbotenstoffs Serotonin eine Rolle. Die Forscher vermuten, dass der Transport von Serotonin durch die Membranen von Hirnzellen nicht richtig funktioniert – eine Genveränderung setzt den Transportmechanismus des Botenstoffs außer Kraft. Letztlich leide deshalb das vegetative Nervensystem, das unter anderem Herzschlag und Atmung reguliert.

Aus ihren Erfahrungen haben Mediziner immerhin eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen ableiten können. Sie empfehlen vor allem, dafür zu sorgen, dass das Baby genügend Luft und nicht zu viel Wärme bekommt. Die Matratze sollte luftdurchlässig und fest sein, die Temperatur im Zimmer bei 16 bis 18 Grad liegen.

Ärzte raten von Bettdecken ab, das Kind liegt besser in einem Schlafsack und hat kein Mützchen auf. Alles, was Mund und Nase bedecken und Luft zum Atmen nehmen könnte, gehört demnach aus dem Kinderbett verbannt, also etwa zusätzliche Decken, Stofftiere oder Felle.

Rauchen schadet, Stillen nützt

Im Haushalt sollte niemand rauchen. Außerdem schützt das Stillen. Die Statistik zeigt auch, dass Kinder im ersten Jahr im Schlafzimmer der Eltern besser aufgehoben sind als in einem eigenen Zimmer. Ob es im Bett der Eltern liegen sollte, darüber sind sich die Wissenschaftler uneins.

Eine schottische Studie kam zu dem Ergebnis, dass sie im ersten Vierteljahr im elterlichen Bett gefährdeter sind als im eigenen Bett, andere Forscher sehen kein erhöhtes Risiko. Zunehmend setzt sich die Sicht durch: Säuglinge brauchen ein eigenes Bett – im ersten Jahr steht es am besten bei den Eltern. Vielleicht ist ab der vierten Lebenswoche auch ein Schnuller ein Schutz, berichtet der kalifornische Forscher De-Kun Li im British Medical Journal.

Mehr Vorsorge kann (und soll) man nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens nicht betreiben, sagen Epidemiologen. Manche Versuche, das Kind zu schützen, seien wirkungslos oder sogar gefährlich. Besonders „Schlafpositionierer“ gehören dazu. Die wurden dazu ersonnen, das Baby in der Rückenlage zu halten und daran zu hindern, sich in die risikoreiche Bauchposition zu drehen.

Unnatürliche Todesursache selten

Aber eine Untersuchung der amerikanischen medizinischen Zulassungsbehörde FDA ergab, dass zwölf Kinder nachts in solchen Spezialkissen starben, Dutzende weitere Babys wurden von den Eltern in gefährlichen Positionen im oder neben dem Spezialkissen gefunden. Die FDA warnt seither vor ihnen. Dass sie mehr Kinder vor dem Tod bewahren als sie gefährden, sei nicht bewiesen. Keine ausgesprochene Gefahr, aber auch keinen Nutzen bringen Bewegungsmelder und Herz- und Atem-Kontrollgeräte – es sei denn, das Kind gilt schon als gefährdet.

Schwierig wird es für Ärzte, die zu einem plötzlich gestorbenen und zuvor (vermeintlich) gesunden Kind kommen und der Todesursache mit einer Obduktion auf den Grund gehen wollen. Eine Leichenöffnung belastet die Eltern zum einen schwer. Sie bekommen aber auch den Eindruck, der Arzt vermute eine unnatürliche Todesursache – sprich: eine Kindstötung.

Zurzeit wird etwa jedes zweite am plötzlichen Kindstod gestorbene Baby obduziert. Das kann eine unbekannte Todesursache zutage fördern – dann ist es per definitionem kein SIDS mehr. Eine Studie von Forschern um Martina Findeisen von der Universität Münster im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums im Jahr 2004 mit 483 toten Säuglingen fand nach Obduktionen aber zusätzlich, dass 14 von ihnen, also 2,9 Prozent, getötet worden waren. Das eigene Kind zu ersticken, ist also eine rare Ausnahme, die meisten der leidgeplagten Eltern haben keinerlei Grund, bei sich selbst die Schuld zu suchen.

Nur noch ein Siebtel

Immerhin: Nach 20 Jahren Forschung und Aufklärung zeigt sich, dass Kinderärzte ihr gewonnenes Wissen über die richtige Vorbeugung erfolgreich an die Eltern weitergeben. Während die Statistik für das Jahr 1990 noch knapp 1300 gestorbene Kleinkinder auswies, waren es im Jahr 2005 nur noch 323 Fälle, derzeit sterben in Deutschland um 230 Kinder pro Jahr an dem alles in allem noch geheimnisvollen Syndrom.

Gegenüber 1990 ist das nur noch etwa ein Siebtel. Vor allem die Häufung während der Wintermonate hat stark abgenommen. Das lässt vermuten, dass Eltern ihre Babys jetzt nicht mehr so sehr mit zu dicken und zu warmen Bettdecken überversorgen. In anderen Ländern, wo die Gesundheitsbehörden Infokampagnen im Fernsehen lancierten, sanken die Zahlen sogar noch deutlicher. So waren es in den Niederlanden im Jahr 2004 nur ein Zehntel der Fälle verglichen mit 1987. Wissen kann Leben retten.