Radioaktive Strahlung

Experte wirft Japan gezielte Fehlinformation vor

Wird die Öffentlichkeit bewusst über die radioaktive Belastung in Japan getäuscht? Ein deutscher Strahlenbiologe kritisiert den Mangel an verlässlichen Messungen.

Foto: pa

Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder wirft den Verantwortlichen in Japan gezielte Falschinformation vor. Er habe den Eindruck, „dass hier die Öffentlichkeit - und dann auch die westliche Öffentlichkeit - nicht angemessen und nicht wahrheitsgemäß unterrichtet wird“, sagte der Leiter des Münchner Otto-Hug-Strahleninstituts im Deutschlandradio Kultur.

Lengfelder kritisiert vor allem einen Mangel an Messdaten aus der radioaktiv belasteten Zone um das Atomkraftwerk in Fukushima: Er sei skeptisch, „ob konsequent gemessen“ und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ausreichend informiert werde.

Bislang seien zu wenig verlässliche Daten veröffentlicht worden. Er habe entsprechende Werte bislang vor allem aus den Medien erfahren: „Ich habe noch keine originären Messdaten gesehen von Stellen, wo ich sagen würde, denen würde ich vertrauen“, kritisierte der Experte.

Er zeigte sich aber überzeugt, dass Japan über die technischen Möglichkeiten für ausreichende Messungen verfügt.

Lengfelder warnte zudem vor einer Verstrahlung im Pazifik. „Die Nuklide, die vom Festland weggeblasen werden, senken sich irgendwann auf die Wasseroberfläche, werden von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen und gelangen über die Nahrungskette wieder zum Menschen“, sagte er. Das sei „fatal“ für eine Nation wie Japan, die sich überwiegend von Fisch ernähre.

Der Gefahr, dass radioaktiv belastete Lebensmittel nach Deutschland gelangen könnten, ist Lengfelder zufolge aber derzeit gering: Zwar könnten die erhöhten Konzentrationen radioaktiver Stoffe, die im Meerwasser gemessen würden, durch die Strömungen in weiter entfernte Gebiete transportiert werden.

Die bislang frei gesetzten Mengen seien aber für Entfernungen bis zum Atlantik oder dem Nordpolarmeer bislang nicht problematisch. Betroffen seien vor allem die küstennahen Gebiete im Umkreis von einigen hundert Kilometern: „Da muss man den Fischfang genau kontrollieren.“

Wegen der Gefahr erhöhter Strahlenbelastung wurde bereits die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus zwei Präfekturen im Umkreis des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1 untersagt.

Für Brokkoli und das japanische Gemüse Komatsuna aus der Region Fukushima sowie für Rohmilch und Petersilie aus der Präfektur Ibaraki wurde ein Lieferstopp angeordnet, wie die Nachrichtenagentur Jiji mitteilte. Die Bevölkerung soll als Vorsichtsmaßnahme zudem, auf den Verzehr von Spinat, Brokkoli, Kohl, Blumenkohl und anderer Produkte verzichten. In der Umgebung von Fukushima 1 waren zuvor erhöhte Radioaktivitätswerte in elf Gemüsesorten festgestellt worden.

Auch die deutschen Behörden wappnen sich dafür, radioaktiv verunreinigte Import-Lebensmittel schnell zu erkennen und die Verbraucher zu schützen. Allerdings ist der Handel mit Japan zurzeit praktisch zum Erliegen gekommen.

Die Europäische Kommission hatte den EU-Mitgliedstaaten empfohlen, die radioaktive Belastung von Lebensmitteln und Futtermitteln aus Japan zu untersuchen. Vor allem bei Fisch soll die Strahlenbelastung überprüft werden.

Die Bundesländer haben reagiert. So gibt es eine interne Internet-Plattform des Bundes und der Länder, um Untersuchungs- und Messergebnisse zu sammeln und diese zügig auszuwerten. Auch Erkenntnisse aus den Forschungseinrichtungen fließen hier ein. „Das System ist einsatzbereit, aber noch sind uns keine Auffälligkeiten gemeldet worden“, erklärte der Präsident des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Helmut Tschiersky-Schöneburg.

Bei der Überwachung der Radioaktivität teilen sich nach dem Strahlenschutzvorsorgegesetz Bund und Länder die Aufgaben. Die Länderbehörden führen die Messungen etwa an Lebensmitteln und Futtermitteln durch, die dann von sogenannten Leitstellen des Bundes bewertet werden.

Das Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, das dem Bundesverbraucherministerium unterstellt ist, ist für die Überwachung der Radioaktivität in Fischen und Fischereiprodukten aus Nord-, Ostsee und den Nordatlantik zuständig. Eine Gefährdung der deutschen Verbraucher durch kontaminierten Fisch aus Japan kann nach Ansicht des Instituts zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen werden.