Tödlicher Darmkeim

EHEC-Gefahr durch Sprossen seit 2010 bekannt

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat bereits ein Jahr vor dem gehäuften Auftreten von EHEC in Deutschland durch abgepackte Sprossen und Salate gewarnt. Experten nennen die Infektionsquelle einen "üblichen Verdächtigen".

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Sprossen könnten die Quelle für die lebensgefährlichen EHEC-Infektionen in Deutschland sein

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Sprossen sind nach Ansicht eines Mikrobiologen als möglicher EHEC-Träger sehr plausibel. „Sprossen waren von Anfang an einer der üblichen Verdächtigen, die man hätte schon von Anfang an verhaften können“, sagte Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg am Montag im ARD-„Morgenmagazin“. Sie seien ein typisches Gemüse, das auf vielen verschiedenen Mahlzeiten ist, in ganz Deutschland verteilt wird und über längere Zeit immer wieder Infektionen auslösen kann.

„Wir wissen, dass das ein besonders gefährliches Produkt ist“, sagte Kekulé. Sprossen seien eine der wenigen Ausnahmen, bei denen wenige Bakterien im Keim sind, während des Wachstums in der Frucht bleiben und nicht von außen abgewaschen werden könnten.

So warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bereits ein Jahr vor dem gehäuften Auftreten von EHEC in Deutschland vor der Gefahr, das abgepackte Sprossen und Salate darstellen können. "Untersuchungen aus verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass pflanzliche Lebensmittel wie Früchte, Gemüse, Salat, die roh verzehrt werden, eine wichtige, aber bisher unterschätzte Ansteckungsquelle für STEC/EHEC darstellen", heißt es in der Information 026/2010 vom 16. Juni 2010. STEC ist eine Bezeichnung für einen Erreger, der ein besonders aggressives Toxin produziert.

Das Institut hatte im Jahr 2009 59 Proben von frischen, verpackten Sprossen untersucht und kam zu dem Schluss, "dass Keime sich in fertig verpackten Sprossen bereits innerhalb von wenigen Tagen stark vermehren und am Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums eine überdurchschnittlich hohe Keimbelastung für den Verbraucher darstellen."

Der Bericht nennt mehrere Ausbrüche von EHEC-Infektionen in anderen Ländern, die auf kontaminiertes Gemüse oder Salat zurückgehen. "Der bisher größte Ausbruch an einer EHEC-Information mit über 6000 Erkrankten in Japan ist auf EHEC kontaminierte Rettichsprossen zurückzuführen", heißt es.

"In Deutschland ein Problem"

In Deutschland würden pflanzliche Lebensmittel in der Regel nicht auf EHEC untersucht. "Die hohe Kontaminationsrate bei Fleisch- und Milchprodukten zeigt jedoch, dass STEC/EHEC in der Nahrungsmittelproduktion in Deutschland ein Problem darstellen."

Pflanzliche Lebensmittel könnten durch Düngen, verunreinigtes Wasser oder auch Hygienemängel während des Bearbeitungsprozesses kontaminiert werden. EHEC geriete vor allem durch landwirtschaftliche Nutztiere in die Lebensmittelkette.

Das Risiko bei Sprossen bestehe auch darin, dass die Keimlinge vom Verbraucher meist mit der Wurzel geerntet und nur mit Wasser abgespült würden. "Dies birgt die Gefahr einer hohen mikrobiellen Belastung, besonders wenn organische Dünger zum Einsatz kommen." Aufzuchtbehälter müssten zwischengereinigt und desinfiziert werden, da sie einen "idealen Brutplatz für Mikroorganismen aller Art" darstellten.

Im Jahr 2010 sah das BfR das Risiko aber noch nicht als außergewöhnlich hoch an. "Aus Sicht des BfR ist die Häufigkeit menschlicher Erkrankungen durch den Verzehr von mit Keimen belasteten Gemüsepflanzen in Deutschland aber relativ gering" im Vergleich zu den Infektionen, die auf den Verzehr von tierischen Lebensmitteln zurückzuführen seien, heißt es. Das insitut riet damals, Sprossen und abgepackte Salatmischungen vor dem Verzehr gründlich zu waschen.

Sieht man sich jetzt die Website an, heißt es: "Diese Stellungnahme wird derzeit überarbeitet." Bislang war das BfR für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Das Institut hat die Aufgabe, Verbraucher über mögliche und identifizierte Risiken von Lebensmitteln, Stoffen und Produkten zu informieren.

Um diese Sprossen geht es

Das niedersächsische Verbraucherschutzministerium hat vor dem Verzehr roher Sprossen etwa in Salaten gewarnt. Nach Angaben des Ministeriums soll ein Sprossen herstellender Gartenbaubetrieb in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen durch den Vertrieb verunreinigter Produkte für EHEC-Erkrankungen verantwortlich sein. Laut Verbraucherschutzminister Gert Lindemann hat der mittlerweile gesperrte Betrieb 19 verschiedenen Sprossensorten oder -mischungen angeboten:

– Azukibohnenkeime

– Alfalfasprossen

– Bockshornkleesprossen

– Brokkolisprossen

– Erbsenkeime

– Kichererbsenkeime

– Knoblauchsprossen

– Kressenkeime

– Linsensprossen

– Mungobohnensprossen

– Radieschensprossen

– Rettichsprossen

– Rotkohlsprossen

– Sonnenblumenkeime

– Weizenkeime

– Zwiebelsprossen

– Crunchy-Mix

– Milde Mischung

– Würzige Mischung

Mungobohnensprossen werden in Deutschland landläufig als „Sojasprossen“ bezeichnet.