EHEC-Panik

58 Prozent der Deutschen verzichten auf Gemüse

Das Gemüse ist ein großer Verlierer der EHEC-Panik. Denn nach einer aktuellen Umfrage lässt die Mehrheit der Deutschen zur Zeit Gemüse weg. Bauern und Händler befürchtet schuldlos "irrsinnige Schäden" in Millionenhöhe. Man fühlt sich von der Politik allein gelassen.

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Der gefährliche Ehec-Erreger gibt den Behörden weiter Rätsel auf, die daher keinen Grund zur Entwarnung sehen.

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Aus Angst vor EHEC achtet die Mehrheit der Deutschen einer Umfrage zufolge derzeit besonders auf ihre Gemüseauswahl. 58 Prozent der Deutschen folgen dem Rat des Robert-Koch-Instituts (RKI) und verzichten auf den Verzehr von rohen Gurken, ungekochten Tomaten und Salat, wie eine Emnid-Umfrage für die "Bild am Sonntag“ ergab. 41 Prozent folgen dem Expertenrat nicht.

Besonders vorsichtig sind nach der am Samstag veröffentlichten Erhebung Senioren. Während in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen nur 44 Prozent angaben, derzeit kein rohes Gemüse mehr zu essen, verzichten 71 Prozent der befragten Senioren ab 60 Jahren darauf. Nur 27 Prozent wollen trotz des Erregers auch weiterhin rohes Gemüse essen, wie aus der Befragung der 500 Menschen ab 14 Jahre hervorgeht.

Unterdessen steigt die Zahl der an einer schweren Darminfektion erkrankten Menschen im Norden der Republik weiter an. In Schleswig-Holstein gab es bis Freitagabend 73 bestätigte Fälle des sogenannten Hämolytisch-Urämischen Syndroms (HUS), wie ein Sprecher des Kieler Gesundheitsministeriums sagte. In Niedersachsen leiden mittlerweile 42 Menschen an HUS. Am Freitag lag die Zahl bei 35, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums am Samstag in Hannover. Es müsse weiterhin von einem dynamischen Infektionsgeschehen ausgegangen werden.

Kritik am Krisenmanagement

Der Lebensmittelhandel kritisierte unterdessen das Krisenmanagement im Zusammenhang mit Infektionen durch den gefährlichen Darmkeim. „Obwohl wir in der Lebensmittelkette das letzte Glied vor dem Verbraucher sind und deshalb hohe Verantwortung tragen, haben wir von dem Erreger erst aus den Medien erfahren“, sagte der Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL), Christian Böttcher, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Die Zusammenarbeit zwischen den Lebensmittel-Überwachungsbehörden der Länder, dem Bundeslandwirtschaftsministerium und der Wirtschaft habe nicht optimal funktioniert.

Böttcher sagte, Informationen seien nicht zügig bereitgestellt worden. „Wir hätten uns gewünscht, dass die Behörden uns früher und offener ihre Erkenntnisse mitteilen“, sagte er. Böttcher schlug eine „Task Force Lebensmittelschutz“ vor. Als Mitglieder kämen außer dem Bundesagrarministerium, den Länderbehörden und dem BVL auch das Bundesinstitut für Risikobewertung in Frage.

Der Sprecher sagte, die Warnungen vor dem Verzehr von Gurken und Tomaten seien mit Rücksicht auf die Gesundheit der Verbraucher zwar verständlich. „Wenn man diese Strategie aber konsequent umsetzen würde, müsste man komplette Gemüseabteilungen schließen. Das kann aber nicht allen Ernstes das Ziel sein, da es viele Verkäufer zu Unrecht träfe“, sagte Böttcher.

Bis zu 40 Millionen Euro Ausfall befürchtet

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham, befürchtete einen wirtschaftlichen Schaden von 15 bis 40 Millionen Euro, falls die Quelle für den EHEC-Erreger nicht bald klar identifiziert sei.

Auch der Vizepräsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbands Hans-Peter Witt sieht „irrsinnige Schäden“ bei heimischen Bauern durch die EHEC-Krise. Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Da es sich bei den Bauernhöfen heute hauptsächlich um Spezialbetriebe handele, die sich auf den Anbau eines Produktes konzentrieren, komme es teilweise zum Totalschaden. Die Bauern hätten dann ein erntereifes Feld und würden nichts verkaufen. „Für einige Betriebe ist das existenzbedrohend.“ Die finanziellen Schäden ließen sich noch nicht in Euro beziffern, gingen aber wohl „in die Zigtausende“, sagte Witt.

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Man würde sich über eine Entwarnung des Robert-Koch-Instituts (RKI) für regionale Produkte freuen, sagte Witt. „Wir hoffen, dass sich die Verbraucher auf unsere regionalen Produkte besinnen. Wir sind überzeugt, dass sie absolut in Ordnung sind.“ Für die Empfehlung des RKI, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren, müsse man aber Verständnis haben. „Schließlich ging es um Todesfälle.“ Wenn es sich bewahrheite, dass regionale Produkte unbelastet seien, nütze diese Erkenntnis manchen Betrieben allerdings nicht, der Schaden sei da.

Für die Zukunft hofft Witt, dass bald eine Entspannung eintritt. Verbraucher sollten aber auf jeden Fall die Küchenhygiene wahren. „Vielleicht ist man damit in letzter Zeit etwas sorglos umgegangen. Wenn alles gut geht, denkt man, man braucht das Waschen gar nicht.“