EHEC-Infektion

Spanier beschuldigen Deutsche – Experten zweifeln

Spanische Gemüse-Lieferanten behaupten, die unter EHEC-Verdacht stehenden Gurken aus Spanien seien in Deutschland mit dem gefährlichen Erreger verschmutzt worden. Deutsche Experten und Behörden widersprechen – und inzwischen ist EHEC-belastetes Gemüse aus Spanien in Dänemark gefunden worden.

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Nach Angaben des deutschen Fruchthandelsverbandes ist der Absatz eingebrochen. Kritik an den Pauschaläußerungen von Wissenschaftlern und Behörden.

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Die EHEC-Theorie aus Spanien wird hierzulande angezweifelt: Nachdem in Hamburg erstmals EHEC-Erreger an Gemüse aus Spanien nachgewiesen worden war, hatte ein spanischer Gurken-Lieferant angegeben, dass eine Palette mit Salatgurken auf dem Hamburger Großmarkt ungestürzt sei - dabei könnte das Gemüse mit EHEC verseucht worden sein. Dieser Theorie widersprach Prüfer-Storcks am Freitag deutlich: „Dass die belasteten Gurken von einer einzigen Palette stammten, die durch ein Umkippen verseucht wurde, können wir aufgrund der Probenentnahme an unterschiedlichen Stellen ausschließen“, teilte die Senatorin mit. „Auch kann Ware von einer einzigen Palette unmöglich zu EHEC-Primär-Infektionen mit diesem Ausmaß führen.“

Hans Joachim Conrad, Vorstandschef der Verwaltungsgenossenschaft des Hamburger Großmarktes, sagte: „Wir treiben hier keine Kuhherden durch die Hallen.“ Das EHEC-Bakterium wird durch Kot von Wiederkäuern übertragen, durch Kühe, Schafe, Ziegen also, aber auch durch Hirsche und Rehe. Kleinste Mengen – zehn bis 100 Keime – können bereits eine Infektion verursachen. Das Bakterium befindet sich dabei nicht in dem Gemüse, sondern an der Außenhaut, etwa in minimalen Spuren von Tierkot.

Auch der Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure in Köln, Martin Müller, hält die Theorie der EHEC-Verschmutzung während der Lieferung für unwahrscheinlich. „So was kann passieren, aber da müsste ein ganzer Lkw und noch mehr auf den Boden gefallen sein“, sagte er. „Ein, zwei Fälle – ok. Aber wie viele Gurken müssen da hingefallen sein, damit dieser Fall eintreten kann?“ Denkbar wäre Müller zufolge, dass die Gurken gewaschen wurden, bevor sie verpackt oder auf die Reise geschickt wurden – und dabei mit den Bakterien in Kontakt kamen.

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In Dänemark wurden in zwei Supermärkten Gurken aus Spanien mit den EHEC-Bakterien gefunden. Die Behörden forderten alle Händler auf, Importe des betreffenden Herstellers sofort aus dem Handel zu ziehen. In Dänemark und Schweden sind bis zum Freitag 32 EHEC-Fälle nachgewiesen worden, wie die Gesundheitsbehörden in Kopenhagen und Stockholm mitteilten. Alle Betroffenen seien zuvor in Deutschland auf Reisen gewesen. Die Zahl der Verdachtsfälle wurde nicht mitgeteilt. Bei Reisen nach Deutschland sei derzeit besondere Vorsicht geboten, hieß es in der Mitteilung der schwedischen Behörde zur Vorbeugung ansteckender Krankheiten

Spanien wird bei der Europäischen Union eine Beschwerde gegen deutsche Berichte über einen Befall spanischer Gurken mit EHEC-Erregern einlegen. Das kündigte das Madrider Agrarministerium an. Deutschland habe in dieser Sache gegen die EU-Regeln verstoßen, sagte Staatssekretär Josep Puxeu. Die deutschen Behörden hätten zuerst die Presse unterrichtet und nicht – wie vorgeschrieben – die Instanzen der EU.

In Spanien überprüfen die Behörden wegen der möglichen Verunreinigung des Gemüses mit dem gefährlichen Durchfallerreger die beiden betroffenen Betriebe. Das Gesundheitsministerium in Madrid teilte mit, es sei durch das EU-weite Alarmsystem RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed) informiert worden, dass zwischen den Erkrankungen in Deutschland und dem Gemüse aus Spanien möglicherweise ein Zusammenhang bestehe. Noch sei aber unklar, ob es zu der Verunreinigung in Spanien oder beim Transport oder beim Umladen der Ware in Deutschland gekommen sei.

Eines der betroffenen Unternehmen, Frunet Bio mit Sitz in Malaga, erklärte, dass eigene Tests an den Gurken des betroffenen Bauern keine Verunreinigung ergeben hätten. Eine Sprecherin, die namentlich nicht genannt werden wollte, äußerte die Vermutung, dass die Erreger in Deutschland an die Gurken gelangt seien. Ihr liege eine E-Mail des Großhändlers in Hamburg vor, wonach eine Palette mit 180 Kisten Gurken von einem Transporter gekippt und auf den Boden gefallen sei. Außerdem seien die deutschen Proben zweieinhalb Wochen nach Auslieferung gemacht worden, als die Gurken schon halbverschimmelt in einem Lager gestanden hätten.

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Ein Manager des Unternehmens, Javier Lopez, sagte der „Bild“-Zeitung (Freitagausgabe): „Die Gurken wurden mit einem Lkw abgeholt und kamen am 15.Mai in Hamburg an. Am 16. bekamen wir eine E-Mail unseres Kunden, der uns mitteilte, dass die Gurken während des Transports heruntergefallen wären. Er teilte uns mit, dass er sie trotzdem auf dem Hamburger Großmarkt verkaufen wolle.“

Die spanischen Gurken waren am Donnerstag als eine Ursache für die Infektionswelle in den Fokus gerückt. An drei Salatgurken aus Spanien fand das Hamburger Hygiene-Institut den gefährlichen Durchfall- Erreger. Die Proben stammten vom Hamburger Großmarkt. Es sei aber nicht auszuschließen, dass weitere Lebensmittel eine Infektionsquelle waren, hieß es. Viele Handelskonzerne strichen zunächst nur spanische Salatgurken aus dem Angebot. Nach Angaben der EU-Kommission wird eine weitere mögliche Quelle – Gurken aus den Niederlanden – untersucht.

EHEC-Keime sind eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli. Der Erreger ist vor allem deshalb gefährlich, weil so wenige der winzigen Bakterien ausreichen, um den Durchfall auszulösen. Bei anderen Infektionen sind um ein Vielfaches mehr Erreger nötig, damit es zur Erkrankung kommt. Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist eine schwere EHEC- Verlaufsform, bei der giftige Stoffwechselprodukte des Bakteriums zu Nierenschäden führen können.

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