Gesundheit

Chronisch Kranke oft als Simulanten abgestempelt

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Schwer erkrankt und trotzdem verkannt: Wer an einer seltenen chronischen Krankheit leidet, wird von den Ärzten bisweilen als jemand angesehen, der Symptome und Schmerzen nur vortäuscht. Der Berliner Neurochirurg Hannes Haberl hinterfragt deshalb den Begriff der chronischen Krankheit.

In allen Lebensbereichen gibt es eine aktuelle Geschäftsrhetorik, die als gültiger Ausweis für Seriosität und Kompetenz gilt. Wer hat im Ausstellungskatalog der zeitgenössischen Galerie nicht schon gelesen von der „Verortung eines Kunstwerkes im Kontext“, in den politischen Nachrichten vom „robusten Mandat“, in der Heilkunde von der „patientenorientierten Medizin“ oder einfach nur von der „lichtdurchfluteten Altbauwohnung“ in der Immobilienanzeige. Hohle Phrasen, eine verbale Scheinwelt, die sich an echten Inhalten vorbeimogelt.


Das gilt selbstverständlich genauso für professionelle Äußerungen und ganz besonders die ärztliche Sprache, der aufgrund der Angst und Sorge, mit der betroffene Patienten auf eine Äußerung warten, ein besonderes Gewicht zukommt. Als ausgesprochen kontraproduktiv erweist es sich hier, dass Ärzte in Zeiten des Qualitätsmanagements und der Zertifizierung zunehmend gehalten sind, ihre Behandlungsphilosophie in Leitsätzen auf den Titelseiten der Publikationen ihrer Kliniken und Praxen zu veröffentlichen. Die Flut von verunglückten pseudoethischen Phrasen, die aus bürokratischen oder marktstrategischen Gründen wider Willen erzeugt wird, weit weg vom Patienten und der Behandlungswirklichkeit, hat den Wahrheitsgehalt einer Plakatwerbung.


Sie neutralisiert sich allerdings in gewisser Weise durch ihre Einförmigkeit und wird korrekterweise längst nicht mehr als das wahrgenommen, was sie zu sein vorgibt, ja, sie erheitert – entbehrt es doch nicht einer gewissen Komik, immer wieder zu lesen, dass im Mittelpunkt ärztlichen Bemühens der Patient steht.


Sehr wichtig erscheint es mir, wie wir mit Sprache dort umgehen, wo es darauf ankommt, im Gespräch mit dem Patienten. Der vielleicht häufigste Begriff in solchen Gesprächen, die Krankheit, mag als Beispiel dafür dienen, wie vielschichtig unsere Begriffswelt geworden ist.

Krankheit – was für eine gewaltige Formel

Krankheit berechtigt zur Rückerstattung von Flugkarten, zur Annullierung von Kaufverträgen. Sie schützt vor Gerichtsurteilen, hebt die Schulpflicht auf und sorgt für ein bequemes Auskommen ohne Arbeit. „Krankheit“ legalisiert den Ausnahmezustand, sie definiert den Betroffenen als hilfsbedürftig und legitimiert ihn zum Empfang von Mitleid, professioneller Zuwendung und finanzieller Unterstützung. Sie schützt ihn vor der gesellschaftlichen Ablehnung des unentschuldigt Nutzlosen. Sie ist ein Freifahrtschein nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln – auch in der gesellschaftlichen Werteordnung. Die Gesellschaft, in deren Auftrag wir Ärzte über die Vergabe dieser Vollmacht wachen, weiß um deren Omnipotenz. Deshalb betrachtet sie mit Argwohn jeden, der unberechtigt versucht, in den Genuss ihrer Privilegien zu kommen. Jeden, der Leiden möglicherweise vortäuscht oder sich einbildet.


Diesen Argwohn müssen sehr viele Menschen mit seltenen und deshalb schwer erkennbaren Krankheiten ertragen, denn ihnen fehlt oft viele jahrelang die Sanktion der Diagnose, der Ritterschlag des fachärztlichen Gutachtens, ohne den ihr Leiden eigentlich so wenig existiert wie der Obdachlose ohne polizeiliche Meldebescheinigung.


Aber auch die schließlich erstrittene und erlittene Diagnose, die lange ersehnte Legitimation, hat einen hohen Preis: Denn Krankheit, das wird der Betroffene schnell erkennen, ist kein Geschenk, sie ist allenfalls ein Kredit. Krankheit sagt dem Betroffenen: „Werde anders, komm zurück zu uns, zu den Gesunden, wir wünschen dir gute Besserung. Bessere dich schnell, denn du weißt ja, was dir anderenfalls droht – der soziale Abstieg, der Ausschluss aus der Gesellschaft."


Der Imperativ „werde gesund“ scheint untrennbar, und von uns in seinem fordernden Charakter nicht reflektiert, mit dem Begriff Krankheit verbunden. Was aber, wenn Krankheit nicht heilbar ist, wenn Krankheit chronisch wird? Was, wenn die Rückkehr in das Lager der Gesunden unwahrscheinlich wird? Der Betroffene trägt doch schon schwer genug daran, sich auf dauerhafte Funktionseinschränkungen, auf bleibende Schmerzen, auf Medikamente mit Nebenwirkungen und auf einen gewissen Grad der Isolation einzustellen, weil ihn seine Umgebung sehr bald als anstrengend empfindet. Dazu kommt nun die tiefe Frustration, die sehnsüchtige Hoffnung nach Gesundheit begraben zu müssen und damit sich und andere zu enttäuschen.

Der Begriff der chronischen Krankheit muss neu definiert werden


Sollten wir den Betroffenen und uns nicht von diesem nicht einlösbaren Anspruch befreien? Wenn Krankheit nicht trennbar ist von der Forderung nach Gesundheit, wenn sie die Berechtigung oder zumindest die Aussicht auf Genesung impliziert, dann wird die chronische Krankheit zum Widerspruch in sich, denn sie schließt die geforderte und erhoffte Heilung fast in allen Fällen aus. Damit wäre der Begriff der chronischen Krankheit zur Disposition zu stellen.


Die Befreiung vom Stigma der Krankheit gäbe dem Betroffenen die Chance, seine Situation ohne frustrierende Umwege so anzunehmen, wie sie tatsächlich ist, und zu verstehen, dass sein gesundheitlich eingeschränkter Zustand zwar der medizinischen Unterstützung bedarf, aber eben nicht den unausgesprochenen Implikationen einer Krankheit entspricht. Er stellte vielmehr eine Lebensform dar, die selbst gestaltet werden muss.

Die Emanzipation von der im Krankheitsbegriff immer noch mitschwingenden Entmündigung als abhängiger Patient ist ein Befreiungsschlag, der in meiner Beobachtung vielen chronisch Kranken erst sehr spät und oft gegen den Widerstand ihrer Therapeuten mit dem Mut der Verzweiflung gelingt. Eine Verzweiflung, die nicht nur aus der wiederholten und bitteren Enttäuschung über die eingeschränkten Therapiechancen genährt wird, sondern noch viel mehr aus den vagen Kommentaren, den unangemessenen Vertröstungen, dem Herumreden um den heißen Brei der behandelnden Ärzte, die sehr häufig noch weniger damit umgehen können, dass ihr Handlungsspielraum, ihre Behandlungspotenz, begrenzt ist und diese Kränkung ihrer Eitelkeit latent dem Patienten zum Vorwurf machen. Sie bestrafen ihn mit einer ihre Hilflosigkeit kaschierenden Rhetorik, nennen das Ausbleiben einer Verschlechterung zwischen zwei Untersuchungsterminen „kontrollierten Krankheitsverlauf“ und verstecken den Grad der Bedrohung des Lebens hinter „Fünf-Jahres-Heilungsquoten“.

Viele Patienten haben aufgrund ihrer Sozialisierung, ihrer krankheitsbedingten intellektuellen Einschränkung oder ihrer puren Angst diesem verbalen Schachspiel nichts entgegenzusetzen. Diejenigen allerdings, die die Kraft und Fähigkeit haben, diesen Schritt der Erkenntnis in all seiner Bitterkeit zu vollziehen, werden vom Opfer ihrer Krankheit und ihrer Rolle als Patient schlagartig zum Regisseur ihres Lebens, und das Erstaunliche geschieht: Der Blick und die Energie werden frei für das tatsächlich Erreichbare, und die tiefe Befriedigung der erfolgreichen Bewältigung selbst definierter Etappen wird möglich – ein Geschenk, dessen Wert ein Gesunder kaum zu ermessen vermag.


Privatdozent Dr. med. habil. Hannes Haberl ist Leiter des Selbstständigen Arbeitsbereiches Pädiatrische Neurochirurgie am Berliner Universitätsklinikum Charité.