Bundesweite Studie

Deutsche wachsen weiter – aber eher in die Breite

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Anja Gröber

Foto: Human Solutions GmbH

Es ist ein Projekt der Superlative: Bei der "Size Germany"-Studie wurden bundesweit mehr als 13.000 Männer, Frauen und Kinder auf den Millimeter genau vermessen. Nun liegen die Ergebnisse vor. Die Daten liefern die Grundlage für ein neues System von Konfektionsgrößen und sorgen dafür, dass Kleidung in Zukunft besser passt.

Es ist nicht immer leicht das Kleiderkaufen. Da liegt das T-Shirt an der Taille schön an, doch spannt an der Brust und probiert man es eine Nummer größer hängt es nur lasch herunter. Auch auf die Konfektionsgrößen ist nicht immer Verlass. Sie fallen nämlich je nach Hersteller oft sehr unterschiedlich aus.


Probleme wie diese könnten jedoch bald ein Ende haben. Denn die „Size Germany“-Studie, bei der deutschlandweit über 13.000 Männer, Frauen und Kinder mit einem Ganzkörperscanner vermessen wurden, ist nun abgeschlossen. Die letzte vergleichbare Reihenmessung fand bei Frauen vor 15 bei Männern sogar vor fast 30 Jahren statt. Nun sollen die neuen Ergebnisse dafür sorgen, dass den Deutschen ihre Kleidung in Zukunft wieder besser passt.


Wie Ingenieure der Ergonomiefirma Human Solutions und der auf Bekleidungsforschung spezialisierten Hohensteiner Institute Dienstag auf der Textilmesse IMB in Köln berichteten, seien sowohl Frauen als auch Männer insgesamt breiter geworden. So habe sich bei Frauen innerhalb der letzten 15 Jahre der Taillenumfang um durchschnittlich etwa vier Zentimeter vergrößert, das ist fast doppelt so viel wie bei der letzten Reihenmessung. Der Brustumfang nahm um mehr als zwei Zentimeter zu. Bei den Männern, die das letzte Mal 1980 vermessen worden waren, sei der Unterschied noch größer. Ihr Brustumfang wuchs um ganze sieben Zentimeter, ihr Taillenumfang um knapp viereinhalb Zentimeter an.

Anders sieht es bei der Körperhöhe der jungen Leute aus – sie nimmt nicht mehr so stark zu wie früher. Seit Jahrzehnten hatten Forscher festgestellt, dass die jungen Generationen in den Industrieländern immer größer werden. Wir essen mehr Fleisch und Fette, leisten kaum noch körperlich schwere Arbeit und sind im Wachstumsalter weniger Infektionen ausgesetzt – alles Gründe für dieses Phänomen. Etwa 1,8 Zentimeter wächst die junge Generation pro Jahrzehnt – so lautete bisher die Prognose. Nun jedoch scheint diese Tendenz zum Stillstand zu kommen. 1994 betrug der Größenunterschied zwischen den 26 bis 35-jährigen und den 36 bis 45-jährigen noch fast drei Zentimeter - heute ist er nicht mehr festzustellen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die veränderten Lebensbedingungen inzwischen kein zusätzliches Längenwachstum bei den jungen Leuten mehr hervor rufen“, sagt Andreas Seidl, Chef von Human Solution. Dies sei eindeutig eine neue Entwicklung.


Nur unter den sehr großen Menschen nimmt die Körpergröße zu


Doch auch wenn die jüngeren Generationen nicht mehr so stark wachsen wie in den Jahrzehnten zuvor - der Anteil der sehr großen Menschen in Deutschland steigt. So hat sich die Grenze der größten fünf Prozent der Bevölkerung stark hin zu einer höheren Körpergröße verschoben, während die Grenze der kleinsten fünf Prozent fast gleich geblieben ist. Diese beiden Grenzwerte sind wichtig. An sie werden in der Industrie fast alle Produkte angepasst - angefangen bei der Höhe von Türen, über Stuhlgrößen bis hin zu Griffen in der U-Bahn. „Die sehr großen Menschen in unserer Bevölkerung werden immer größer, während die kleinen wenig wachsen“, fasst Seidl den Trend zusammen. In Zukunft werden sich Produkthersteller an die neue Obergrenze anpassen müssen.

Die “Size Germany” Studie war die erste groß angelegte Messreihe, die flächendeckend an so vielen Männern, Frauen und Kindern gleichzeitig durchgeführt wurde. Der jüngste Proband war sechs, der älteste 87 Jahre alt. Über hundert Bekleidungs- und Autohersteller unterstützten das schätzungsweise zwischen ein und zwei Millionen Euro teure Projekt finanziell.


Doch wie konnten die Forscher überhaupt so viele Menschen in so kurzer Zeit vermessen? Wer schon einmal beim Schneider war um sich einen Maßanzug anfertigen lassen kennt das Problem – selbst nur ein paar Maße zu nehmen kostet viel Zeit und Aufwand. Ein Laserscanner, „Bodyscanner“ genannt, brachte die Lösung. Er besteht aus vier Säulen, die eine Lichtebene erzeugen. Diese Ebene wandert dann von oben nach unten über den Körper des Probanden hinweg. Kameras zeichnen die dabei entstehenden Kurven auf und geben sie an ein Computerprogramm weiter. 400.000 Messpunkte werden auf diese Weise aufgenommen und zeichnen ein so genaues Abbild der Versuchsperson, dass gar deren Gesichtszüge erkennbar sind. Das Ganze dauert gerade einmal ein paar Sekunden, dann erscheint der dreidimensionale „Zwilling“ des Probanden auf dem Bildschirm. An diesem Modell nehmen die Forscher dann Maß – zu einem Zeitpunkt, zu dem die Testperson schon längst wieder zu Hause ist.


„Durch das Bodyscanning können wir sehr viel mehr Maße nehmen als früher“, erklärt Studienleiter Martin Rupp von den Hohenstein Instituten. „Auf diese Weise haben wir mehr Information, die wir verwenden können um die Konfektionsgrößen noch genauer zu beschreiben.“ Da das virtuelle Modell immer zur Verfügung stehe, könnten zudem auch im Nachhinein noch Daten ausgewertet werden, die zum Zeitpunkt des Scans noch gar nicht von Interesse waren.

Standardgrößen werden bereits angepasst


Seit Februar diesen Jahres können die Firmen, die sich am „Size Germany“ Projekt beteiligt haben, über ein Online Portal auf die neuen Maße der Bevölkerung zugreifen. Die Hersteller haben bereits begonnen ihre Standardgrößen an die veränderten Körpermaße anpassen – so dass dem Kunden seine eigene Konfektionsgröße in Zukunft wieder besser passt. „Die Damenkonfektionsgröße 36 beispielsweise wird in Zukunft etwas weniger tailliert ausfallen“, erklärt Rupp. „Bei den Herren werden voraussichtlich vor allem mehr größere Konfektionen hergestellt werden.“ Erste Veränderungen erwartet er im Laufe des nächsten Jahres.

Doch auch die Konfektionsgrößen selbst sollen sich ändern. Bereits seit über zehn Jahren arbeitet eine Arbeitsgruppe des europäischen Normungskomitees CEN an einem einheitlichen System, nach dem europaweit bald alle Hersteller ihre Kleidung anfertigen sollen. Die Ergebnisse der „Size Germany“ Studie liefern zusammen mit ähnlichen Messreihen, die in den letzten Jahren in Spanien, Frankreich, Schweden und Großbritannien durchgeführt wurden, die dafür notwendige Datengrundlage.

Das neue Größensystem soll aus einem fünfstelligen Code bestehen, der eine Kombination aus Umfangs- und Längenmaßen beschreibt. „Der Kunde braucht sich dann nur noch eine einzige Größe zu merken – und wird sie überall in Europa finden können“, meint Seidl. Mit den ersten Umsetzungen rechnet er bereits innerhalb der nächsten zwei Jahre. Wie das neue System vom Kunden letztlich angenommen wird und ob es das Shoppen tatsächlich vereinfacht wird dann jeder für sich entscheiden können.