Weltgeschichte

Was wir dem Mittelmeer außer Schulden verdanken

Warum Gyros Weltkulturerbe ist und was Oliven und Fladenbrote mit dem Clash of Civilizations zu tun haben: Fernand Braudel hat es erklärt.

Vor einigen Tagen kam das Unesco-Welterbekomitee in Nairobi zusammen und befand über 47 Bräuche und Traditionen, die für die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit vorgeschlagen worden waren. Darunter war auch die Mittelmeerküche. Sie wurde aufgenommen wie das Wertesystem der Wayuu oder die Echternacher Springprozession. Das Erstaunliche daran aber ist: Während es sich bei den anderen schützenswerten Traditionen um regionale oder allenfalls nationale Brauchtümer handelt, gibt es die Mittelmeerküche, zählt man alle Anrainerstaaten außer denen des Schwarzen Meeres zusammen, in mehr als 20 Staaten.

In ihren Küchen prägen Oliven und ihr Öl, Hülsenfrüchte, Fladenbrote mit zerriebenen oder zerdrückten Gemüsen, Schaf- und Ziegenfleisch und (selbst in den meisten muslimisch geprägten Ländern) Wein die Speisekarte. Was könnte besser illustrieren, dass das Mittelmeer kein Grenzraum ist, in dem reicher Norden und armer Süden, christlicher Westen und islamischer Osten zusammenstoßen, sondern dass es einen gemeinsamen Zivilisationskreis konstituiert, der Kriege und Völkerwanderungen ebenso überdauert hat wie der Aufstieg und Fall von Weltreichen und ihren Göttern.

Dass es zumindest für eine qualifizierte Mehrheit der Unesco-Leute kein Problem war, diese Dimension der Mittelmeerküche zu erkennen, könnte sich einem Autor verdanken: „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“ heißt das dreibändige Werk. Geschrieben wurde es von Fernand Braudel, einem französischen Historiker. Heute, da sich sein Todestag am 28. November zum 25. Mal jährt, zeigt die Entscheidung von Nairobi einmal mehr die grandiose Wirkung, die sein Buch entfaltete.

Seine Anwohner leben im Angesicht der gleichen Bäume

Denn Braudel erkannte das Gemeinsame dieses von den Römern „mare nostrum“ genannten Binnenmeeres. Wer an ihm lebt, wird davon geprägt „im Angesicht der gleichen Bäume, der gleichen Pflanzen, der gleichen Landschaften zu leben, das gleiche Essen auf dem Tisch zu haben, den gleichen Himmel zu schauen, den vertrauten Rhythmus der Jahreszeiten wiederzufinden“.

Braudel richtete den Fokus nicht auf die Antike, in der das Mittelmeer über Jahrhunderte hinweg nichts anderes als die Verkehrsader des römischen Imperiums war, sondern auf eine Epoche, in der der spanische König Philipp II. wie kaum ein anderer für Konfrontation und Antagonismus stand. Im Mittelmeer bekriegten sich iberische und osmanische Flotten, von Norden eröffnete der Protestantismus eine neue Front, der Anspruch des päpstlichen Universalismus ging im Strudel europäischer Staatsbildungskriege verloren. Und die Städte des Mittelmeers rangen um Zugang zu den globalen Fernhandelswegen und Kolonialreichen, über die Philipp II. in Amerika und Asien gebot.

Aber Braudel blieb nicht bei Philipp II. stehen, sondern er ging weit in die Geschichte zurück. Zu den Phöniziern und Griechen, die als erste den Menschen an den Ufern des Mittelmeers eine Vorstellung davon vermittelten, dass dieser „Riss in der Erdkruste“, jene „schmale Spindel, die sich von Gibraltar bis zum Isthmus von Suez“ erstreckt, sie zusammenführt und nicht trennt. Darauf konnte das römische Reich eine Zivilisation gründen, die noch heute das Mittelmeer und die übrige Welt nachhaltig prägt. Daran haben auch Mohammeds Anhänger nichts verändert, deren Sturm ab 632 die östlichen Gestade des Meeres doch von Grund auf veränderte. Die Küche in Alexandria unterschied sich kaum von der in Barcelona, weniger zumindest als der zwischen Venedig und Wien und jenen Ländern, in denen der „nordische, atlantische, internationale Kapitalismus“ entstand, der mit seinen „scharfen Zähnen“ dafür sorgte, dass das Mittelmeer nach dem Tode Philipps II. nicht mehr der „tosende Mittelpunkt“ der Welt war.

Diese Perspektiven und Methoden sind es, die das übrige – gigantische – Lebenswerk Braudels weitgehend überstrahlen. Seine wohl berühmteste Entdeckung ist die der „Longue durée“ (etwa: lange Dauer), der die ersten beiden Bände seines Mittelmeer-Buchs gewidmet sind. Geht es im ersten vor allem um die naturräumlichen Bedingungen der mediterranen Geschichte, werden im zweiten die sozialen und wirtschaftlichen Trends und Konjunkturen als historische Akteure beschrieben. Nach diesen 1270 Seiten in der deutschen Ausgabe ist jedermann klar, dass das menschliche Getöse der Ereignisse, die den dritten Band ausmachen, am Grundtakt der Geschichte eigentlich gar nichts ändert. Oder in der Sprache der Köche: Gyros war, ist und wird immer sein, nur die Esser sind immer wieder andere.

"Lest, lest wieder dieses exzellente Buch"

„Ich habe das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt, vermutlich weil ich – wie so viele andere und nach so vielen anderen – aus dem Norden kam.“ Dieser berühmte Satz, mit dem Braudel sein Werk beginnt, sagt viel über seinen Ansatz aus: Wie die Kreuzritter Flanderns, die Heere deutscher Könige und später die Philhellenen und Rucksackreisenden unserer Tage waren es Faszination und Leidenschaft, die die Entdeckung der Mittelmeerwelt vorantrieben. Braudel wurde 1902 in einem Kaff in Lothringen geboren. Erst als Lehrer kam er in den Zwanzigern ans Meer, in Algerien. Später in Paris lernte er Lucien Febvre, Gründer und Haupt der Historikerschule um die Zeitschrift „Annales“, kennen, die in Mentalitäten und Strukturen die eigentlichen Triebfedern der Geschichte ausgemacht hatte und nicht in Königen und ihren Schlachten.

Als Kriegsgefangener schrieb er in verschiedenen Lagern in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs an seinem Mittelmeerbuch, was die persönliche Betroffenheit Braudels zusätzlich erklären mag. Nach dem Krieg wurde die Arbeit als Habilitation angenommen und 1949 veröffentlicht. Lucien Febrvre deklamierte: „Lest, lest wieder und wieder dieses exzellente Buch. Macht es zu eurem Begleiter!“

In der Folge stieg Braudel zum unbestrittenen Oberhaupt der zweiten Generation der „Annales“ auf und damit zu einem der einflussreichsten und mächtigsten Historiker Frankreichs. Mit gleicher Intensität und Methodik schrieb eine mehrbändige „Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts“ und eine „Geschichte Frankreichs“. Doch es steht für den überragenden Rang des Mittelmeerbuches, dass es sich von seinem Autor buchstäblich verselbständigt hat. Es ist eine historische Meistererzählung von überzeitlichem, literarischem Rang, darin vergleichbar mit Theodor Mommsens „Römischer Geschichte“ (für die der bekanntlich den Nobelpreis bekam). Nicht umsonst wurde Braudel 1984, ein Jahr vor seinem Tod, in den Kreis der „Unsterblichen“ der Académie Française gewählt.

Welche Wirkungsgeschichte Braudel noch immer entfaltet, wurde 2007 klar. Da postulierte der französische Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy: Europas Zukunft liegt im Süden. Im gleichen Jahr begann eine Studie des französischen Generalstabs, die Wolf Lepenies an dieser Stelle vorgestellt hat, mit dem Kapitel: „Auf den Spuren von Braudel“.

Mittlerweile gehört Europa bis zum Nordkap dazu

2008 wollte Frankreich so zu einer Mittelmeerunion kommen, der alle Anrainerstaaten und einige mehr angehören sollten. Erstes konkretes Ziel war es, im Sinne des einenden mediterranen Erbes Wege zu finden, die offensichtlichen Differenzen – etwa im Nahen Osten – abzubauen. Wenn man bedenkt, dass noch heute in den Schulen die Seeschlacht von Lepanto zwischen den Christen unter spanischer Führung und den Osmanen als eine Art Clash of Civilizations gelehrt wird, zeigt das, wie tief die Spur ist, die Braudel mit seinem Blick mittlerweile gezogen hat.

Es kam bekanntlich anders. Die Vertreter des „nordischen Kapitalismus“, allen voran Angela Merkel, stemmten sich gegen dieses Konkurrenzunternehmen zum EU-Projekt und verwässerten es, indem sie alle EU-Staaten zu Mitgliedern der „Union für das Mittelmeers“ machten. So sind die Sauberkeit, die Verkehrswege und die Energieströme des „mare nostrum“ zur Angelegenheit von 43 Staaten geworden. Dass auch Europa bis zum Nordkap dazugehört, läuft Braudels Argumentation zwar zuwider, wird aber in einem höheren welthistorischen Sinn auch von ihm gedeckt. Schließlich ist Europa nur denkbar mit seinem römischen, hellenischen, jüdischen und orientalischem Erbe. Der bevölkerungsreichste Staat der Mittelmeerunion ist übrigens Deutschland. Nicht nur der hiesige Zuspruch, den die Mittelmeerküche findet, macht das verständlich.