Nach Fukushima

Was ein Japaner über deutsche Atompolitik denkt

Nobuyasu Abe war von 2003 bis 2006 stellvertretender UN-Generalsekretär und ist auch nach Japans Atom-Katastrophe ein Befürworter der Kernkraft. Im Interview mit Morgenpost Online erzählt er, welche Lehren er aus Fukushima zieht und was er von der Diskussion in Deutschland hält.

Foto: Annika Bunse

Aus der Sicht eines Japaners ist die „German Angst“ im höchsten Maße unangebracht. Während die Deutschen, wenn das Wort „Atomkraft“ fällt, merklich zusammenzucken und im nächsten Schritt daran denken, den Jodsalz-Vorrat im Keller zu vergrößern, bleibt Nobuyasu Abe gelassen. Auch nach der japanischen Katastrophe ist er ein Befürworter von Kernkraft. Der japanische Diplomat Abe war von 2003 bis 2006 stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er ist Experte für Atomwaffen und Abrüstung und leitet das „Center for the Promotion of Disarmament and Non-Proliferation“ (Zentrum für nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung von Atom-Waffen). Aus seiner Kenntnis der verheerenden Wirkung atomarer Strahlung von Nuklearwaffen heraus spricht Abe im Interview mit Morgenpost Online über die Folge und die Lehren aus dem Atomunglück von Fukushima.

Morgenpost Online: Herr Abe, welche Folgen haben die hohen Strahlungswerte für die Umwelt in Japan?

Nobuyasu Abe: Sollten es uns gelingen, jede weitere Freisetzung von radioaktivem Material in Luft oder Wasser aufzuhalten, dann wären die Umweltschäden handhabbar. Wenn man einmal absieht von der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks in Fukushima: Die Kontamination ist im Vergleich zu den Atomtests, die Russen und Amerikaner während des Kalten Krieges durchgeführt haben, immer noch gering.

Morgenpost Online: Meinen Sie, dass wir, was Atomunfälle angeht, heute eher von „Katastrophe“ sprechen als das früher der Fall war?

Abe: Der Unterschied zu damals ist, dass die Menschen heute gesundheitsbewusster sind und sich über die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung weitaus mehr im Klaren sind. Grundsätzlich ist das eine gute Sache, es macht die Menschen aber auch deutlich nervöser, was die Gefahr von Radioaktivität betrifft.

Morgenpost Online: Diese Unsicherheit hat sich auch in Deutschland gezeigt. Es gab Hamsterkäufe bei Jodtabletten und Geigerzählern. Finden Sie das übertrieben?

Abe: Ich halte es für unangebracht, denn die die natürliche nukleare Strahlung, der ein Mensch im Schnitt pro Jahr ausgesetzt ist, liegt bei 2400 Mikrosievert. Ein Einwohner Tokios ist momentan 0.0853 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt, das wären, auf das Jahr umgerechnet, 747 Mikro-Sievert. Insofern liegen die Werte in Tokio und den anderen Städte in der Kanto-Ebene durchaus auf dem Niveau natürlicher Strahlung. Im Vergleich dazu ist ein Patient bei einer Untersuchung mit einem Computertomographen rund 6.900 Mikrosievert ausgesetzt.

Morgenpost Online: Allerdings tritt die Belastung bei einem solchen CT-Scan einmalig und kurzfristig auf, nicht permanent wie in Fukushima. Wie hoch ist die Strahlenbelastung in der direkten Peripherie des Unglücks?

Abe: Je näher man an den Unfallort kommt, umso höher die Strahlung. Die Menschen in der Hauptstadt der Präfektur Fukushima wären über ein Jahr hinweg etwa dem Dreifachen der Strahlung eines CT-Scans ausgesetzt. Fukushima Stadt befindet sich an der Grenze der möglichen Belastung.

Morgenpost Online: Wie konnte es soweit kommen? Welche Fehler hat Japan gemacht?

Abe: Es war ein Grundfehler: Wir haben Erdbeben und Tsunamis in solchen Ausmaßen nicht erwartet und uns nicht angemessen auf ein Unglück wie dieses vorbereitet. Wobei die übergeordnete Frage ist, ob man Kernkraftwerke überhaupt so konstruieren kann, dass sie derartigen Naturkatastrophen widerstehen könnten.

Morgenpost Online: Liegt der Fehler nicht auch darin, dass das technokratische Japan Wissenschaft und Industrie in Bezug auf Kernenergie so lange blind gefolgt ist?

Abe: Ich denke, das rationale Denken sollte weiterhin bei Energie- und Umwelt-Themen im Vordergrund stehen. Alle Energiequellen bringen gewisse Risiken mit sich. Das Risiko der Kernenergie ist, wenn es zu Unfällen kommt, sicherlich katastrophal und furchtbar. Aber letztlich ist die Frage, wie viel Risiko und welche Art von Risiko die Menschen bereit sind einzugehen. Auf diese Frage gibt es keine Antwort, die jedem passt. Die Menschen sollten das Recht haben, ihre Präferenz zum Ausdruck zu bringen. Entscheidungsfreiheit sollte jedem gegeben werden.

Morgenpost Online: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Lage in Japan weiterentwickeln?

Abe: Zuallererst muss man Maßnahmen gegen mögliche weitere Katastrophen eingeleiten. Die Japaner sind sehr besorgt darüber, dass eventuell in der Region Tokai westlich von Tokio ein weiteres verheerendes Erdbeben auftreten könnte. Die Kernkraftwerke dort sind zwar sicher, aber sie müssen für den denkbaren Fall eines Erdbebens besser gerüstet werden, insbesondere Kühlsystem und Stromversorgung. Darüber hinaus werden der weitere Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke und der Bau neuer Kraftwerke nur noch möglich sein, wenn die Kommunen der unmittelbaren Umgebung dem zustimmen.

Morgenpost Online: Was kann generell getan werden, um derartige Katastrophen zu vermeiden? Wo müssen die Regierungen ansetzen?

Abe: Oh, da müssen wir in Japan und auch weltweit eine ganze Reihe von Dingen erledigen. Im Lichte der jüngsten Katastrophe müssen vor allem die Sicherheitsstandards überprüft und erhöht werden. Das Motto sollte dabei lauten: Denke nicht, eine Katastrophe wäre undenkbar. Denke lieber daran, wie schreckliche Folgen zu vermeiden wären und wie man im Falle eines Falles damit umgeht.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Folgen des Fukushima-Unglücks für die Wirtschaft?

Abe: Durch die Fukushima-Katastrophe erhöhen sich die gesellschaftlichen Kosten der nuklearen Stromerzeugung deutlich. Ausgaben für erhöhte Sicherheitsmaßnahmen, wirtschaftliche Verluste und enorme Mengen von Schadenersatz - letztlich müssen alle diese Kosten von der Gesellschaft als Ganzes getragen werden. Vor diesem Hintergrund müssen Einsetzbarkeit und Kosten von erneuerbaren Energien und alternative Technologien wie Hochtemperaturreaktoren, die mit Gas gekühlt werden, bewertet werden.

Morgenpost Online: Welchen Stellenwert hat das Unglück von Fukushima für Sie global betrachtet?

Abe: Die nukleare Katastrophe in Japan wird die Welt über die Kosten, den Nutzen und die Zukunft der Kernenergie diskutieren lassen. Wir müssen darüber nachdenken, welchen Nutzen die Kernenergie als CO2-freie Energiequelle hat. Zugleich müssen wir die Kosten bedenken: Die Kosten dafür, Kernkraft sicherer zu machen und die letztlich von uns zu tragenden Kosten bei einem katastrophalen Unfall, der alle ein bis zwei Jahrzehnte auftreten kann. Auch die Frage nach der Entsorgung von radioaktiven Abfällen gehört zu diesem Komplex.

Morgenpost Online: Was müsste denn unternommen werden, um die atomare Welt sicherer zu machen?

Abe: Zunächst muss gründlich überprüft werden, was falsch gelaufen ist. Dabei müsste zuvorderst eine Bedrohungsanalyse vorgenommen werden. Dabei fragt man zum Beispiel: Wie groß könnte eine Naturkatastrophe sein und wie kann man dafür planen? Sobald Sie die Bedrohungen identifiziert haben, sollten Schutzmaßnahmen ausgearbeitet werden: Stärkung der Erdbebensicherheit, höhere Deichen, Reaktoren und Kühlsysteme auf erhöhtem Gelände, funktionsfähige Notstromversorgung, System-Redundanz. Eine verbesserte Einsatzfähigkeit im Notfall muss ebenso gegeben sein wie mobile Stromerzeugung und Wasserversorgung, chemische und medizinische Hilfsgüter gegen radioaktive Verseuchung und ein national und international organisiertes Nothilfe-Netzwerk.

Morgenpost Online: Wie hat das Unglück von Fukushima die internationale Diskussion über die Kernenergie verändert?

Abe: Was wir in Japan erlebt haben, hat den Blick der Menschen definitiv wieder auf die Frage nach der Sicherheit und nach dem Nutzen der Kernenergie gelenkt. Das kann wie in Deutschland dazu führen, dass die Stromerzeugung mit Kernenergie gestoppt oder ihr Anteil verringert wird. Aber vielleicht müssen die Menschen stärker abwägen, wenn sie fordern, statt auf Kernenergie auf alternative Energien zu setzen. Wollte man Kernkraft schlicht durch Öl und Gas ersetzen, würde das nicht lange reichen.

Morgenpost Online: In Deutschland gibt es eine starke Bewegung gegen Atomkraftwerke – die Bundesregierung hat in Reaktion darauf die geplante Laufzeitverlängerung für alte AKW ausgesetzt. Was halten Sie davon?

Abe: Ein Moratorium ist eine angemessene Reaktion auf die jüngste Katastrophe in Japan. Der Unfall macht ein neues Kalkül für die Nutzung der Kernenergie notwendig. Also: Durchatmen und Nachdenken sind angezeigt. Ich denke, das ist gute Politik.

Morgenpost Online: Was also wäre der bessere Weg: Weiter Energie aus Kernkraft gewinnen oder auf alternative Konzepte umschwenken?

Abe: Ich denke, in der nahen Zukunft wird es zunächst weiter einen Mix aus Energiequellen geben. Es ist schön mehr und mehr saubere Energie zu haben, aber Sonnen- und Windenergie haben Probleme in Sachen Verfügbarkeit, Kosten und Menge. Es sollte eine objektive Gegenüberstellung aller verfügbaren Energiequellen geben, um deren Gesamtkosten für die Gesellschaft abzubilden. Dabei sollten die Gesamtkosten für Gewinnung und Ausbeutung des Energieträgers berücksichtigt werden, dazu der Aufwand für die Entsorgung von möglichen Abfällen und auch der Wiederaufbau nach möglichen Unfällen. Und bei der Kernenergie muss nicht zuletzt auch berücksichtigt werden, dass das Problem eines möglichen militärischen Missbrauchs besteht - im Sinne einer Weiterverbreitung von Atomwaffen.