Insektenforschung

Macht-Geheimnis der Termitenkönigin gelüftet

Seit langem wird gerätselt, wie Termiten in ihrem streng hierarchischen Staat die Ordnung aufrechterhalten. Nun haben Biologen die Lösung gefunden.

Sie sind winzig, farblos und blind und können dennoch ganze Gebäude zum Einsturz bringen. Termiten haben keinen guten Ruf, vor allem in den südlichen Regionen der Erde. Judith Korb, Biologin an der Universität Osnabrück, hat die kleinen Holzfresser dennoch in ihr Herz geschlossen. Seit Jahren erforscht Korb das komplexe Sozialverhalten der Insekten – und findet, dass die Tierchen zu Unrecht nur als Schädlinge gesehen werden.

„Ohne Termiten würden in den Tropen die Ökosysteme zusammenbrechen. Sie spielen dort die Rolle, die bei uns die Regenwürmer ausfüllen“, sagt die 42-Jährige. Zusammen mit Forscherkollegen aus Regensburg hat Korb nun eine aufregende Entdeckung gemacht: Ein einzelnes Gen ist offenbar dafür verantwortlich, dass in dem streng hierarchisch gegliederten Termitenstaat die Ordnung aufrechterhalten bleibt. „Die Macht der Termitenkönigin hängt quasi an diesem Gen“, sagt Korb.

Fast 3000 verschiedene Termitenarten kennt die Wissenschaft. Einige von ihnen bauen riesige Hügel. Andere leben in Erdnestern oder in abgestorbenen Baumstämmen, darunter die von Korb untersuchte Art Cryptotermes secundus.

Für seine Forschung hält Korbs Team die Termiten in einer Klimakammer an der Osnabrücker Uni. Innen herrschen tropische 27 Grad und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. In der Klimakammer lagern mehr als 200 Holzbalken, ordentlich über- und nebeneinandergestapelt in Regalen. In jedem der 50 Zentimeter langen Balken leben ein paar Hundert Tiere. Bis zu 100.000 Tiere sind in der Klimakammer.

Davon, dass es in der Kammer vor Termiten nur so wimmelt, ist allerdings nichts zu merken. Denn die Insekten sind nicht nur blind, sondern auch stumm. Sie bohren sich tief im Inneren der Balken durch das Holz. Äußerlich sehen die Holzklötze vollkommen intakt aus.

Und solange Korbs Team nicht an den Genen der Königin experimentiert, ist auch im Termitenstaat alles intakt: Da sind die Soldaten, die den Staat gegen Angriffe von außen – etwa von Ameisen – verteidigen. Und da sind die Arbeiter, die sich um das Wohl der Soldaten und das Königspaars sorgen. König und Königin selbst sorgen für den Nachwuchs.

„Das Interessante ist, dass jeder der Arbeiter auch König oder Königin werden und sich fortpflanzen könnte – dies aber unter normalen Umständen nicht tut“, sagt Korb. Warum die Arbeiter sich ihrem Schicksal fügen und nicht rebellieren, sei viele Jahre ein großes Rätsel gewesen. Nun scheint klar, dass die Lösung des Rätsels in den Genen liegt.

„Die Forschungen haben ergeben, dass es nur sechs Gene gibt, die eine Königin von einem Arbeiter unterscheiden“, sagt Korb. Welche genaue Funktion diese sechs Gene haben, ist noch unklar. Über ein Gen wissen die Forscher jedoch schon mehr: Dieses ist offenbar für die Kommunikation im Termitenstaat verantwortlich. „Die Kommunikation funktioniert mittels Gerüchen. Schaltet man dieses eine Gen bei der Königin ab, verändert sich vermutlich der Geruch, die Arbeiter erkennen ihre Königin nicht mehr und sie fangen an aufzubegehren“, sagt Korb.

Das Aufbegehren dürfe man sich indes nicht so wie bei Menschen vorstellen, schränkt Korb ein: „Es gibt kein Riesenchaos oder Kämpfe“. Vielmehr lasse sich ein Verhalten bei den Arbeitern beobachten, das besonders dann auftrete, wenn in einem Staat die Königin fehlt. „Die Arbeiter fangen an zu zucken. Jene Tiere, die am meisten zucken, werden zur Königin und versuchen den Staat zu übernehmen“.

Diese Beobachtung könnte sich als nützlich erweisen – nämlich dann, wenn sich Termiten doch einmal als Schädlinge betätigen und ein Gebäude bedrohen. „Dann könnte man dafür sorgen, dass sich in einer Kolonie ohne Ende Königinnen entwickeln, die sich aber nicht fortpflanzen können, weil sie sich alle gegenseitig umbringen“, sagt Korb. Auf dieses Ziel arbeite ihr Team freilich nicht hin, vielmehr gehe es um Grundlagenforschung.

Korb, das ist nicht zu übersehen, hat die kleinen Krabbler wirklich gerne. So gerne, dass sie sie bei ihren Exkursionen in südliche Gefilde auch schon mal auf ihren Geschmack hin testet. „Termiten kann man sehr gut essen. Sie schmecken wie Erdnussflips“, weiß die Biologin aus eigener Erfahrung.