Reaktorkatastrophe

Forscher streiten über Spätfolgen von Tschernobyl

Paradies oder Todeszone: Forscher sind sich über die Folgen von Tschernobyl uneins – vor allem über die Zahl der Toten.

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Vögel mit Tumoren an Krallen und Augen, sinkende Vielfalt der Säugetier- und Reptilienarten – eine grausame Bilanz. Zwei Wissenschaftler untersuchten drei Jahre lang Wildtiere in der 2800 Quadratkilometer großen Sperrzone um das 1986 explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl.

Die immer noch stark erhöhte Radioaktivität lässt Lebewesen krank werden und sterben, sagen Timothy Mousseau (USA) und Anders Moller (Frankreich). Viele Tiere litten unter strahlengeschädigtem Erbgut.

Die aktuelle Veröffentlichung bestätigt erschreckende Befunde, mit denen Mousseau bereits 2007 an die Öffentlichkeit trat. Doch andere Wissenschaftler widersprechen.

Sergej Gaschak vom ukrainischen Tschernobyl-Forschungszentrum und der amerikanische Biologe Robert Baker behaupten das Gegenteil: Die Sperrzone habe sich zu einem Naturparadies mit erfreulicher Artenvielfalt entwickelt. Die Strahlung schade den Wildtieren weniger als erwartet.

Der Streit ist nur einer von vielen über die Spätfolgen der Reaktorkatastrophe in der Ukraine. Seit über zwei Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler aus aller Welt die Folgen. Ein klares Bild kam dabei aber nicht heraus.

Über die Zahl der menschlichen Todesopfer herrscht totale Uneinigkeit. Während das Tschernobyl-Forum der UN 20 Jahre nach dem Desaster 56 Verstorbene zählte und schätzte, dass es unter der betroffenen Bevölkerung zu maximal 4000 zusätzlichen Krebserkrankungen kommen werde, schreiben Atomkraftgegner von bis zu 500.000 Toten.

Unstrittig ist, dass infolge der Absperrung viele Säugetiere und Vögel in dem Gebiet sich stark vermehrt haben und sogar einige wie Luchs und Uhu zugewandert sind. Vögel nisten sogar in dem Stahlsarkophag, der um den zerstörten Reaktor herum errichtet wurde.

Eine Erklärung für die unterschiedlichen Befunde könnte sein, dass kleinere Tiere wie Mäuse zuweilen ihr ganzes Leben auf einem Stück stark verstrahlten Bodens verbringen, während Großtiere umherwandern. Eine andere Erklärung wäre: Auch seriöse Wissenschaftler können sich von ihrer Grundhaltung für oder gegen Atomkraft nicht frei machen.