Zweiter Weltkrieg

Wie deutsche Soldaten zu Kriegsverbrechern wurden

Sönke Neitzel und Harald Welzer haben 150.000 Blatt britische Abhörprotokolle ausgewertet. Der Gruppendruck trieb deutsche Soldaten zu den Grausamkeiten.

Die beiden Jungen hatten fast keine Chance. Vielleicht 15 Jahre alt waren die „Bengels“ in sowjetischer Uniform, die 1941 irgendwo an der Ostfront deutschen Landsern in die Arme liefen. Die wollten sie „nach Westen tippeln“ lassen, in das ungewisse Schicksal der Gefangenschaft. Die Wehrmachtssoldaten drohten ihnen: „In dem Moment, wo sie versuchen, bei der nächsten Biegung in den Wald reinzulaufen, da kriegen sie was auf den Latz geknallt.“ Dennoch taten die beiden russischen Jungen genau das: „Kaum sind sie außer Sichtweite, da schleichen sie weg – husch, husch, weg waren sie.“

Zwei Gefangene weniger, beide unbewaffnet – die deutschen Soldaten hätten diese Flucht auf sich beruhen lassen können. Doch das taten sie nicht, wie sich der Oberfeldwebel Schmid im Sommer 1942 erinnerte: „Da wurde gleich ein größeres Kontingent aufgeboten und musste suchen. Und dann haben sie die beiden erwischt.“ Ausdrücklich hob der Soldat hervor, seine Kameraden seien „anständig“ gewesen und hätten die beiden Jungs „nicht gleich erschlagen“, sondern zum Regimentskommandeur gebracht. Auf das Ergebnis hatte das keinen Einfluss: „Nun hatten sie ihr Leben verwirkt. Da mussten sie ihr Grab schaufeln, zwei Löcher, dann wurde der eine erschossen.“ Der andere Junge wurde, bevor er selbst sterben musste, noch gezwungen, seinen toten Kameraden ins Loch zu schieben. „Das hat er mit lächelnder Miene gemacht!“, erzählte Schmid beeindruckt.

Erschütternd ist die Offenheit

Der Bericht des deutschen Soldaten findet sich in einem von mehr als 20.000 Protokollen über abgehörte Gespräche deutscher Soldaten in alliierter Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs. Der Berliner Historiker Sönke Neitzel und der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer haben sie in einem Großprojekt mit Unterstützung der Henkel- und der Thyssen-Stiftung ausgewertet; ab 11. April erscheinen die Ergebnisse in dem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“. Der Band gehört sicher zu den wichtigsten Publikationen des Jahres, denn die Auswertung der rund 150.000 Blatt Akten aus britischen und US-Archiven eröffnet völlig neue Perspektiven.

Die ungefilterten Berichte der deutschen Soldaten haben schon vor Erscheinen für breite öffentliche Resonanz gesorgt. Tatsächlich finden sich unzählige grausame Details in dem umfangreichen Text, über Morde an sowjetischen Zivilisten, willkürliche Hinrichtungen und Vergewaltigungen. Erschütternd ist auch die Offenheit, mit denen die Landser gegenüber Kameraden redeten, als sie sich unbeobachtet fühlten; die Mikrofone der Abhöranlagen in den speziellen Lagern waren natürlich sorgfältig versteckt. Die Diskrepanz jedenfalls zur Masse der erhaltenen Feldpostbriefe in die Heimat und den späteren Schilderungen im Familienkreis ist frappierend.

Dennoch liegt die Innovation des Buches nicht in diesen Details. Dass die Wehrmacht in der Sowjetunion und auf dem Balkan, aber in geringerem Maße auch an anderen Fronten einen Vernichtungskrieg geführt hat, ist spätestens seit der zweiten, praktisch fehlerfreien „Wehrmachtsausstellung“ auch in Deutschland allgemein anerkannt – auch wenn natürlich nicht jeder der mehr als 18 Millionen deutschen Soldaten an Kriegsverbrechen beteiligt war.

Militärexperte Neitzel und Verhaltensspezialist Welzer wollen jedoch mehr, nämlich verstehen, warum so viele der zumeist jungen Männer, die einen Querschnitt der Bevölkerung darstellten, zu derart grausamen Taten fähig waren. Vor 15 Jahren antwortete der US-Politologe Daniel Goldhagen in seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ ganz schlicht: „Die“ Deutschen seien von radikalem Antisemitismus getrieben worden. Doch so ließ sich nicht erklären, warum auch Millionen nichtjüdische Russen, Jugoslawen und Westeuropäer sterben mussten.

Der Freiraum war extrem eng

Auf Grundlage der Abhörprotokolle kommen Neitzel und Welzer jetzt zu einer beunruhigenden Einsicht: „In Wahrheit handeln Menschen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwatet wird.“ Entscheidend sind die „Deutungsmuster“, mit denen man die Realität um sich herum wahrnimmt. Das illustrieren die Autoren durch einen einfachen Vergleich: Drei Tote durch eine Bombe heute führen zu großen Zeitungsberichten – drei Tote durch Bomben im Zweiten Weltkrieg waren aber kaum ein Wimpernzucken wert.

Gerade für Soldaten war der Freiraum zu eigenen Entscheidungen meist extrem eng – und man brauchte außerordentlich viel Kraft, um diese wenigen Möglichkeiten zu nutzen. Es war zwar möglich, aber immer einfacher, den allgemein erwarteten, im jeweiligen Moment also „normalen“ Weg zu gehen – auch wenn das bedeutete, Dutzende oder gar Hunderte wehrlose Menschen zu töten. Für ihre Erklärung benutzen Neitzel und Welzer den Begriff „Referenzrahmen“. Das klingt theoretischer als es ist, denn dieses Phänomen kennt jeder Mensch. Es ist bisher unzureichend etwa als „Gruppendruck“ beschrieben worden.

Das Buch relativiert nichts, sondern bietet im Gegenteil erstmals eine überzeugende Erklärung, wie „ganz normale Männer“ so exorbitante Gewalttaten begehen konnten. Übrigens forderten Verbrechen der Wehrmacht wie die „Partisanenbekämpfung“ noch viel mehr Opfer als der vom NS-Rassenwahn angetriebene Holocaust. Abschließend drehen Neitzel und Welzer die bisher meist gestellte Hauptfrage um: „Es ist unangebracht, sich darüber zu empören, dass Menschen sterben, getötet und verkrüppelt werden, wenn Krieg ist.“ Wichtiger sei eine andere Frage: „Ob und unter welchen sozialen Bedingungen können Menschen vom Töten ablassen?“ Das Vertrauen der Moderne in ihre „Gewaltferne“ sei eine Illusion. Das ist nicht zynisch, sondern realistisch. Grausam und realistisch.

Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. (S. Fischer, Frankfurt/M. 521 S., 22,95 Euro).